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Kerber-Trainer Torben Beltz – „Man ist auch eine Art Animateur“

Der langjährige Trainer von Angelique Kerber spricht über die Arbeit mit seinem Schützling.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 08.07.2016, 06:59 Uhr

Torben Beltz, Angelique Kerber

Torben Beltz (39) ist der Trainer und engste Vertraute vonAngelique Kerber,der sportliche Mann an ihrer Seite. Er coachte Kerber sogar schon in deren Juniorinnen-Tagen, arbeitete in den großen Jahren ihrer Profizeit mit ihr zusammen.

Herr Beltz, keiner kennt Angelique Kerber besser als Sie. Können Sie uns das Geheimnis ihrer Erfolge erklären?

Torben Beltz: Sie war immer schon ein Riesentalent, das sah man schon in Kindertagen. Aber sie brauchte auf der Tennis-Tour erst diese Selbstbestätigung, um frei loszuspielen. Die bekam sie erstmals 2011 – mit dem Halbfinal-Einzug bei den US Open. Mit einem Paukenschlag auf einer großen Bühne. Das war die Initialzündung. Auf einmal wusste sie: Ich bin da oben dabei. Ich kann die Guten schlagen. Und nun ist sie auf dem Gipfel ihrer Karriere.

Dabei wollte sie 2011 fast aufhören, nach dem Erstrunden-Aus in Wimbledon?

Beltz: Das war eine Krise, ja. Eine ernste Krise. Auch weil Angie so ehrgeizig ist. Weil sie sich nach solchen Enttäuschungen oft die Frage stellte: Warum belohne ich mich nicht für die harte Arbeit. Warum kann ich nicht zeigen, was ich drauf habe?

Lange hat Kerber den Experten ein Rätsel aufgegeben. Viele dachten immer: Die Erfolge sind ein Ausreißer, eher Zufallstreffer.

Beltz: Natürlich gab es diese Bedenken. Ich glaube, Angie war sich da auch nicht immer hundertprozentig sicher, wohin das alles führt. Aber die Bestätigung hat sie sich dann regelmäßig selbst gegeben, mit einer Kontinuität, die mich selbst manchmal sprachlos machte. Man darf nicht vergessen, dass sie über die letzten Jahre fast immer in den Top Ten stand. Das ist das beste Zeugnis für Ausdauer und Klasse.

Warum schaffte sie nicht früher diesen ganz großen Durchbruch?

Beltz: Ein Faktor war sicherlich die Fitness. Dieses gute Körpergefühl, das sie jetzt hat, war halt früher noch nicht da. Nach dem Comeback vor fünf Jahren bekam sie richtige Lust an dieser harten Arbeit. Hat sich da regelrecht reingestürzt. Und weil sie immer erfolgreicher wurde, ließ sie auch nicht mehr locker. Auch weil sie merkte, dass sie ohne diesen hundertprozentigen, bedingungslosen Einsatz nichts Großes schaffen kann. Alle Spitzenspielerinnen arbeiten extrem hart, da kannst du dir keine Kompromisse leisten.

Selbst viele Rivalinnen bewundern die Zähigkeit Ihrer Chefin, diese Hartnäckigkeit, die letztlich auch zu einem Grand-Slam-Sieg und auch schon mal Platz zwei in der Weltrangliste geführt hat.

Beltz: Es ist schon undankbar für jede, gegen Angie zu spielen. Sie gibt eigentlich keinen Ball verloren, ist mit unglaublicher Intensität im Spiel drin. Und macht auch die unmöglichen Dinge möglich. Sie ist aber auch deshalb so erfolgreich, weil sie ihr Repertoire konsequent ausgebaut und verfeinert hat. Man muss sich nur mal die Länge und Präzision ihrer Bälle anschauen, das ist eben Weltklasse. Und das gilt auch für die Aggressivität des Spiels, die Power. Sie ist eigentlich jeden Tag besser geworden, über die letzten Jahre hinweg.

Sie reisen viele Wochen zusammen mit Angelique Kerber durch die Welt. Wie muss man sich diese Partnerschaft vorstellen?

Beltz: Wir arbeiten sehr ernsthaft zusammen, das ist das Wichtigste, das hat oberste Priorität. Aber wir kommen auch sonst gut klar, haben unseren Spaß, wenn nicht auf dem Platz oder im Kraftraum geackert wird. Wir spielen Backgammon oder gehen mal ins Kino, machen unsere kleinen Wetten untereinander aus. Wenn du so viel Zeit zusammen unterwegs bist, muss einfach die Chemie stimmen. Und das ist sicher so bei uns. Sie ist eben auch ein unheimlich angenehmer Mensch, mit dem man gern seine Zeit verbringt.

Angelique gilt eher als ruhiger, zurückhaltender Mensch. Wie passt der Trainer dazu?

Beltz: Ich bin auch keiner von der lauten Sorte. Ich bin schon der ruhende Pol, jemand, auf den sie sich verlassen kann, der auch klar Kritik ausspricht. Aber ich muss natürlich als Coach motivieren, anfeuern, antreiben. Und das mache ich auch mit großem Vergnügen. Wenn sie zur Tribüne hochschaut und mich sieht, dann muss ich einfach Gas geben und Action machen. Oder nach einem Fehler beschwichtigen: nicht so schlimm, weiter jetzt. Das ist auch eine große Hilfe für sie. Man ist da eben auch eine Art Animateur.

Die Australian Open, der Sieg gegen Serena Williams, waren noch einmal ein Einschnitt in Kerbers Karriere. Erst der große Triumph, danach aber auch die Mühen der neuen Popularität.

Beltz: Es waren Wahnsinnswochen in Melbourne. Vom abgewehrten Matchball in Runde eins bis zum Titel. Es war auch der Beweis, welchen Rang sie jetzt im Tennis einnimmt. Sie ist oben angekommen, Im Konzert der ganz Großen, und sie will diesen tollen Platz auch so schnell nicht wieder räumen. Der Rummel war groß, dieser Medientrubel. Das war eine Belastung, klar. Da musste sie noch mal dazulernen. Aber eigentlich mag sie diese Auftritte, die sind für sie auch eine Belohnung. Und sie hat das jetzt auch gut im Griff, wird nach Wimbledon noch souveräner sein in dieser Rolle.

Wie geht das Duo Kerber/Beltzin dieses Wimbledon-Finalehinein?

Beltz: Mit Zuversicht. Dem Gefühl, dass alles möglich ist. Es ist ein großer Vorteil, dass Angie die Bühne eines Endspiels in Melbourne schon kennengelernt hat. Und dass sie weiß: Ich kann diese Serena Williams schlagen. Beide mögen Rasen. Es wird ein offenes, gutes Spiel werden, da bin ich sicher. Als Trainer ist es ein Traum, dabei sein zu können. Dafür macht man diese Arbeit.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth.

von tennisnet.com

Freitag
08.07.2016, 06:59 Uhr