"Er ist der positivste Mensch, den ich kenne!"

Angelique Kerber schwärmt von ihrem Coach Torben Beltz.

von Von Jörg Allmeroth aus Singapur
zuletzt bearbeitet: 24.10.2016, 07:45 Uhr

SINGAPORE - OCTOBER 22: Angelique Kerber of Germany talks to coach Torben Beltz during practice prior to the BNP Paribas WTA Finals Singapore at Singapore Sports Hub on October 22, 2016 in Singapore. (Photo by Clive Brunskill/Getty Images)

Am letzten Freitag, beim WM-Galadiner im mondänen Marina Bay Sands Hotel zu Singapur, bot Torben Beltz ein ungewohntes Bild. Der Trainer von Angelique Kerber erschien ausnahmsweise in der Öffentlichkeit einmal mit Anzug und Krawatte, und weil ihm die Aufmachung nicht so wirklich geheuer ist, wehrte er zunächst auch alle professionellen Fotografen und sonstigen Knipser leidenschaftlich ab. "Bloß keine Bilder", sagte Beltz lächelnd und hielt sich die Arme vors Gesicht, "sonst läuft das wieder im Internet rauf und runter."

Beltz (39), ein baumlanger Kerl aus Itzehoe, ist kein Mann für Glitzer und Glamour, für rote Teppiche und den Schnickschnack, der die professionelle Tour des Damentennis auch beharrlich begleitet. Der Lehrbeauftragte der deutschen Weltranglisten-Ersten fühlt sich in Trainingsklamotten und auf Tennisplätzen am wohlsten, und bei dieser Arbeit versprüht er ohne Einschränkung gute Laune - ohne dass die Arbeitsdisziplin in irgendeiner Art und Weise leidet. "Er ist der positivste Mensch, den ich kenne", sagt Kerber über den zweifachen Familienvater, "keiner weiß besser Bescheid, wie ich ticke. Ohne ihn wäre das alles nicht so gelaufen." Aus beruflicher Kooperation über viele Jahre - Beltz sah schon das Tenniskind Kerber auf dem Platz stehen - wurde auch eine freundschaftliche Beziehung. Man müsse sich auch privat "gut verstehen", findet Kerber, "schließlich verbringt man unheimlich viel Zeit zusammen." Wie gerade auch in Singapur, dem WM-Schauplatz, an dem Kerber am Dienstag zu ihrem zweiten Match gegen die Rumänin Simona Halep antritt. Bei einem Sieg winkt ihr bereits die vorzeitige, erstmalige Halbfinalqualifikation.

Kurzes Intermezzo

35 bis 40 Tenniswochen sind Kerber und Beltz im Wanderzirkus zusammen unterwegs, hinzukommen dann noch die schweren Trainingsprogramme zur Vorbereitung auf die neue Saison. In Kerbers Karriere sind Manager, Fitnesscoaches oder Physiotherapeuten gekommen und gegangen, doch Beltz ist fast immer als zentraler Übungsleiter geblieben - nur einmal trennten sich ihre Wege, als Beltz 2013 mehr Zeit mit der Familie verbringen und die Reisetätigkeit einschränken wollte. Doch nach einem nicht wirklich glücklichen Intermezzo mit Motivationsguru Benjamin Ebrahimzadeh rief Kerber in sportlicher Not wieder Beltz an ihre Seite - es war dann auch der Beginn des kleinen Tenniswunders von und mit Kerber in der Hauptrolle.

Als Spieler scheiterte Beltz am Aufstieg in die Champions League seines Sports und verlegte sich danach zügig aufs Trainergeschäft. Im komplizierten Damentennisbetrieb, in dem das Heuern und Feuern von Coaches gelegentlich wie ein lieb gepflegtes Hobby erscheint, wirken Kerber und Beltz wie ein Vorzeigepaar. Die zur Führungskraft aufgestiegene Kielerin vertraut dem Trainer uneingeschränkt und rückhaltlos, eine Seltenheit in der Branche, eine Seltenheit aber auch für Kerber, die sonst nur zu wenigen Menschen abseits der Familie große Nähe entwickelt. Beltz kommt auch die Aufgabe zu, die Launen und Befindlichkeiten seiner Chefin auszuhalten oder im Matcheinsatz zu steuern.

Einer von der leisen Sorte

In wichtigen Matches, wie nun auch zum Auftakt der WM gegen die slowakische Powerfrau Dominika Cibulkova , ist Beltz unablässig gefordert - als Animateur, als Antreiber, als Beschwichtiger, als Stratege und Lenker im Hintergrund. "In der Hitze des Gefechts verliert man schon mal den kühlen Kopf und den Marschplan", sagt Kerber, "doch dann ist ja Torben da." Der Mann an ihrer Seite, der ewige Begleiter. Und einer, der charakterlich paßt zu der zurückgenommenen Ausnahmespielerin: "Ich bin auch keiner von der lauten Sorte. Ich kann der ruhende Pol sein", sagt Beltz selbst. Aber wenn es nötig ist, dann kann auch der 1,96-Meter-Mann "mal so richtig aus sich herausgehen", dann sind die "Come on, Angie"-Rufe selbst in gewaltigen Stadien oder Hallenpalästen zuverlässig zu hören.

Als Beltz 2014 wieder bei Kerber anfing, steckte die tief in der Krise, war von großen Zweifeln geplagt. Auch Beltz mahnte damals zur Vorsicht, hoffte nach dem Sturz aus den Top Ten auf eine langsame Stabilisierung. Bald indes merkte der Coach, dass Kerber in der alten, neuen Zusammenarbeit richtig aufblühte und bereit war, ihrer Karriere einen letzten, entscheidenden Dreh zu geben. "Sie war mit größerer Intensität als je zuvor bei der Sache", sagt Beltz, "sie wollte allen etwas beweisen. Und vor allem auch sich selbst." 2015 gingen zwar wichtige Matches bei den Grand Slams verloren, aber vor allem die physische Basis für den ganz großen Sprung war gelegt. Nun, in der zu Ende gehenden Saison, passten alle Puzzleteile zusammen, die Fitness, die starke Mentalität, manchmal auch das Schicksal, das sich Kerber zuneigte, so wie beim abgewehrten Matchball in Runde eins der Australian Open gegen die Japanerin Doi. "Es war ein Jahr wie im Märchen", sagt Beltz. Ein Jahr, in dem er und Kerber von Sieg zu Sieg eilten. Und umso mehr Spaß hatten als umherziehende Tennisnomaden. "Wir haben immer eine gute Zeit zusammen", so Beltz, "aber diese Erfolge haben alles noch vergoldet. Dieses Jahr wird man nie vergessen."

Die WTA Finals gibt es live auf DAZN!

Hier die Auslosungen und Ergebnisse aus Singapur: Einzel .

Hier der Spielplan.

von Von Jörg Allmeroth aus Singapur

Montag
24.10.2016, 07:45 Uhr