Die Unvollendeten – Die 10 besten Herren ohne Grand-Slam-Titel

Diese zehn Spieler haben eine glanzvolle Karriere hingelegt mit einem kleinem Schönheitsfehler: der fehlende Sieg bei einem Grand Slam.

von Christian Albrecht Barschel
zuletzt bearbeitet: 26.12.2017, 21:05 Uhr

ATP - David Nalbandian, Marcelo Rios, Todd Martin

Was haben David Ferrer, Tomas Berdych, Jo-Wilfried Tsonga und Kei Nishikori gemeinsam? Richtig, sie alle haben noch kein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Doch für alle genannten Akteure ist die Zeit als Tennisprofi noch nicht beendet. Deshalb haben sie alle noch die Chance, zumindest einmal eines der vier "Major"-Turniere zu gewinnen. Falls ihnen das nicht gelingen sollte, könnten sie allesamt nach dem Karriereende in der Liste der besten Spielerinnen ohne Grand-Slam-Titel landen, die tennisnet.com in einer Top-Ten-Liste präsentiert.

Platz 10: Cedric Pioline

Es hat lange gedauert, bis Cedric Pioline ein ATP-Turnier gewinnen konnte. Die ersten neun Finals gingen verloren. Immerhin kam der Franzose noch zu fünf ATP-Titeln, in seinen beiden Grand-Slam-Endspielen, 1993 bei den US Open und 1997 Wimbledon, war Pete Sampras jedoch viel zu stark. Hinzu kommen zwei weitere Halbfinalteilnahmen bei den Grand Slams. Pioline, der bei den French Open die On-Court-Interviews führt, schaffte es im ATP-Ranking bis auf Platz fünf.

Platz 9: Guillermo Coria

Guillermo Coria zählte zu den besten Sandplatzspielern seiner Zeit. Doch die sehr kurze Karriere von "El Mago", der Magier, wie der Argentinier genannt wurde, war gepflastert von negativen Höhepunkten. Mit 19 Jahren im April 2001 wurde Coria positiv auf Nandrolon getestet und für zwei Jahre gesperrt. Die Sperre wurde aber auf sieben Monate verkürzt, da nachgewiesen werden konnte, dass ein Nahrungsmittel die verbotenen Substanzen enthielt. Danach startete der kleine Argentinier richtig durch und war der herausragende Sandplatzspieler in den Jahren 2003 und 2004. Insgesamt neun Turniersiege konnte Coria in seiner Karriere verbuchen, was ihn bis auf Platz drei in der Weltrangliste spülte. Doch bei den French Open versagten dem damaligen Turnierfavoriten die Nerven. 2003 unterlag er im Halbfinale völlig überraschend dem Niederländer Martin Verkerk, 2004 traf er im Finale auf seinem Landsmann Gaston Gaudio.

Gaudio war anfangs gegen die magischen Kräfte von "El Mago" chancenlos und wurde vorgeführt. Bis zum 6:0, 6:3 und 4:4 hatte Coria alles unter Kontrolle, ehe bei ihm der Faden riss. Im fünften Satz servierte er zweimal zum French-Open-Sieg, hatte zwei Matchbälle und verlor schließlich doch noch. Von dieser Niederlage erholte sich Coria nicht mehr richtig. Viele Verletzungen pflasterten anschließend seinen Weg. Viel schlimmer war aber die Tatsache, dass ihm die "Yips" beim Aufschlag zu schaffen machten. Die "Yips" sind unwillkürliche Zuckungen der Hände oder der Unterarme, die Coria beim Aufschlag behinderten und in zahlreichen Doppelfehlern mündeten. Anna Kournikova litt ebenfalls eine Zeit lang unter den "Service Yips". Coria konnte sich von seiner Aufschlagschwäche nicht erholen. 20 Doppelfehler pro Spiel waren keine Seltenheit. Trotzdem gelang dem Argentinier oft noch der Sieg, was sein herausragendes Talent zeigt. 2008 im Alter von 26 Jahren spielte Coria sein letztes Profimatch, das er verletzungsbedingt aufgab.

Platz 8: Tommy Haas

Was wäre wenn?! Diese Frage passt zu der Karriere von Tommy Haas, der zwischenzeitlich die Nummer zwei der Welt war und seit zwei Jahrzehnten ein Gesicht der ATP-Tour ist. Der große Wurf gelang Haas nicht. Seine Karriere hat er zwar offiziell noch nicht beendet, aber für vielmehr als ein paar Turniereinsätze, um sich nach eigenen Bedingungen vom Profitennis zu verabschieden, wird es sicherlich nicht reichen beim 38-Jährigen. Immer als der ganz große Durchbruch bevorstand, erlitt Tommy Haas eine Verletzung, einen Schicksalsschlag (Motorradunfall der Eltern) oder er stand sich bei seinem Vorhaben, der weltbeste Spieler zu werden, letztlich oft selbst im Weg. Es stehen zwar 15 Turniersiege zu Buche, aber die richtig großen Erfolge fehlen in der Vita von Haas. Vier Halbfinalteilnahmen bei Grand-Slam-Turnieren (dreimal Australian Open, einmal Wimbledon) und eine Silbermedaille bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney sind die Meilensteine des Deutschen. Haas wird auch nach seiner aktiven Karriere ein Gesicht der Tour sein, und zwar als Turnierdirektor in Indian Wells.

Platz 7: Nikolay Davydenko

Nikolay Davydenko war jahrelang einer der konstantesten Spieler auf der ATP-Tour und feierte mit dem Triumph bei den ATP World Tour Finals 2009 in London sowie dem Davis-Cup-Titel 2006 mit Russland seine größten Karriereerfolge. Dass es nicht zu einem Grand-Slam-Titel reichte, lag wohl auch daran, dass immer Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic im Weg standen. Der Russe erreichte viermal das Halbfinale bei einem Grand-Slam-Turnier, jeweils zweimal bei den French Open und US Open. "Ich bin 33 Jahre alt. Ich habe 21 ATP-Turniere gewonnen, darunter drei ATP-Masters-1000-Turniere und die ATP World Tour Finals in London. Ich habe kein Bedauern, dass ich kein Grand-Slam-Turnier gewonnen habe oder nicht die Nummer eins der Welt war. Ich war in den Top Ten für einige Jahre", erklärte Davydenko im Jahr 2014 am Rande des ATP-Turniers in Moskau. Der Russe war die Nummer drei der Welt und kann auf eine Tatsache besonders stolz sein. Er hat seine positive Bilanz gegen Rafael Nadal mit in den Ruhestand genommen. Davydenko ist neben Novak Djokovic der einzige Spieler, der eine positive Bilanz gegen den Spanier hat und dabei mindestens drei Siege vorzuweisen hat.

Platz 6: Tom Okker

Tom Okker ist nach Richard Krajicek der erfolgreichste Spieler aus den Niederlanden. Während es im Doppel mit zwei Grand-Slam-Titeln klappte, sollte es im Einzel, wo er insgesamt 26 ATP-Titel vorweisen kann, nicht sein. Okker stand 1968 im Finale der US Open und unterlag Arthur Ashe in fünf Sätzen. Bei jedem Grand Slam schaffte er den Einzug ins Halbfinale. In der Weltrangliste belegte der Niederländer zwischenzeitlich Platz drei.

Platz 5: Alex Corretja

Alex Corretja war ein klassischer Sandplatzspezialist, eine Wühlmaus, die sich auf der roten Asche auf der ganzen Welt zu Hause fühlte. Von seinen 17 Turniersiegen errang Corretja elf auf Sand. Zweimal schaffte der Spanier den Sprung in das Finale der French Open. Doch 1998 war sein Landsmann Carlos Moya und 2001 Gustavo Kuerten zu stark für den Katalanen. Bei den anderen Grand-Slam-Turnieren spielte Corretja eher mit mäßigem Erfolg. Bei den US Open 1996 erreichte er das Viertelfinale und unterlag in einem denkwürdigen Match Pete Sampras, der sich im Tiebreak des fünften Satzes übergeben musste.

Anfang 1999 stand Corretja auf Position zwei in der Weltrangliste. Maßgeblichen Anteil für den Aufstieg des sympathischen und lebenslustigen Spaniers hatte sein größter Erfolg in seiner Karriere, der ihm jedoch nicht bei einem Sandplatzturnier gelang. Bei der ATP-Weltmeisterschaft 1998 in Hannover gewann er sensationell den Titel. Nachdem er im Halbfinale Pete Sampras bezwingen konnte, nahm er im Finale Revanche an Carlos Moya für die Niederlage bei den French Open und schlug diesen nach einem 0:2-Satzrückstand. 2005 war die Karriere von Alex Corretja vorbei. Eine Augenverletzung ließ kein Wettkamptennis mehr zu.

Platz 4: Miloslav Mecir

Miloslav Mecir bleibt vor allem in Erinnerung durch seine elegante Spielweise. Seine Art, Tennis zu spielen, wirkte mühelos, als bedeute diese keine Kraftanstrengung. Daher bekam er auch den Spitznamen "die Katze" verpasst. Für die meisten Tennisspieler war der Tschechoslowake ein Angstgegner, weil es so schwer war, gegen ihn zu bestehen. Besonders der damalige Weltranglisten-Erste Mats Wilander biss sich an Mecir immer wieder die Zähne aus. Mecir, der als "Schweden-Killer" galt, hat gegen Wilander eine 7:4-Bilanz vorzuweisen. Der Tschechoslowake erreichte bei den US Open 1986 und den Australian Open 1989 jeweils das Finale, verlor aber beide Male deutlich gegen Ivan Lendl. Im US-Open-Endspiel spielte Mecir sogar noch mit seinem alten Holzschläger. In keinem weiteren Grand-Slam-Finale wurde ein Holzschläger von einem Spieler benutzt.

Bei den French Open und in Wimbledon stand Mecir zudem im Halbfinale. Doch zu mehr reichte es für den "Mann mit dem Vollbart" bei den vier Grand-Slam-Turnieren nicht. Dabei stand Mecir sich häufig selbst im Weg. Dem Einzelgänger, der ohne Trainer durch die Welt reiste, fehlte es an Konstanz. Nach großen Siegen folgten immer wieder bittere Niederlagen. Insgesamt gewann der Tschechoslowake elf Turniere und stand auf Platz vier in der Weltrangliste. Sein größter Triumph bleibt zweifelsohne die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul. Im Finale besiegte Mecir den US-Amerikaner Tim Mayotte. Bereits im jungen Alter von 26 Jahren beendete "die Katze" aufgrund von anhaltenden Rückenproblemen seine Karriere.

Platz 3: Todd Martin

Todd Martin wurde in der Tennisszene der "Professor" genannt. Das lag nicht daran, dass er schon mit Anfang 20 graue Haare bekam, sondern weil er so langsam redete und immer viel nachdachte, bevor er sprach. Mit seinen 1,98 Meter Körperlänge gehörte der US-Amerikaner damals zu den größten Spielern auf der Tour. Sein Spiel war auf Serve-and-Volley abgestimmt, mit dem er acht Turniersiege erreichte und bis auf Platz vier in der Weltrangliste vorstieß.

Zweimal stand Martin in seiner Karriere in einem Grand-Slam-Finale. Während er bei den Australian Open 1994 Pete Sampras noch deutlich unterlag, hatte er im Endspiel der US Open 1999 gegen Andre Agassi den Sieg vor Augen. Beinahe schaffte es der US-Amerikaner auch ins Finale von Wimbledon. Im Halbfinale im Jahr 1996 gegen seinen Landsmann MaliVai Washington führte Martin mit 5:1 im fünften Satz, ehe er einen schweren Arm bekam und das Match noch verlor. Abseits des Platzes war Martin ein umgänglicher Spieler, der sich sehr für die Belange des Tennissports einsetze. Drei Jahre lang war er Präsident des Spielerrats und wurde zweimal mit dem "Sportmanship Award" für sein sportliches Verhalten ausgezeichnet. Mittlerweile ist er Geschäftsführer bei der International Tennis Hall of Fame in Newport.

Platz 2: David Nalbandian

"Ich hatte großes Glück und Pech zugleich", so fasste David Nalbandian seine Karriere zusammen, nachdem er 2013 seinen Rücktritt wegen chronischen Schulterschmerzen verkündete. Der Argentinier geht ohne Davis-Cup-Titel (trotz 39:11-Bilanz) und ohne Grand-Slam-Titel in die Geschichtsbücher ein. Nalbandian erreichte 2002 das Finale in Wimbledon. Bei den Australian Open, French Open und US Open stand er jeweils im Halbfinale. Seine größte Chance auf einen Grand-Slam-Titel war aber wohl bei den US Open 2003, als er im Halbfinale bei einer 2:0-Satzführung gegen Andy Roddick im dritten Satz einen Matchball vergab und schließlich noch verlor. Im Endspiel hätte dann Juan Carlos Ferrero gewartet und Nalbandian eine große Chance auf den Titel gehabt. Der "Gaucho" gewann insgesamt elf ATP-Titel und schaffte es bis auf Platz drei in der Weltrangliste.

Sein größter Erfolg war der Gewinn des Masters Cups (heute ATP World Tour Finals) im Jahre 2005 in Shanghai, als er sich im Finale nach 0:2-Satzrückstand gegen Roger Federer durchsetzte und die Siegesserien des Schweizers (35 Siege in Folge, 24 Finals in Folge gewonnen) beendete. Auch der Triumph beim ATP-Masters-1000-Turnier in Madrid (damals noch ein Hallen-Hartplatzturnier) im Jahre 2007 hatte historische Bedeutung, da Nalbandian auf dem Weg zum Titel mit Rafael Nadal, Novak Djokovic und Federer die Nummern zwei, drei und eins der Welt nacheinander besiegte. Nalbandian sorgte aber auch mit einigen Ausrastern für Aufsehen. Beim Rasenturnier in Queen's wurde er 2012 wegen eines Fußtrittes gegen die Werbebande des Linienrichter-Stuhls disqualifiziert. Bei den Australian Open 2012 wurde er zu einer Geldstrafe verdonnert, nachdem er einen Turniermitarbeiter nach dem unglücklichen Ausscheiden mit Wasser bespritzt hatte.

Platz 1: Marcelo Rios

Marcelo Rios war ein "Enfant Terrible" und der "Bad Boy" während seiner aktiven Zeit. Der Chilene, der mehrfach zum unsympathischsten Spieler auf der Tour gewählt wurde, bestach aber auch durch sein unglaubliches Talent gepaart mit einem extremen Ballgefühl. Rios gewann in seiner kurzen Karriere 18 Turniere (darunter fünf Masters-Wettbewerbe) und schaffte 1998 als erster Südamerikaner den Sprung an die Spitze der Weltrangliste. Bei den vier Grand-Slam-Turnieren reichte es für den Chilenen aber nicht bis ganz nach oben. Sein einziges Grand-Slam-Finale verlor Rios bei den Australian Open 1998 gegen den Tschechen Petr Korda glatt in drei Sätzen. Eine Niederlage, die den Chilenen bis heute schmerzt, da Korda im gleichen Jahr in Wimbledon des Dopings überführt wurde. Im Jahr 2015 hatte Rios bei der ITF den Antrag auf Untersuchung des Finals in Melbourne gestellt. Dieser wurde allerdings abgewiesen.

Er ist bis heute der einzige Weltranglisten-Erste im Herrentennis, der kein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte. Immer wieder hatte der Chilene mit Verletzungen zu kämpfen und musste 2004 deshalb seine Karriere beenden. Bezeichnend ist, dass er in seinem letzten Profimatch aufgeben musste. Auf dem Platz sorgte der Linkshänder mit dem Pferdeschwanz immer wieder durch sein gefühlvolles, variantenreiches Spiel für Staunen bei den Zuschauern. Viele Experten trauten ihm mehrere Grand-Slam-Siege zu. Abseits des Platzes war Rios ein Mysterium. Der scheue Chilene mied die Öffentlichkeit, gab selten Interviews und war nicht sonderlich beliebt in der Tennisszene. "Er ist der größte Depp, den ich je getroffen habe", polterte der ehemalige Weltranglisten-Erste Ilie Nastase über den Chilenen. Immer wieder sorgte Rios für Skandale und negative Schlagzeilen. Nach einer Prügelei mit einem Taxifahrer und der Polizei wurde er ebenso inhaftiert, genauso wie nach einem Handgemenge in einer Bar in seiner Heimstadt Santiago de Chile.

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