Was Andy Murray zur Nummer eins macht

Die Eigenschaften, die den Briten zur Nummer eins machen könnten.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 18.10.2016, 22:51 Uhr

BEIJING, CHINA - OCTOBER 09: Andy Murray of Great Britain reacts against Grigor Dimitrov of Bulgaria during the Men's Singles final on day nine of the 2016 China Open at the China National Tennis Centre on October 9, 2016 in Beijing, China. (Photo ...

Julius war neun Jahre alt. Julius hatte einen Traum, den keiner aus seiner Familie oder aus seinem Freundeskreis verstehen konnte. Seine Freunde wollten alle Polizist, Feuerwehrmann oder ganz einfach ein Superheld werden. Julius nicht. Er hatte den großen Traum ein brillanter Stand-up-Comedian zu werden. Doch stellte sich vor diesen Traum ein Riese – in Form einer Sprachstörung. Immer wenn Julius nervös wurde, begann er zu stottern. Schwer zu schlucken. Er verlor die Wörter aus seinem Kopf. Dieser hässliche Riese verdeckte seinen großen Traum so sehr, dass Julius gerade einmal über der linken Schulter dieses Riesen einen Hauch von seinem Traum erkennen konnte. Niemand traute ihm zu, Stand-up-Comedian zu werden. Wie sollte dieser kleine Junge mit Sprachstörung später vor einem Publikum stehen und Menschen unterhalten? Sie zum Lachen bringen? Sie mit einem guten Gefühl aus einem großen Saal entlassen?

Der, der nicht aufgibt, ist nicht zu besiegen

Julius interessierte sich nicht für die Meinungen und Ansichten anderer Leute. Er hatte nur seinen Traum vor Augen. Tag für Tag arbeitete er vor dem Spiegel an seiner Körperhaltung. Immer und immer wieder schrieb er sich Witze und kleine, unterhaltsame Geschichten auf. Julius wurde immer kreativer – immer besser. Mit den immer besseren Geschichten, die er schrieb, stieg sein Selbstvertrauen an. Er begann, sich und seinen Fähigkeiten mehr zu vertrauen. Seine Körpersprache wurde präsenter. Seine Aussetzer beim Sprechen gingen mit der Zeit immer mehr zurück. Julius begann vor einem winzigen Publikum zu sprechen – vor drei Freunden. Rückschläge hielten ihn nicht davon ab, an seinem Traum festzuhalten. Seine Jugend nutzte Julius für Sprachunterricht. Von Jahr zu Jahr wurde er immer sicherer beim Sprechen vor Publikum. Mit 23 Jahren hatte Julius seinen ersten Auftritt in einer Show. Vor echtem Publikum. Als echter Stand-up-Comedian.

Eifer

Vielleicht hat keiner hat den Tennisthron so sehr verdient wieAndy Murray.Auch ihm stellte sich wie Julius ein Riese in den Weg. Ein Riese, der gleich noch seine zwei Brüder mit im Schlepptau hatte. MitNovak Djokovic,Roger FedererundRafael Nadalmeinte es das Schicksal nicht gut mit Andy Murray. Doch: Murray gab niemals auf. Wenn man ehrlich ist, hatte man ihn für die Nummer eins Position nie auf dem Schirm. Talentiert? Ja. Physisch stark? Ja! Im Kopf den drei Riesen gewachsen? Nein!

Andy Murray brauchte in seiner Entwicklung länger als Djokovic, Federer und Nadal. Sein Eifer, niemals den Kopf auch nur annähernd in die rote Asche zu stecken, wird ihn möglicherweise bald zur Nummer eins machen. Sein Verhalten und seine Körpersprache sind vielleicht nicht immer ein Vorbild für jeden jungen Tennisspieler. Seine Einstellung zum Sport, sein Wille und die einzigartige Fähigkeit wirklich niemals aufzugeben sind es dafür umso mehr. Nie hat Murray aufgehört, sich verbessern zu wollen. Erstaunlich, dass gerade die Topspieler penibel und bis ins kleinste Detail an sich und ihrem Spiel arbeiten. Technisch, sowie taktisch. Die Entwicklung eines Tennisspielers ist eine Reise ohne Ziel. Sie darf keinen zuvor festgelegten Endpunkt besitzen.

Entwicklung

Ivan Lendl. Amélie Mauresmo. Ivan Lendl. Wer traut sich solch verrückte Irrfahrten quer durch den Trainergarten zu? Jemand, der immer mehr wissen will. Mehr über sein Spiel. Mehr über seine Schwächen. Mehr über seine Stärken. Verfolgt man die Historie der Matches von Murray gegen Novak Djokovic, merkt man wie viel Murray versucht und probiert hat. Seine vielleicht größte Schwächen – wir sprechen hier von einem Niveau, welches 98 Prozent aller Tennisspieler nie erreichen werden – das zu defensive Spiel, konnte er in den letzten Jahren etwas vom Spickzettel wegradieren. Ein Hardhitter ist Murray natürlich nicht. Aber ein Spieler, der, ebenso wie Julius, mit der Zeit immer mehr Vertrauen in seine Fähigkeiten gewinnen konnte.

Erfolg

Erfolg macht schlapp. Geistig. Wie auch körperlich. Leicht ist es, sich auf dem bereits erzielten Erfolg auszuruhen. Diesen Erfolg zu genießen. Murray tat dies nicht. Er war bestrebt immer noch ein Stück mehr erreichen zu wollen. Dabei stellte er seine Entwicklung über den eigenen Erfolg. Er schien sich nicht zu sehr von seinen ersten Grand-Slam-Triumphen blenden zu lassen. Stattdessen legte er sein Augenmerk auf sein Spiel. Auf das, was noch nicht so rund lief. Die stetige Entwicklung des eigenen Spiels ist ein größerer Erfolg als das Hochhalten eines Pokals – ganz gleich wie begehrenswert dieser auch sein mag.

Die Nummer eins. Andy Murray hat sie verdient.

Eine Analyse von Marco Kühn (tennis-insider.de).

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von tennisnet.com

Dienstag
18.10.2016, 22:51 Uhr