Wie Alexander Zverev durch Daniil Medvedev zu einem besseren Spieler wurde

Alexander Zverev hat in London endlich wieder gegen Daniil Medvedev gewonnen. Unser Tennis-Insider meint: "Meddy" hat Sascha zu einem besseren Spieler gemacht.

von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet: 30.11.2021, 18:53 Uhr

"Alles was uns an anderen missfällt, kann uns zu besserer Selbsterkenntnis führen." - Carl Gustav Jung.

Waren es zwölf- oder vierzehnmal? Wahrscheinlich wusste es Alexander Zverev selbst nicht. Innerlich muss er verdammt genervt gewesen sein. Immerhin hatte der Schlaks mit dem nur halbherzig gekämmten Seitenscheitel auf der anderen Seite des Netzes ihn bereits fünfmal in Serie zu Gratulationen am Netz gezwungen.

Nach einem endlosen Ballwechsel, vierzehnmal flog die Kugel meist flach über die Netzkante, kam der Fehler. Sascha verdrehte die Augen, der Kopf wippte kurz nach links. Als Zuschauer konnte man fast Zuhörer seiner Gedanken sein: "Verdammt man, nicht in diese langen Ballwechsel verstricken lassen. Du weißt doch, dass das nix wird!".

Die Zverev-Medvedev-Fehde ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie man sich als Tennisspieler verbessern kann. Dabei schaut man nicht nur stur auf seine Grundschläge, sondern zieht seine Niederlagen zu Rate. Alexander Zverev hat, ich gehe in diesem Artikel davon aus, dass es bewusst war, aus seinen Niederlagen gegen Daniil Medvedev nicht nur gelernt.

Sascha ist durch diese Rivalität zu einem rundum besseren Spieler geworden. In diesem Artikel schauen wir uns an, wie das irritierende Spiel eines Kontrahenten das eigene Spiel auf die nächste Ebene bringen kann. Wir beginnen aber mit etwas anderem. Und zwar mit dem Kopf.

Die kluge Art Niederlagen abzuhaken

Ich weiß ja nicht, wie es dir geht. Aber mir wurde früher immer geraten Niederlagen schnell abzuhaken.

Es mag sein, dass ich da was falsch verstanden hatte. Denn je besser ich darin wurde Niederlagen einfach hinzunehmen, desto mehr regte mich das Mondballspieler-Tennis auf. Dieses Anti-Tennis beruht darauf den Ball langsam und hoch auf die Rückhand zu spielen. Ich verlor sämtliche Matches bei Ranglistenturnieren gegen Leute, die nicht besser als ich waren.

Wie gelehrt hakte ich diese Niederlagen ab. Bis mir ein Trainer den Ratschlag gab, diese Spiele zu analysieren. Mich zu fragen, warum diese Spielweise mich nervlich fertig machte und, noch viel wichtiger, warum ich gegen diese Spielweise fast immer verlor.

Recht schnell stellte ich fest, dass ich extreme Probleme damit hatte langsame Bälle des Gegners zu beschleunigen. Dazu wurde mir klar, dass meine Beinarbeit mit dem ständigen vor- und zurückbewegen vollkommen überfordert war. Eine weitere Lektion erklärte eindeutig, dass ich eine Null in längeren Ballwechseln war. Ich verlor die Geduld, wenn die Kugel mehr als viermal das Netz überquerte.

Diese simple Analyse verriet mir, woran ich in meinem Spiel arbeiten musste: Bälle beschleunigen, Beinarbeit und Ball im Spiel halten.

Wer klug ist, der hakt Niederlagen emotional ab, um sie dann spielerisch zu analysieren. Wir schauen nun, wie Alexander Zverev das teils merkwürdige Spiel von Daniil Medvedev fast schon schamlos ausnutzte, um ein besserer Spieler zu werden.

Gefangen in der Welt der endlosen Ballwechsel

Wenn Daniil Medvedev ausholt, dann zucke ich meist kurz zusammen und denke mir: "Mensch, der holt doch zu spät aus!". Aber dann spielt er den Ball drei Zentimeter vor die Grundlinie und wiederholt das so oft, bis der Gegner den Fehler macht - oder er einen Stopp spielt.

Zverev besitzt mächtige Schläge. Als großer Spieler bewegt er sich auch weit hinter der Grundlinie exzellent. In seinen Matches gegen Medvedev ist die Auswahl seiner mächtigen Schläge entscheidend. Das Expertentum spricht hier gern von der "Shot-Selection". In den fünf Niederlagen lag Sascha in wichtigen Spielsituationen mit dieser Selection ab und an daneben. Die Balance aus kontrollierter Offensive und dem reinen Mitspielen verrutschte. In den endlosen Ballwechseln ist nur Novak Djokovic stärker als Medvedev.

Sascha musste sein Spiel so optimieren, dass er seine mächtigen Schläge möglichst früh im Ballwechsel, aber keinesfalls nur aus einer Emotion heraus, einzusetzen lernte. Ein kleiner Hebel, der seinem Spiel aber einen großen Einfluss verpasste. Lass uns weiter schauen, wie diese kleinen Hebel das Spiel von Zverev konstant verbessert haben.

Aggressives Tennis zur richtigen Zeit

Wir haben bisher herausgefunden, dass Daniil Medvedev in langen Ballwechseln stärker als Alexander Zverev ist. Sascha besitzt in seinem Spiel aber die mächtigen Schläge, um die Ballwechsel zu verkürzen. Dazu hat Alex einen Aufschlag der, sobald er ihn variabel spielt, eine echte Waffe gegen großartige Returnspieler wie Medvedev ist.

Daraus ergeben sich zwei kleine Hebel, die das Spiel von Zverev so effektiv wie nie zuvor gestalten. Er wurde durch die Rivalität zu Medvedev beinahe dazu gezwungen, Wege zu finden, um seine starken Schläge intelligent einzusetzen. Und exakt dies ist in den letzten Monaten passiert.

Keinesfalls hat Sascha zuvor blöde gespielt. Aber die teils irritierende Spielweise Medvedev`s führte dazu, dass Sascha mittlerweile jeden nicht lang genug gespielten Schlag des Gegners mit enormer Aggressivität bestraft. Dabei überpowert er nicht und er trifft keine unüberlegten Schlagentscheidungen. Zverev hat durch die Rivalität zu Medvedev sein eigenes Spiel so gut kennengelernt, dass er dieses viel effektiver einsetzen kann. Vor allem bei den Big-Points, wenn es darum geht seinem besten Tennis am meisten zu vertrauen.

Der zweite Hebel im Spiel von Zverev ist der Aufschlag. Klar, da kommt ein Geschoss beim ersten Service heraus. Aber das wäre gegen so abgebrühte Returnspieler wie Medvedev oder Djokovic zu wenig. Statt langweilig auf Tempo zu gehen, mischt Zverev seine Aufschlagvariationen durch. Mal mit Slice nach außen, mal mit Slice auf Mann - dann mit Wucht auf den Körper. Ich stand mit Sascha noch nie auf einem Court. Aber ich glaube, dass man an seinem Ballwurf nicht erkennen kann, wohin er wie servieren wird. Diese Aufschlagstärke ist selbst für die besten Returnspieler kaum zu knacken.

Fazit

Du kannst als Hobbyspieler eine Menge aus der Zverev-Medvedev-Geschichte mitnehmen. Zverev schaffte es seine Stärken noch weiter zu verbessern. Dazu orientierte er sich an der Spielweise der Spieler, die ihn regelmäßig schlagen konnten. Selbst wenn du nicht auf dem Zverev-Niveau dein Racket schwingst, so kannst du das Prinzip für dich übernehmen.

Welche Spielweise frustriert dich? Was fehlt deinem Spiel, um gegen diese frustrierende Spielweise bestehen zu können? Welche Schläge und Fähigkeiten solltest du entwickeln, um diese Spielweise in Zukunft schlagen zu können?

Die ehrlichen Antworten auf diese Fragen können dein Tennis in den nächsten Monaten verbessern. Und denk immer dran: Niederlagen wollen dir nichts, sie wollen dir nur mitteilen, woran du noch arbeiten musst.  

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