Boris Becker im Interview – „Das macht den Thrill aus“

Der Trainer von Novak Djokovic spricht über seinen Schützling, seine Arbeit bei Laureus und Olympia.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 19.04.2016, 06:59 Uhr

BERLIN, GERMANY - APRIL 18: Laureus World Sports Academy member Boris Becker is interviewed prior to the 2016 Laureus World Sports Awards at Messe Berlin on April 18, 2016 in Berlin, Germany. (Photo by Boris Streubel/Getty Images for Laureus)

Herr Becker,Ihr Schützling Novak Djokovic ist zum dritten Mal Laureus-Weltsportler des Jahres geworden.Was zeichnet ihn als Sportler und als Person aus?

Becker: Sportlich seine unglaubliche Konstanz ganz sicher. Er gewinnt über Wochen und Monate fast alles, was es zu gewinnen gibt. Der Anspruch, den er an sich stellt, ist enorm, das ist Professionalität in jeder Sekunde. Er will alles perfekt machen, duldet keine Kompromisse. Er ist ein wahnsinniger Sportliebhaber. Er weiß über alle Disziplinen und Stars bestens Bescheid. Und er hat inzwischen auch schon eine Stiftung, mit der er Kinder gerade in seinem Heimatland Serbien unterstützt. Für mich ist Novak ein durch und durch würdiger Sieger, genau so natürlich wieSerena Williams.Ich bin stolz und glücklich, dass Tennis der große Sieger dieses Abends war.

War Becker eigentlich ein Vorbild für Djokovic?

Becker: Ich glaube, er hatte einige Spieler, zu denen er als Kid aufschaute. Er ist eben so ein absoluter Sportfreak, dass sich das gar nicht mal nur aufs Tennis beschränkte. Er ist ja auch ein großer Basketball-Fan. Meine Bestleistungen hat er sowieso inzwischen alle übertroffen. Und er ist ja noch längst nicht am Ende.

Ihr Trainerjob bei Djokovic führte allerdings dazu, dass Sie ihre eigenen Laureus-Aktivitäten zurückfahren mussten.

Becker: Das ist seit zweieinhalb Jahren so, richtig. Diese Trainerarbeit nimmt mich so sehr in Anspruch, dass ich auch bei der deutschen Laureus-Stiftung nicht mehr mitmachen kann. Der Job ist noch viel zeitaufwändiger und intensiver, als ich dachte. Aber ich unterstütze diese Idee weiter nach allen Kräften.

Sie sind seit den Gründungstagen von Laureus eine der prägenden Figuren dieser Initiative gewesen, waren auch schon Chef der Deutschland-Stiftung. Was hat Sie vor 17 Jahren zum Mitmachen bewogen?

Boris Becker: Die Chance, für Sportprojekte weltweit Ideen und Anstöße zu liefern. Und natürlich auch die gemeinsame Arbeit in der Laureus-Akademie mit Sportlern, die teilweise noch meine eigenen Stars waren, Ed Moses oder Michael Jordan. Ich finde es toll, wie sich der Laureus nun auch als Sport-Oscar durchgesetzt hat, als Ehrung für die Besten eines Jahres.

Sie haben bei Laureus-Veranstaltungen gleich mehrfach Nelson Mandela getroffen, den südafrikanischen Bürgerrechtler und späteren Staatspräsidenten. Von ihm stammt der Satz: Sport hat die Kraft, die Welt zu verändern.

Becker: Ich bin kaum einem faszinierenderen Menschen als ihm begegnet. Welch eine Autorität, welch eine Persönlichkeit. Und es stimmt: Sport kann Menschen und damit auch die Welt ändern. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch auf dieser Erde auch die Chance dazu bekäme. Dafür muss man in jedem Fall kämpfen.

Nicht nur aus persönlicher Sicht: Was ist das Wichtigste, das der Sport Menschen gibt?

Becker: Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie der Sport einen Menschen prägen kann. Aber ich weiß auch über meine Arbeit bei Laureus, wie sehr Sport das Leben gerade von Menschen verbessern kann, denen es nicht so gut geht, die sozial benachteiligt sind. Ganz allgemein lernst du im Sport auf spielerische Weise, was es bedeutet, zu verlieren und zu gewinnen. Was es heißt, in einer Mannschaft zu sein, sich unterzuordnen, Respekt anderen gegenüber zu zeigen. Fleiß, Disziplin und Leidenschaft für ein Ziel aufzubringen. Sport ist eben auch ein großes Kommunikationsmittel – ein großes verbindendes Instrument. Jenseits aller Hautfarben oder Religionen.

Wie wichtig sind bei dem Projekt Laureus die früheren Sportidole?

Becker: Das Wort Idol gefällt mir in dem Zusammenhang nicht so sehr. Es sind Menschen, Persönlichkeiten, die eine glaubwürdige Botschaft vermitteln können. Weil sie im Sport erfolgreich waren. Aber noch mehr, weil sie nicht vergessen haben, dass der Sport sie zu dem gemacht hat, was sie heute sind – und dass sie eine gewisse Pflicht haben, sich für junge Menschen zu engagieren.

Sie selbst galten aber schon mit 17 als Idol?

Becker: Ich wollte das nie sein – ein Idol, ein Held. Man hat mich dazu gemacht. Es war nicht leicht, damit zu leben. Inzwischen bin ich ein paar Jährchen älter geworden, und ich nehme auch gern eine Verantwortung an, mich für Kinder und Jugendliche etwa über die Laureus-Stiftung einzusetzen.

Für alle Stars der Laureus-Wahl ist 2016 auch ein Jahr mit olympischen Zielen. Wie wichtig waren die Spiele für Sie?

Becker: Ich war nicht gerade vom Glück verfolgt, was Olympische Spiele anging. 1984, 1988 und 1996 sollte ich starten, 1984 bei den Demonstrationswettbewerben in Los Angeles, aber ich war stets verletzt. Das waren schwere Zeiten für mich. Weil man wusste, man hat nicht unendlich viele Chancen. Immerhin:1992 gab es die Goldmedaille im Doppel – zusammen mit Michael Stich, damals einer meiner größten Rivalen.Meine Kinder finden übrigens die Goldmedaille viel spannender als einen Grand-Slam-Sieg. Vielleicht haben sie ja auch recht: Im Tennis kannst du ständig wieder beim nächsten Turnier oder beim nächsten Grand Slam eine Enttäuschung wettmachen, aber Olympische Spiele gibt´s nur einmal alle vier Jahre. Das macht den Reiz, den Thrill aus. Es ist etwas sehr Besonderes.

Auch für Djokovic?

Becker: Ganz sicher. Er hat diese Goldmedaille noch nicht gewonnen. Und das will er in Rio nachholen. Er hat mich sogar extra gebeten, dabei zu sein. Ich freue mich jetzt sehr darauf, auch auf diese große olympische Familie.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth.

von tennisnet.com

Dienstag
19.04.2016, 06:59 Uhr