ATP: Wer kann Marathon - und wer nicht?
Die Halbfinals der Australian Open haben gezeigt, warum Carlos Alcaraz in langen Matches glänzt – und Jannik Sinner statistisch hinterherhinkt.
von Stefan Bergmann
zuletzt bearbeitet:
02.02.2026, 19:46 Uhr

Die Halbfinals der Australian Open lieferten heuer den perfekten Aufhänger für eine spannende Tennisfrage: Wer hält durch, wenn Matches in die absolute Verlängerung gehen? Sowohl das Duell zwischen Carlos Alcaraz und Alexander Zverev als auch das Kräftemessen von Jannik Sinner mit Novak Djokovic verlangten den Akteuren körperlich wie mental alles ab. Beide Partien waren intensiv, physisch brutal – und doch offenbarten sie einmal mehr, wie unterschiedlich Spieler mit echtem Marathon-Tennis umgehen.
Ein Blick auf die Statistik von Matches mit einer Dauer von mindestens 3:50 Stunden, die aktuell im Internet kursiert, liefert dazu ein erstaunlich klares Bild. Alcaraz führt diese Rangliste mit 12 Siegen bei nur einer Niederlage an – eine Quote von über 90 Prozent. Das ist mit Bestimmheit kein Zufall. Der Spanier bringt eine Mischung aus Kraft, Explosivität und taktischer Flexibilität mit, die ihn auch nach vier, fünf Stunden noch gefährlich macht. In diese Kategorie fallen historisch auch Rafael Nadal, der mit 30 Siegen ebenfalls weit vorne liegt, sowie Djokovic und Andy Murray – allesamt Spieler, die ihre Karrieren klar auf Widerstandsfähigkeit und mentale Härte aufgebaut haben.
Zverev klar im Mittelfeld
Am anderen Ende der Skala steht ausgerechnet Sinner. Acht Marathon-Matches, acht Niederlagen – eine Bilanz, die auf den ersten Blick irritiert, beim genaueren Hinsehen aber durchaus erklärbar ist. Sinners Tennis lebt von Tempo, Präzision und Kontrolle, weniger vom harten Abnützungskampf. Über sehr lange Distanzen wird sein Spiel anfälliger, kleine Schwankungen summieren sich. Ähnliche Muster kannte man früher auch bei Roger Federer, dessen eleganter Stil nicht auf stundenlange “Materialschlachten” ausgelegt war – trotz aller Klasse.
Dazwischen bewegt sich eine breite Gruppe: Kei Nishikori überrascht mit einer exzellenten Quote von über 86 Prozent, ein Beleg für seine enorme Leidensfähigkeit bei gleichzeit häufigen Verletzungsproblemen. Zverev liegt mit etwas über 50 Prozent im soliden Mittelfeld – er kann Marathon, aber nicht immer. Namen wie Stan Wawrinka, Marin Cilic oder Stefanos Tsitsipas unterstreichen, wie schmal der Grat ist. Eines ist jedenfalls klar: Lange Matches belohnen nicht Schönheit, sondern Belastbarkeit. Und genau dort hat Alcaraz derzeit einen klaren Vorsprung – auch gerade im direkten Vergleich mit seinem Südtiroler Konkurrenten.
