Andreas Haider-Maurer im Interview: "Man fragt sich, ob die Karriere weiter möglich ist"

Andreas Haider-Maurer hat 2017 nach langer Verletzungspause sein Comeback auf der ATP-Tour gefeiert. Im Interview erzählt der 30-Jährige, wie seine Karriere am seidenen Faden hing und ihm eine Crowdfunding-Kampagne beim Comeback half. Zudem erinnert er sich an seine Duelle mit Novak Djokovic zurück, dem er in der kommenden Saison viel zutraut.

von Lukas Zahrer
zuletzt bearbeitet: 01.01.2018, 09:13 Uhr

Andreas Haider-Maurer traut sich den Einzug in die Top 30 der Weltrangliste zu

tennisnet: Herr Haider-Maurer, wie haben Sie Weihnachten verbracht?

Andreas Haider-Maurer: Wir haben in Innsbruck gefeiert. Meine gesamte Familie, meine Eltern, mein Bruder und seine Frau sind zu mir und meiner Frau gekommen, es war ein ganz gemütliches Fest daheim.

tennisnet: Sind Sie noch häufig in Ihrer Heimat im Waldviertel?

Haider-Maurer: Hin und wieder schaffe ich es, vielleicht vier Mal im Jahr, aber die Trainings- und Turniersituationen lassen es nicht öfter zu.

tennisnet: Allzu lange hat die Besinnlichkeit bei Ihnen aber auch nicht angehalten.

Haider-Maurer: Das stimmt, ich starte in Doha bei den Qatar Open (1. bis 6. Januar, Anm.) in meine Saison, danach geht es direkt weiter nach Melbourne.

tennisnet: Wie weit plant man generell als Tennisspieler voraus?

Haider-Maurer: Meine Situation ist ein wenig speziell, weil ich noch neun Turniere mit meinem Protected Ranking von Position 63 spielen kann. Für die French Open verwende ich meinen Status das letzte Mal, die restlichen nehme ich davor hauptsächlich für die Turniere auf Sand in Südamerika und Europa her. Bis dahin steht also meine Turnierplanung.

tennisnet: Wie verlief Ihre Vorbereitung auf diese Turniere?

Haider-Maurer: Ich habe schon nach dem Stadthallenturnier Ende Oktober meine Saison beendet und mich dazu entschieden, zwei Monate lang Aufbautraining zu betreiben. In den ersten drei Wochen habe ich im Olympiazentrum Innsbruck intensives Konditionstraining betrieben.

tennisnet: In letzter Zeit haben Sie in der TennisBase in Oberhaching an Ihrer Form gefeilt.

Haider-Maurer: Vor allem in den zwei Wochen vor Weihnachten war ich viel dort. Von Innsbruck aus brauche ich eineinhalb Stunden hin, der Weg zahlt sich aus. Zuletzt habe ich vor allem viele Sätze gespielt.

tennisnet: Mit wem haben Sie sich dort gemessen?

Haider-Maurer: Ich spielte unter anderem gegen Maximilian Marterer, Cedrik-Marcel Stebe, Matthias Bachinger, Daniel Masur und Yannick Hanfmann. Man hat dort ausgezeichnete Voraussetzungen und wirklich gute Trainingspartner.

tennisnet: Ist Ihr Training schmerzfrei verlaufen?

Haider-Maurer: Ich bin völlig schmerzfrei.

tennisnet: Von der alten Verletzung, die Sie 19 Monate außer Gefecht gesetzt hat, spüren Sie also gar nichts mehr?

Haider-Maurer: Das ist vollständig verheilt. Zu Beginn habe ich große Probleme im Aufbau mit meinem Rücken gehabt, das hat sich aber mittlerweile auch erledigt. Der Fuß hält, jetzt kann ich endlich ohne Bedenken durchstarten.

tennisnet: Was war das Komplizierte an der Verletzung?

Haider-Maurer: Die Sehnenplatte der Fußssohle war fast durchgerissen und stark entzündet. In dieser Phase war Schonung ganz wichtig, daran habe ich mich auch gehalten. Ich habe teilweise drei Wochen lang keinen einzigen Schritt gemacht, aber dann bin ich ein Mal 100 Meter gegangen, und die Entzündung kam sofort zurück. Mit der Operation ist es ganz, ganz langsam besser geworden. Ich brauchte aber noch einmal elf Monate bis zu meiner Rückkehr.

tennisnet: Was machen Sie in solchen Situationen, um sich selbst nicht verrückt zu machen?

Haider-Maurer: Man macht da eine richtig harte Zeit durch. Es vergingen Monate, ohne dass sich etwas besserte. Ich denke, man kann sich die Situation schwer vorstellen, in der man 19 Monate lang weg ist, davon zwölf Monate lang nicht ein Mal den Schläger in die Hand nehmen kann. Gefühlsmäßig war ich ganz weit weg vom Tennis. Da gibt es lange Phasen des Zweifelns und ich habe mich gefragt, ob die Profikarriere weiterhin möglich ist.

tennisnet: Sie haben also auch ans Aufhören gedacht?

Haider-Maurer: Absolut, denn ich habe gewusst, dass die Operation, für die ich mich damals entschieden habe, ein großes Risiko darstellte. Die Chancen standen bei 50:50.

tennisnet: Im zweiten Halbjahr 2017 konnten Sie glücklicherweise wieder ein paar Turniere spielen. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Haider-Maurer: Es war eine komplett neue Erfahrung. Man freut sich total auf den Moment, wenn es wieder los geht, aber fühlt sich gleichzeitig irgendwie verloren auf dem Platz. Zudem hatte ich ziemlich starke Schmerzen. Der Fuß war zwar okay, dafür hat der restliche Körper rebelliert. Ich habe Wochen lang in einer Verfassung gespielt, in der ich eigentlich sagen muss: Okay, dann spiele ich nicht. Das ist im Nachhinein betrachtet sicher nicht die beste Entscheidung gewesen, aber die Lust war einfach zu groß.

tennisnet: Abgesehen von kleinen Wehwehchen gab es aber auch schon Erfolge.

Haider-Maurer: Ich habe gute Momente gehabt, wie die Woche in Meerbusch, wo ich das Finale erreichte. Mit so einem Erfolg hatte ich gar nicht so schnell gerechnet. Bei den US Open wurde ich leider krank. Aber insgesamt habe ich in diesem halben Jahr viele neue Dinge erfahren und ich bin jetzt auch ganz anders vorbereitet als bei dem Einstieg vor gut einem halben Jahr.

tennisnet: Welche Ziele haben Sie sich für die kommende Saison gesetzt?

Haider-Maurer: Ich freue mich einfach auf die großen Turniere, die ich spielen kann. Ich habe großen Spaß beim Trainieren, das habe ich von meiner Leidenszeit mitnehmen können. Ich bin gut drauf und traue mir zu, in der Rangliste höher zu kommen als bislang (Nr. 47, Career-High vom April 2015, Anm. d. Red.). Ich sage immer, mein Ziel sind die Top 30 - ich will eines Tages bei einem Grand Slam gesetzt sein, und das ist auch realistisch.

tennisnet: Sie waren immer schon ein Spieler, der den Punkt diktieren möchte. Haben Sie Ihre Spielweise nach der Verletzungspause umgestellt?

Haider-Maurer: Wir haben lange an einem offensiveren Spiel getüftelt. Ein Schwerpunkt im Aufbau war das Service, denn speziell nach der langen Pause hat mich mein Aufschlag oft im Stich gelassen. Außerdem spiele ich mittlerweile ein anderes Racket und eine andere Saite, damit fühle ich mich sehr wohl. Turniertennis ist natürlich etwas anderes, die Matchpraxis fehlt mir derzeit noch, aber ich bin überzeugt davon, dass dieses gute Gefühl auch dort zurückkommen wird.

tennisnet: Für Ihr Comeback haben Sie eine Crowdfunding-Kampagne gestartet. Wie kam es dazu?

Haider-Maurer: Das war die Idee meines Managers, Bernd Haberleiter. Während meiner Pause hatte ich eineinhalb Jahre lang so gut wie täglich Therapien und viele Arztbesuche. Das sind natürlich enorme Ausgaben. Da war Crowdfunding eine Idee, um zu zusätzlichen Mitteln zu kommen und das hat auch recht gut funktioniert.

tennisnet: Sind Ihnen eigentlich während Ihrer Verletzungspause Sponsoren abgesprungen?

Haider-Maurer: Das muss ich positiv erwähnen, dass mich meine Sponsoren absolut nicht im Stich ließen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn das ist nicht selbstverständlich.

tennisnet: Können Sie sagen, wie viel eine Saison ungefähr kostet?

Haider-Maurer: Ich habe die genauen Zahlen nicht im Kopf, aber klar ist, dass der Sport teuer ist. Man bekommt zwar die Hotels bei Turnieren bezahlt, aber das war's auch schon mit Unterstützungen. Trainer und Flüge und Ähnliches sind selbst zu finanzieren. Da kommen auf jeden Spieler große Kosten zu. Leider ist die Situation im Tennis ein wenig anders als in anderen Verbänden wie beispielsweise beim Skisport, wo einem so gut wie alles zur Verfügung gestellt wird.

tennisnet: Es haben sich in letzter Zeit viele Experten über die Länge der Saison beklagt. Stimmen Sie dem zu?

Haider-Maurer: Die Saison ist enorm lang, die dauert von Anfang Januar bis Ende November. Und man darf eines nicht vergessen: Ein Spieler hinter Ranglistenposition 30 darf sich nicht erlauben, viele Wochen auszulassen. Die Top 10 sind so stark, dass sie sich das Jahr gut einteilen können. Die spielen 18 Turniere und kommen damit gut aus. Aber man kann nur schwer nachvollziehen, wenn jene, die sich über die Belastung beklagen, dann drei oder vier Einladungsturniere spielen. Das passt dann nicht so ganz zusammen. Da geht es eben ums Finanzielle.

tennisnet: Neben Ihnen wollen in der neuen Saison viele Top-Stars wieder zu alter Stärke finden. Welchem Spieler trauen Sie am ehesten zu, Ende 2018 an der Spitze der Weltrangliste zu stehen?

Haider-Maurer (denkt nach): Schwierig zu sagen. Ich traue Novak Djokovic zu, dass er sehr stark zurückkommt. Nach seiner Pause braucht er vielleicht auch ein paar Turniere, aber er ist einfach so konstant. Klar, ein Federer oder ein Nadal gewinnt auch so gut wie alles, aber man darf auch die Jungen wie Thiem und Zverev nicht vergessen.

tennisnet: Sie sprechen Thiem und Zverev an. Trauen Sie Ihnen zu, sich weiterhin in der Weltspitze zu halten?

Haider-Maurer: Absolut, meiner Meinung nach gehören beide in die Top 5. Es ist vieles möglich, aber Djokovic ist der Tour abgegangen, denn er war richtig dominant. Ich glaube, er wird auch 2018 wieder richtig stark spielen.

tennisnet: Sie haben seine Dominanz bereits bei den US Open 2015 am eigenen Leibe erfahren müssen.

Haider-Maurer: Das stimmt, ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, das war kurz vor meiner Verletzung. Auch in Monte Carlo habe ich gegen ihn gespielt. Ich will die Chance nochmal bekommen, weil ich mir nach den Matches vorgeworfen habe, mit zu viel Respekt in die Partie gegangen zu sein. Ich habe nicht so frei gespielt, wie ich mir das vorstelle.

tennisnet: Man weiß es wahrscheinlich im Vorhinein, aber man kann es trotzdem nicht gänzlich abstellen, oder?

Haider-Maurer: Klar, das war die Night Session im Arthur Ashe Stadium. Das wird immer eine beeindruckende Atmosphäre sein, egal ob du das erste Mal dort spielst, oder schon unzählige Matches dort bestritten hast. Aber ich habe auf jeden Fall einiges an Erfahrung mitnehmen können.

tennisnet: Haben Sie schon konkrete Pläne für das erste Februarwochenende? Wären Sie für einen Einsatz im Davis Cup bereit?

Haider-Maurer: Dieses Thema beschäftigt mich derzeit eher weniger. Ich konzentriere mich zunächst darauf, über die Turniere wieder voll zurückzukommen. Mit dem aktuellen Davis-Cup-Team sind wir, wie ich finde, ohnehin gut aufgestellt.

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