Analytics im Tennis: Wie Daten Einfluss auf die Matchvorbereitung nehmen

In Zeiten der detaillierten Datenerfassung von Tennismatches nimmt die Aufbereitung von Statistiken eine immer größere Rolle im Profitennis ein. Top-Spieler bei den Herren geben bis zu siebenstellige Summen für Analytics aus, bei den Damen werden Tablets bei On-Court-Coachings verwendet.

von Lukas Zahrer
zuletzt bearbeitet: 19.11.2019, 15:43 Uhr

„Jede Spielerin folgt gewissen Mustern. Und jede Spielerin braucht solche Muster“, erklärt Wim Fissette gegenüber WTA Insider. „Sie helfen dir, in stressigen Situationen Ruhe zu bewahren.“

Der heutige Stand der Technik erlaubt es, diese Muster in Zahlen zu fassen. Diese Informationen machen sich Spielerinnen auf der WTA-Tour zunutze, um sich bestens auf die nächste Gegnerin einzustellen und sich im besten Fall einen Vorteil zu verschaffen.

„Das bedeutet aber keineswegs, dass dich gewisse Muster vorhersehbar machen“, winkt Fissette ab. Vielmehr sei die Anzahl der fest verankerten Spielzüge wichtig. Wie etwa in einem Strategiebuch, das im Basketball oder American Football die Angriffe einer Mannschaft koordinieren.

Wim Fissette: Analytics? "Alles, was ich sage, mit Zahlen belegbar"

Der Technologiekonzern SAP bietet Profis auf der WTA-Tour einen Service, der gesammelte Daten von Spielerinnen als Tendenzen ausspuckt, wie sie sich in verschiedensten Situationen am ehesten verhalten würden. Dabei seien vor allem die kurzen Ballwechsel ein Faktor, bei dem man schnell ansetzen kann.

„Die taktische Ausrichtung entscheidet sich in den ersten vier Schlägen, die du dir schon vor dem Ballwechsel zurechtlegst“, erklärt Fissette. „Den Aufschlag spielst du so, dass du genau jene Vor- oder Rückhand anhängst, mit der du dich wohlfühlst.“ Ähnlich verhalte es sich beim Return.

Ab dem fünften Schlag in einem Ballwechsel beginne eine neue Ebene, bei der es darum geht, einen Gewinnschlag über Winkelspiel und eine geschickte Platzierung des Balles vorzubereiten. Ab neun Schlägen kommt die Physis ins Spiel. „Die fittere Spielerin wird den Ballwechsel gewinnen“, sagt Fissette.

Mit diesen Hintergedanken lässt sich das Abschlusstraining vor einem Match für Profispielerinnen maßschneidern, wie das vor der Zeit von datengetriebenen Hinweisen nicht der Fall war. Neben der Analyse von Rallys bietet die Software ein Feature, mit dem der Ballwurf unter die Lupe genommen wird. So können Spielerinnen die Richtung oder Art eines Aufschlags früher erkennen.

Fissette, der auf der Tour schon mit Kim Clijsters, Simona Halep oder Angelique Kerber zusammenarbeitete und nun Viktoria Azarenka betreut, freut sich, dass sein Feedback mit zusätzlichen Argumenten verstärkt wird. "Ihnen wird klar, dass alles, was ich sage, mit Zahlen belegbar ist“, sagt Fissette.

Tennis Analytics: Von Federer bis Novak

Technologische Hilfsmittel werden im Tennis in Zukunft eine immer größere Rolle spielen. Bei den ATP Nextgen Finals in Mailand durften die Spieler erstmals tragbare Sensoren verwenden, die die Bewegung auf dem Platz aufzeichnet.

Roger Federer bezahlt zudem Berichten zufolge seit vielen Monaten viel Geld, um exklusive Einblicke in Statistiken und Daten zu bekommen. Dabei kauft er sich nicht nur die Expertise ein, sondern sorgt zudem dafür, dass die Einblicke der direkten Konkurrenz verwehrt bleiben.

Novak Djokovic arbeitet ebenso wie Matteo Berrettini in gewissen Turnierwochen mit dem Statistik-Experten Craig O’Shanessy zusammen. Der Australier führt einen eigenen Blog und ist zudem immer wieder als TV-Analyst im Einsatz.

Auch außerhalb der Top-10 machen sich Spieler über diese Aspekte Gedanken. Julian Knowle bestätigte im tennisnet-Interview etwa, dass junge Spieler in dieser Hinsicht noch viele Reserven hätten. Er versuche in seiner Rolle als Coach von Dennis Novak, dessen taktische Grundausrichtung den Stärken des Gegners anzupassen.

Kritiker von Analytics im Tennissport führen an, dass nur wenige absolute Top-Verdiener den Luxus haben, sich um teures Geld Daten einzukaufen.

Meistgelesen

09.12.2019

Golden Match: Tennis-Anfänger tritt in Quali für ITF-Turnier an

09.12.2019

Dominic Thiem in Buenos Aires gegen Lokalmatador und Top-Ten-Mann

11.12.2019

„Als hätte er einen Schalter umgelegt“ - Christopher Eubanks reflektiert Training mit Roger Federer

11.12.2019

Entry-Lists veröffentlicht - Diese Spieler sind bei den Australian Open 2020 dabei

10.12.2019

Diego Schwartzman wünscht Dominic Thiem den ATP Sportmanship Award

von Lukas Zahrer

Dienstag
19.11.2019, 15:27 Uhr
zuletzt bearbeitet: 19.11.2019, 15:43 Uhr