ATP: Oliver Marach im großen Exclusiv-Interview - „Hatten in den letzten Jahren unglaubliche Top-Spieler“

Der ehemalige Weltranglisten-Zweite im Doppel, Oliver Marach, schätzt im exklusiven Gespräch mit tennisnet.com die Chancen in den Davis-Cup-Partien gegen Serbien und Deutschland sowie die Zukunft des österreichischen Tennis ein.

von Stefan Bergmann
zuletzt bearbeitet: 23.11.2021, 15:25 Uhr

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Oliver Marach steigt in Innsbruck mit der ÖTV-Mannschaft gegen die Teams aus Serbien und Deutschland in den Davis-Cup-Ring

Oliver Marach stand 2018 bereits auf Position zwei der ATP-Doppel-Weltrangliste und hat damit bis auf weiteres eine österreichische Rekordmarke gesetzt. Im selben Jahr holte der gebürtige Grazer auch den Grand-Slam-Sieg bei den Australian Open mit seinem damaligen Partner Mate Pavic aus Kroatien. Der mittlerweile 41-Jährige tritt diese Woche beim Davis-Cup-Finalturnier in Innsbruck - leider ohne Zuschauerbeteiligung - mit der österreichischen Mannschaft gegen die favorisierten Teams aus Serbien und Deutschland an. Wie er die Chancen des ÖTV-Teams sieht und wer möglicherweise in die großen Doppel-Fußstapfen von Alexander Peya, Jürgen Melzer, Julian Knowle und Marach selbst treten könnte, verrät der heute mit seiner Familie in Panama lebende Profi im ausführlichen Gespräch mit tennisnet.com.

Servus Oliver. Der Davis Cup in Innsbruck steht vor der Tür. Wie bewertest Du die Chancen? Mit Serbien und Deutschland warten zwei enorme Herausforderungen auf das österreichische Team.

Da muss man klar sagen, dass wir in jeder Partie vom Ranking her klarer Außenseiter sind. Aber beim Davis Cup kann immer viel passieren. Das erste Match ist immer das Wichtigste, aber ja, über jeden Punkt den wir holen, sind wir natürlich glücklich. Wir werden einfach unser Bestes geben und schauen was drinnen ist. Es spielt uns selbstverständlich nicht gerade in die Karten, dass keine Zuschauer in der Halle erlaubt sind, weil durch die Fans, wäre es sicher nochmal besser gewesen für uns, jetzt müssen wir halt auf die gute Stimmung in unserem Team bauen, die sicher da sein wird.  

Wie sehr schmerzt das Team der Ausfall von Dominic Thiem?

Natürlich tut es immer weh, wenn man einen Top-5-Spieler im Land hat und er nicht spielen kann, das ist immer bitter. Hoffentlich ist er dann für nächstes Jahr wieder ready. Die Verletzung die er hatte ist ja eine ganz eine schlimme. Er ist einfach ein Top-Star, nicht nur in Österreich. Er kann sicher wieder ganz an die Weltspitze zurück kommen, davon bin ich überzeugt.

Kleiner Blick zurück nach Tokio: Wie sehr hat Dich das Abschneiden bei den Olympischen Spielen enttäuscht, als Du mit Philipp Oswald in der zweiten Runde gegen die Kolumbianer Juan Sebastian Cabal und Robert Farah in zwei Sätzen ausgeschieden bist?

Ja, natürlich tut das weh, weil bei Olympischen Spielen zählen nur die Medaillen, alles was davor ist, ist eigentlich egal. Es war halt schade, dass wir vor Tokio nicht ein paar Matches mehr gehabt haben, denn wir haben schon lange nicht mehr zusammen gespielt, der Ossi und ich. Wir haben eigentlich nicht schlecht gespielt gegen die Kolumbianer, aber es war ein unglaubliches Niveau bis 4:4 im ersten Satz. Dann hatten wir ein schlampiges Game und dann haben sie leider einfach besser gespielt. Wenn wir ein wenig mehr Match-Praxis gehabt hätten, hätte es vielleicht anders ausgeschaut. Am Anfang waren wir sogar besser, haben aber das Break nicht machen können. Wir hatten drei, vier Breakchancen im ersten Game. Aber hätte ich, wäre ich, bringt dir nicht viel im Tennis. Wir schlagen 80 Prozent der Spieler die über 40, 50 im Ranking stehen, aber man muss die Top-Leute schlagen. Es hat uns dann leider sehr viel gekostet, die Olympia-Teilnahme: Wir mussten Hamburg ausfallen lassen, und Hamburg hatte ich 2019 gewonnen. Die ATP selbst kannte damals ihre Regeln nicht. Was die Punkte betrifft, dachte ich, ich verliere nur die Hälfte der Punkte, denn ich hatte eben noch 500 Punkte von dem Sieg von vor zwei Jahren drinnen. Doch auf einmal haben sie mir dann doch die kompletten 500 Punkte abgezogen und dadurch konnte ich jetzt im Oktober auch Indian Wells nicht spielen. Da war ich richtig sauer. Der Ossi hat auch Punkte verloren, er hatte 2019 noch den Umag-Sieg und das Gstaad-Finale gehabt. Olympia hat uns sozusagen im Ranking wirklich sehr weh getan.

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Philipp Oswald und Oliver Marach waren die einzigen ÖTV-Vertreter bei den Olympischen Spielen in Tokio

Jürgen Melzer ist beim Wiener-Stadthallen-Turnier ja sehr nett vom Publikum verabschiedet worden. Würdest du dir auch so einen Abschied vor heimischen Zuschauern wünschen?

Ich bin jetzt kein Mensch, der unbedingt in der Öffentlichkeit stehen muss. Und ich werde sicher nicht beim Daviscup meine Karriere beenden. Einfach weil ich nicht weiß, was ich danach mache. Und in Wirklichkeit liegt es ja auch nicht an mir, ob so etwas stattfindet oder nicht. Ich bin da, glaube ich, sehr einfach im Umgang. Tennis war mit der Familie immer die Nummer eins in meinem Leben. Und je älter man wird, werden die Chancen auf die Nummer eins natürlich immer kleiner und die Gedanken an die Familie nehmen zu. Für mich ist es wichtig, dass ich für meine Kinder da bin. Ich will die nicht einfach nur drei Wochen im Jahr sehen. Jeder auf der Welt hat gelitten unter diese Pandemie, auch wir Tennisspieler und es zahlt sich einfach nicht mehr aus, wenn du deine Familie nicht siehst, und den Sport betreibst, ohne dass dabei etwas rausschaut. Tennis ist ein schöner Sport, du hast viel Freiheiten, musst aber andererseits auch viel einstecken. Ich bin jetzt 24 Jahre auf der Tour, bin 41 Jahre alt und damit einer der ältesten Spieler. Da denkt man einfach anders als die meisten der jüngeren Spieler. Erfreulich ist, dass ich mittlerweile einen Polster durch die „ATP-Spieler-Pension“ habe, da war ich erfolgreich genug, dass ich ab 49 aus einem Topf eine kleine Absicherung habe.

Österreich war die letzten zwanzig Jahre mit ausgezeichneten Doppelspielern gesegnet, vielleicht schon fast zu verwöhnt. Wie siehst Du die Zukunft im heimischen Tennis?

Wir hatten in den letzten Jahren unglaubliche Topspieler - im Doppel und im Single - Österreich ist eine kleine Nation, das muss man einfach zur Kenntnis nehmen. Dafür haben wir wirklich viele Top-100-Spieler gehabt: Alexander Peya, Julian Knowle, Gerald und Jürgen Melzer, Werner Eschauer, Stefan Koubek, Markus Hipfl, Daniel Köllerer, Andreas Haider-Maurer, Dominic Thiem und auch Dennis Novak. Im Doppel waren viele sogar in den Top 10 drinnen, wir hatten Grand-Slam-Sieger. Da muss man schon sagen, das ist ein Wahnsinn was da alles passiert ist. Jetzt ist es extrem wichtig, dass der Dominic wieder den Anschluss findet, was natürlich nicht leicht ist, wenn man so eine lange Pause hat. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er das schafft. Er ist ein Riesentalent, ein echter Ausnahmespieler. Er kann jeden schlagen, wenn er seine beste Form hat. Das Wichtigste ist, dass er verletzungsfrei bleibt. Mit den Schlägen die er hat, ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder zurückkommt.  Dann haben wir natürlich auch den Dennis, auch der ist ein riesiges Talent und kann richtig gut spielen. Er ist jetzt circa um die 100, aber er hätte meiner Meinung nach mindestens Top-50-Potenzial. Da fehlt halt noch ein bisschen die Konstanz. Der Jurij Rodionov hat ein etwas durchwachsenes Jahr gehabt, muss man sagen, steht jetzt aber trotzdem um die 160. Der Gerald hat die letzten Monate richtig gut gespielt, das finde ich wirklich sensationell, nachdem er so lange weg war - richtig super. Ja und der Sebastian Ofner hat halt eine Verletzung gehabt und musste sich Anfang Oktober operieren lassen. Die anderen Jungen kenne ich leider nicht, ich bin ja nicht in Österreich, bin da zu weit weg. Aber der Jürgen ist ja jetzt Sportdirektor und der kann sein ganzes Know-how vom Profitennis dort einbringen und ist damit ein Top-Mann für den Job.

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Philipp Oswald und Oliver Marach waren auch bei den Erste Bank Open in der Wiener Stadthalle mit von der Partie

Und wer beerbt Dich, Julian, Alex und Jürgen im Doppel, bzw. steht in Zukunft Philipp Oswald zur Seite?

Ich habe jetzt in Wien gegen Lucas Miedler und Alexander Erler gespielt und ich fand die beiden richtig gut, das sind echt starke Doppelspieler, die sollten unbedingt weiterspielen, vielleicht schaffen sie dann einen Sprung nach vorne. Natürlich ist es ein weiter Weg, aber ich denke, dass sie gut drauf sind. Sie haben dieses Jahr auch schon gute Resultate gehabt, die müssen einfach so weitermachen. Sie haben mich ehrlich echt positiv überrascht. Erler habe ich in Wien das erste Mal spielen gesehen, den Miedler kenne ich natürlich. Es wäre vielleicht nicht schlecht, wenn sie sich einen Doppelcoach holen und ein bisschen mehr Taktik ins Spiel rein bringen, ein wenig mehr Verständnis für die Positionen bekommen, dann wird sich da vieles weiter entwickeln.

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