Pilotversuch mit Legenden – Klappt Profitennis auch ohne Linienrichter?

Bei der „PowerShare Series“ in den USA, wo viele Tennis-Legenden am Start sind, werden die Matches ohne Linienrichter gespielt.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 29.03.2015, 14:16 Uhr

Welcher Amateurspieler kennt diese Szene nicht? Man ist voll und ganz in das Match vertieft und muss dennoch in Bruchteilen von Sekunden entscheiden, ob ein Ball auf/vor der Linie oder im Aus war. Umso zügiger das Spieltempo, umso schwieriger fallen die Entscheidungen. Gerade bei solchen Szenen zeigt sich, welcher Spielertyp man ist. Ist man großzügig oder gibt man jeden Ball rigoros aus, auch wenn man sich nicht komplett sicher ist?Mark Philippoussis, zweifacher Grand-Slam-Finalist, gehörte als Jugendlicher zu den großzügigen Spielern. „Ich war das Kind, dass, wenn ein anderer Spieler den Ball geschlagen hat, gesagt hat: ‚Ich glaube, der Ball war gut.’ Und mein Vater sagte nur: ‚Warum hast du ihn gut gegeben. Er war klar aus.’ Ich sagte: ‚Ich war mir nicht sicher.’ Und mein Vater rollte dann nur mit den Augen“, sagte Philippoussis.

Wenn man als Tennisspieler zu etwas Höherem berufen ist, dann fällt irgendwann die Pflicht weg, die Bälle selbst zu schiedsen. Denn dafür sind der Schiedsrichter und einige Linienrichter verantwortlich. Die Spieler können sich demnach voll und ganz auf das Match konzentrieren, müssen aber auch mit etwaigen Fehlentscheidungen der Linienrichter und des Schiedsrichters leben. Damit es gerechter im Tennis zugeht, wurde im Jahr 2006 das Hawk-Eye im Tennis eingeführt, um strittige Situationen aufzuklären. Das Hawk-Eye ist nicht mehr wegzudenken aus dem Tennissport, wobei das elektronische System noch längst nicht bei allen Turnieren und auf allen Plätzen zum Standard gehört.

Philippoussis: „Ein Schritt in die richtige Richtung“

Demnächst könnte eine neue Revolution im Tennis bevorstehen. Denn bei der „PowerShare Series“, die vom 24. März bis 2. Mai in zwölf Städten in den USA ausgetragen wird, findet ein Pilotprojekt statt. Bei der „PowerShare Series“ duellieren sich Tennis-Legenden wiePete Sampras,Andre Agassi,Jim CourierundJohn McEnroe. Das Besondere: Die Matches finden ohne Linienrichter statt. Die Spieler bestimmen selbst, ob ein Ball gut oder im Aus war – mit Unterstützung des Schiedsrichters. Dabei ist das Hawk-Eye im Dauereinsatz. Die Spieler haben die Möglichkeit, bei jedem Ballwechsel eine Challenge zu nehmen oder eben auf die Entscheidung des Gegners oder Schiedsrichters zu vertrauen. Für Mark Philippoussis, einer der Teilnehmer bei der „PowerShare Series“ ist das Spielen ohne Linienrichter eine tolle Sache, an der man festhalten sollte.

„Ich bin mir sicher, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Ich sehe es als natürliche Entwicklung. Es wird passieren. Früher oder später wird jemand den Satz aussprechen und sagen, dass es von nun an für immer ist. Das ist die Zukunft und ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte Philippoussis gegenüber „CNN.com“. Einer, der das Spielen ohne Linienrichter besonders freut, ist John McEnroe. Der US-Amerikaner hatte sich in seiner aktiven Zeit immer wieder mit Linienrichtern angelegt undletztes Jahr bereits den Vorschlag unterbreitet, im Profitennis sogar komplett auf Schiedsrichter zu verzichten, um dem Spiel mehr Würze zu verleihen. „Ich hätte nie gedacht, dass der Tag kommen wird, dass ich ein Tennisturnier ohne Linienrichter spielen würde. Ich denke, das könnte eine bahnbrechende Spielveränderung für den Sport sein“, sagte McEnroe.

Courier: „Der perfekte Testort“

Jim Courier ist nicht nur Teilnehmer bei der „PowerShare Series“, sondern auch Mitbegründer der Firma, welche die Veranstaltung ins Leben gerufen hat. „Ich denke, das wir der perfekte Testort sind, falls die Profi-Tour wirklich interessiert ist“, sagte Courier gegenüber „CNN.com“. Am 2. April beim Event in Chicago wird ein Vertreter des US-amerikanischen Tennisverbandes (USTA) dabei sein, um das Ganze real zu sehen. „Anfangs befürchte ich, dass es den Stress für die Spieler erhöhen könnte, mich eingeschlossen. Am meisten Probleme sehe ich bei den Aufschlägen, die mit 220 km/h auf dich zukommen. Im Training rufen wir einfach aus, aber im Wettkampf ist das nochmal etwas anderes“, meint Courier.

Andre Agassi gehört ebenfalls zu den Versuchskaninchen und ist etwas skeptischer. „Ich erwarte, dass es interessant, aber auch seltsam wird. Sehe ich den Ball genauso gut kommen, wie wenn ich weiß, dass da noch ein Linienrichter da ist? Der Druck lastet auf mir, um den Ball zu beurteilen.“ Möglicherweise ist die „PowerShare Series" der Beginn einer Revolution im Profitennis. Einige ITF-Future-Turniere und Junioren-Events gehen bereits ohne Linienrichter über die Bühne. Vielleicht ziehen die ATP und WTA irgendwann nach.(Text: cab)

von tennisnet.com

Sonntag
29.03.2015, 14:16 Uhr