Jan Velthuis im Interview – „Wenn Jürgen frei spielt und keinen Druck hat…“

... dann wird es interessant, so die Einschätzung des Niederländers zu seinem erneuten Schützling Jürgen Melzer.

von Manuel Wachta
zuletzt bearbeitet: 19.07.2016, 00:00 Uhr

Jürgen Melzer - Jan Velthuis

Bis 26. Oktober 2012 hatte Jürgen Melzer lange Zeit mit Jan Velthuis zusammengearbeitet - jetzt greift der Niederösterreicher im Zuge seines Comebacks nach seiner Schulteroperation vom letzten Herbst wieder auf die Dienste des sehr erfahrenen Niederländers zurück. Der 53-Jährige fungiert seit über einem Monat wieder als Trainer des Deutsch-Wagramers, wie dies am Rande der Generali Open Kitzbühel zu erfahren war. Beim ATP-World-Tour-250-Turnier in Tirol sprach Velthuis über die Aussichten seines Schützlings bei dessen schwerer Rückkehr mit 35 Jahren nach über zehnmonatiger Zwangspause und gab dennoch einen sehr positiven Ausblick. Auch wenn sich Melzer keine konkreten Ziele mehr setzen soll.

Jan, wie war ein so starkes Comeback von Jürgen nach solch einer langen Zwangspause möglich?

Nun, er hat sich vor dem Davis Cup ein Monat lang in Wien wirklich gut vorbereitet. Ich habe wieder angefangen, mit ihm zu arbeiten, als er nach Poprad-Tatry gefahren ist, am Tag davor. Aber dort war schnell klar, dass er noch nicht ready ist (Melzer gab vorm Qualifikationsfinale w.o.; Anmerkung). Und es war klar: Da muss noch ein bisschen mehr kommen. Er hat danach richtig Gas gegeben. Erst mal hätte er im Davis Cup nur Doppel spielen sollen und das Risiko war ziemlich groß, aber er hat es selber entschieden, es im Einzel zu probieren, nachdem nach dem Doppel von der Schulter her alles perfekt war. Er hatte keine Probleme und wollte daher unbedingt für Österreich Einzel spielen.

Wie geht es ihm nun mit der Schulter?

Die Schulter zeigt nach diesem Wochenende auf jeden Fall keine Reaktion. Klar, er ist müde, auch die Schulter ist es. Aber das ist normal.

Er hat also keine Schmerzen bekommen?

Nein, keine Schmerzen, absolut nicht. Und dann weißt du auf jeden Fall, dass alles gut damit ist. Danach sieht es jedenfalls aus, und das freut mich.

Muss die Schulter im Training noch ein bisschen geschont werden?

Nein, nein. Er ist Profi und er ist ready. Er ist ready.

Wie ist eure neuerliche Zusammenarbeit nun zustande gekommen? Hat es auch damit zu tun, dass sein Bruder Gerald und er eine Zeit lang mit Werner Eschauer denselben Trainer hatten und das natürlich schwer zu vereinen ist?

Ich hatte mit Roman Safiullin(von Verletzungen zurückgeworfenes, 18-jähriges russisches Top-Talent; Anmerkung) gearbeitet. Die Situation war aber nicht gut, ich hatte daran keinen Spaß und habe damit aufgehört. Jürgen hat mich eigentlich direkt darauf angesprochen, etwa auf die Weise: "Wenn ich jetzt jemanden brauche, dann bist es du" - weil wir uns einfach so lange Zeit kennen, und ich kann natürlich das ganze Ding ein bisschen abdecken (als ebenso ausgebildeter Physiotherapeut; Anmerkung). Und dann habe ich gesagt: "Okay, dann machen wir das. Ich kenne dich schon 15 Jahre, dann machen wir das Ding zusammen." Werner ist daher nun mehr für Gerald zuständig, und so ist es perfekt für beide. Gerald ist sehr zufrieden mit Werner, und für Jürgen passt es jetzt mit mir, weil ich natürlich auch ein bisschen mehr im konditionellen Bereich mit ihm arbeiten kann.

"Er hat Lust. Er hat richtig Lust."
Jan Velthuis über Jürgen Melzer

Wie groß schätzt du im Moment seinen Hunger aufs Tennis ein? Er war ja lange weg von der Tour. Spürt man da bei ihm wieder so richtig ein "Ich will, ich will, ich will"?

Er hat Lust. Er hat richtig Lust. Er wollte absolut nicht im Krankenhaus-Bett aufhören und er hat Lust, wieder zu spielen. Und so wie es jetzt läuft, befeuert es seine Lust nur weiter. Es war schon beim Training in Wien ziemlich deutlich, dass er wieder gut spielt, wenn der Kopf auch frei ist und er keine Probleme irgendwo mit irgendwas hat - dann ist es natürlich leichter. Er ist motiviert und es ist alles gut.

Setzt man sich da schon wieder zusammen und legt sich, auch wenn er derzeit nicht mal mehr unter den besten 400 der Welt ist, Ziele zurecht?

Das Ziel ist, Tennis zu genießen, hart zu arbeiten und zu schauen, was dabei herauskommt.

Also Ranking-Ziele setzt er sich mit 35 Jahren nicht mehr?

Nein, nein, auf keinen Fall. Ich habe ihm auch gesagt, dass ich dazu gar nichts in den Medien kommunizieren würde, auf "Es könnten vielleicht wieder die Top 50 werden" oder so. Er soll es genießen, er soll Tennis spielen, er soll seinen Beruf ausüben und sich absolut keinen Kopf machen. Er ist 35, er hat alles gezeigt, es ist alles gut.

"Der Kopf macht manchmal eine Menge aus, wenn du frei bist. Und er ist frei."
Jan Velthuis über Jürgen Melzer

Bist du selbst überrascht, dass Jürgen nach so langer Verletzungspause mit nur einem Match in den letzten zehn Monaten bereits wieder zu solchen Leistungen fähig ist? 6:1, 6:4 gegen Tobias Kamke sowie 6:2, 6:1 gegen Julien Obry in der deutschen Bundesliga, dann im Davis Cup gleich wieder ein Sieg über einen Top-100-Mann,...

Der Kopf macht manchmal eine Menge aus, wenn du frei bist. Und er ist frei. Er hat im Davis Cup am Sonntag auch die Bestätigung bekommen, und ich hoffe, dass er so frei bleiben kann. Denn wenn er frei spielt und er keinen Druck hat - na dann wollen wir mal sehen. Dann wird es interessant - solange sein Körper fit bleibt, und er ist fit, und er muss fit bleiben. Man muss natürlich ein bisschen mehr mit Qualität trainieren, es sind jetzt nicht mehr 100.000 Stunden. Aber es wird interessant, wenn er so weitermacht und es so weitergeht.

Was traust du ihm hier in Kitzbühel jetzt zu? Von der Vorbereitung her ist es natürlich extrem schwer.

Wir trauen uns gar nichts zu. Wirklich nicht. Er hat heute (Montag; Anmerkung) eine Stunde geschlagen, auf Sand in der Höhenlage - und kommt vom schnellen Hartplatz in der Ukraine, hat fünf Sätze bei 45 Grad gespielt. Er ist ziemlich platt, er soll heute ein bisschen regenerieren, morgen (Dienstag; Anmerkung) das Match spielen und fertig. Er soll einfach alles geben und schauen, was dabei herauskommt. Es ist alles gut. Seine Schulter hält, alles ist von dem her perfekt - und dann müssen wir die nächsten Wochen und Monate mal sehen, was er wieder leisten kann.

Also sagen wir so: Mit einem Durchmarsch von Jürgen rechnet ihr hier nicht unbedingt, oder?

Nein, absolut nicht. Das ist absolut nicht das erste Ziel. Ich freue mich, wenn er morgen gewinnt - und wenn er nicht gewinnt, ist auch alles gut.

von Manuel Wachta

Dienstag
19.07.2016, 00:00 Uhr