Ranking-Wirrwarr um Andy Murray – Droht der ATP der GAU?

Andy Murray könnte nach den ATP World Tour Finals die Nummer eins sein, aber trotzdem nicht als Weltranglisten-Erster überwintern.

von Christian Albrecht Barschel
zuletzt bearbeitet: 02.11.2016, 00:00 Uhr

VIENNA,AUSTRIA,26.OCT.16 - TENNIS - ATP World Tour, Erste Bank Open. Image shows Andy Murray (GBR). Photo: GEPA pictures/ Walter Luger

Stellt euch vor, Andy Murray ist nach den ATP World Tour Finals die Nummer eins der Welt, aber beendet die Saison trotzdem nicht als Weltranglisten-Erster! Unmöglich? Nein, genau solch ein Szenario könnte eintreffen und wäre der GAU für die ATP. Murray hat diese Woche beim ATP-Masters-1000-Turnier in Paris-Bercy die Chance, Novak Djokovic als Nummer eins abzulösen. Was er dafür tun muss? Er müsste das Turnier gewinnen und darauf hoffen, dass Djokovic vor dem Finale verliert oder er erreicht das Finale und Djokovic verliert vor dem Halbfinale. In beiden Fällen würde der Schotte erstmals den Sprung auf den Tennisthron schaffen, da im Vergleich zu anderen Turnieren die Weltranglistenpunkte von den ATP World Tour Finals bereits vor Turnierbeginn abgezogen werden.

Die verflixten Davis-Cup-Punkte

Sollte Djokovic nach Paris-Bercy die Nummer eins bleiben, bietet sich Murray bei den ATP World Tour Finals die Chance, am "Djoker" vorbeizuziehen. Aber das bedeutet nicht automatisch, dass er dann als Weltranglisten-Erster überwintert. Warum das so ist? Bei Murray sind in seinem "Rankings Breakdown" noch Punkte vom letztjährigen Davis-Cup-Finale in der Wertung, und zwar 275 Punkte. Diese hat er für zwei Einzelsiege (jeweils 75 Punkte) im Finale gegen Belgien sowie für einen Performance Bonus (125 Punkte) bekommen. Diese 275 Punkte werden Murray laut "Rankings Breakdown" erst am 28. November abgezogen und sind auch nur noch in der Wertung, weil der Weltranglisten-Zweite in diesem Jahr weniger Turniere gespielt hat, als er tatsächlich einbringen muss, und die Davis-Cup-Punkte nicht durch ein anderes Turnier ersetzt wurden.

Folgendes Szenario wäre durchaus möglich: Murray und Djokovic scheiden in Paris-Bercy jeweils im Halbfinale aus, sodass der Serbe mit einem Vorsprung von 415 Punkten in die ATP World Tour Finals geht. Die beiden gewinnen dann beim Saisonfinale in London ihre Gruppe ohne Niederlage und ziehen auch ins Finale ein. Murray schlägt Djokovic im Endspiel, wird zum ersten Mal Weltmeister und bekommt 1500 Punkte für seine fünf Siege, während Djokovic 1000 Punkte erhält. Somit wäre Murray nach den ATP World Tour Finals am 21. November mit 85 Punkten Vorsprung die Nummer eins der Welt. Allerdings würde er dies nur für eine Woche bleiben, weil ihm am 28. November die 275 Punkte vom Davis-Cup-Finale 2015 aus der Wertung fallen. Somit würde Djokovic wieder vorbeiziehen und erneut als Weltranglisten-Erster überwintern.

Ohne zu spielen die Nummer 1 im "Race to London"

Ein bizarres Szenario, was in unterschiedlichen Versionen aber durchaus vorstellbar ist. Das Abstruse dabei: Die 275 Punkte für das Davis-Cup-Finale 2015 sind für das diesjährige "Race to London" gültig und wurden am 1. Januar freigeschaltet. So begann Murray in der Jahresweltrangliste mit 275 Punkten, obwohl er gar nicht gespielt hat. Auch David Goffin bekam für seinen Einzelsieg gegen Kyle Edmund im Davis-Cup-Finale 75 Punkte, die er mit ins "Race to London" nahm. 75 Punkte, die am Ende den Ausschlag hätten geben können, ob sich der Belgier für das Saisonfinale qualifiziert oder nicht. Im "Race to London" vom 11. Januar 2016 ist zu sehen, dass Murray die Wertung anführt, obwohl er nur den Hopman Cup spielte, wo es keine Weltranglistenpunkte gibt. Auch die Punkte bei Challenger-Turnieren, die während oder nach den ATP World Tour Finals erzielt werden, fließen in das nächstjährige "Race to London" ein, werden in der Weltrangliste aber sofort gutgeschrieben.

In diesem Jahr gab es keine Weltranglistenpunkte im Davis Cup und bei Olympia, was gleichzeitig großes Pech für Murray war. Denn der Olympiasieg hätte dem Schotten bei einer Wertung wie 2012 in London 750 Punkte gebracht. Die drei diesjährigen Einzelsiege im Davis Cup hätten zusätzlich 150 Punkte auf dem Konto bedeutet. Mit insgesamt 900 Punkten mehr wäre Murray im "Race to London" somit bereits vor Djokovic gewesen und hätte noch viel größere Chancen auf die Nummer eins gehabt. Ein ähnliches Szenario wie jetzt wäre vor zwei Jahren möglich gewesen, als Djokovic mit Roger Federer um die Nummer eins kämpfte. Federer stand 2014 mit der Schweiz im Davis-Cup-Finale und hätte mit zusätzlichen Davis-Cup-Punkten an Djokovic vorbeiziehen können, obwohl er nach den ATP World Tour Finals die Nummer zwei war. Doch bereits während des Saisonfinales in London stand fest, dass der Schweizer trotz zweier Einzelsiege im Davis-Cup-Finale keine Chance mehr auf die Nummer eins gehabt hätte. Murray kann also nun Glück und Pech haben. Die Davis-Cup-Punkte aus dem Vorjahr könnten ihn zur Nummer eins machen, aber auch dazu führen, dass er das Jahr nicht als Weltranglisten-Erster beendet. Es wäre ein Szenario, das die ATP lieber nicht sehen würde.

von Christian Albrecht Barschel

Mittwoch
02.11.2016, 00:00 Uhr