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Begegnung mit der Geschichte – Der große Serena-Moment

Die Karriere der Serena Williams ist eine der erstaunlichsten Geschichten und Biographien des Sports.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 10.07.2016, 08:52 Uhr

LONDON, ENGLAND - JULY 09: Serena Williams of The United States lifts the trophy infront of the fans from The Members balcony following victory in The Ladies Singles Final against Angelique Kerber of Germany on day twelve of the Wimbledon Lawn Tenni...

Von Jörg Allmeroth aus London

AlsSerena Williamsdieser Tage einmal in einer Pressekonferenz gefragt wurde, ob sie sich zu den „größten Sportlerinnen aller Zeiten“ zähle, sah die US-Amerikanerin den Moment einer Klarstellung gekommen. „Ich würde bevorzugen, eine der Größten im Sport aller Zeiten genannt zu werden“, sagte die US-Amerikanerin ganz ruhig, mit einem leichten, freundlichen Lächeln. Man konnte ihr das als Arroganz auslegen, als Überheblichkeit oder Selbstüberhöhung. Aber man konnte es auch schlicht richtig finden: Denn die jüngere der beiden Williams-Schwestern, diese „Sensational Serena“ (The Mirror), hat sich mit ihrem siebten Wimbledon-Titel und dem 22. Grand-Slam-Coup endgültig in eine exklusive Champions League außergewöhnlicher Sportpersönlichkeiten katapultiert, der nur ganz wenige Asse zugehören.

Von der Zweiflerin zur Übermächtigen

„Sie hat das Tennis auf eine neue Stufe gehoben. Und die Wahrnehmung von Frauen im Sport verändert“, sagte am Samstagabend, nach Williams’ Zwei-Satz-Erfolg gegen die bravouröseAngelique Kerber,die frühere Tennis-Frontfrau Martina Navratilova. „Unglaublich“ sei die Lebensleistung von Serena, gratulierte aus der Ferne von Las Vegas die Frau, deren Grand-Slam-Bestmarke im modernen Tennis die 34-jährige US-Amerikanerin nun egalisiert hatte – keine andere als Steffi Graf. Als Graf im Sommer 1999, zermürbt von Verletzungen, ihre Ausnahmekarriere beendete, strahlte kurz darauf erstmals der Stern von Little Sister Serena auf, bei den US Open in New York. Mit 17 holte sie damals den ersten Grand-Slam-Pokal, 17 Jahre später nun die vorerst letzte ihrer großen Trophäen, als wäre es ein Leichtes. „Ist das alles Glück gewesen, Schicksal? Nein, war es nicht“, sagte die zupackende Veteranin in der historischen Londoner Stunde, „seit ich drei Jahre alt bin, lebe ich fürs Tennis. Ich arbeite hart, ich verzichte auf vieles. Ich habe das verdient.“

Was vor allem Respekt verdient, ist die Zähigkeit und Hartnäckigkeit, mit der Williams in der späten Phase ihrer Karriere die anspruchsvollsten Ziele verfolgt. Am Samstag erinnerte sich ihr Coach und zeitweiliger Lebensgefährte Patrick Mouratoglou an das French-Open-Turnier vor vier Jahren, an Serena Erstrunden-Niederlage damals. Und an das, was sie ihm danach sagte: „Ich will wenigstens noch einen Grand Slam gewinnen.“ Sage und schreibe zehn weitere Major-Erfolge wurden es dann bis zum Stichtag des 9. Juli 2016, der neuerlichen Thronbesteigung in Wimbledon. Hier, im All England Lawn Tennis Club, ist sie längst zur „Übermächtigen“ geworden, in ihrem Williamsdon-Reich spielt sie auf der Höhe ihrer Kraftentfaltung wahrlich in einem parallelen Universum. Anfangs stand sie auch an der Church noch im Schatten der älteren Schwester Venus, doch bald wurde sie zur stärkeren Kraft aus der Familiendynastie. Und zur Besten dieser Epoche, nichts weniger als das.

Nach Schockmoment zur Dominatorin

Selbst Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton hatte schon einmal die 34-jährige Meisterspielerin als Idol für die amerikanische Jugend gewürdigt: „Alles ist möglich, wenn man hart arbeitet und große Träume hat.“ Tatsächlich gehört die Aufstiegsgeschichte beider Schwestern Venus und Serena aus den Straßenschluchten des Vorstadtdschungels von Compton nahe Los Angeles hinauf an die Weltspitze zum Erstaunlichsten, was jemals im Sport passiert ist. „Cinderellas aus dem Ghetto“ hatte Daddy Richard Williams seine talentierten Kinder genannt und mit diesem Slogan auch vermarktet, Serena allerdings war von vornherein Papas spezieller Liebling. „Wenn Serena loslegt, brennt der Centre Court“, hatte er vor ein paar Jahren, bei einem seiner letzten Wimbledon-Besucher, einmal gesagt. Inzwischen kann er die Reise über den großen Teich nicht mehr antreten, aber seine Tochter widmete ihm, dem ewigen Förderer und Forderer, am Samstag noch vom Centre Court aus einen besonderen Gruß: „Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin.“

Zuletzt allerdings half sie an erster Stelle sich selbst. Nach Jahren, in denen Tennis manchmal zur Nebensache geworden war und eine gewisse Beliebigkeit ihre Reisen um die Welt kennzeichnete, folgte 2011 ein Schockmoment. Mit einer akuten Lungenembolie kam sie in ein Krankenhaus in Los Angeles, es ging, wie sie später ohne Übertreibung sagte, „um Leben oder Tod.“ Fortan, schwor sie sich da, werde sie ihre Zeit als Spielerin „nicht mehr verschwenden, sondern hundertprozentig nutzen und ausnutzen.“ Seit jenem zweiten Erweckungserlebnis rauschte sie von Sieg zu Sieg, von Grand-Slam-Titel zu Grand-Slam-Titel. Erst holte sie ihre beiden Idole Chris Evert und Martina Navratilova ein, jeweils mit 18 Major-Erfolgen notiert, und nun zog sie auch mit Steffi Graf gleich. Mehr wird noch kommen, wahrscheinlich neue sagenhafte Rekorde. Denn eins ist Williams, die Jüngere, noch immer nicht: Satt. „Mein Ehrgeiz ist ungestillt“, sagte Serena, „meine Mission ist noch nicht zu Ende.“

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