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Australian Open: Djokovic vor sportlicher Bewährungsprobe gegen Alexander Zverev

Novak Djokovic sorgt in Melbourne mal wieder für Fragezeichen ob der Ernsthaftigkeit seiner Verletzung. Im Viertelfinale gegen Alexander Zverev könnte sich zeigen, wie fit der Djoker wirklich ist.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 15.02.2021, 10:45 Uhr

Novak Djokovic ist erwartungsgemäß eher nicht ins Schwitzen gekommen
© Getty Images
Novak Djokovic

Als Novak Djokovic vor knapp einem Jahr auf dem Centre Court von Dubai stand, soeben wieder einmal zum Tennis-Wüstenkönig ausgerufen, war die Welt irgendwie noch in Ordnung. Beim Siegerinterview nach dem 79. Karriereerfolg wurde Djokovic wie immer nach seinen Zielen für die Saison gefragt, es dauerte ein paar Momente, bis der Weltranglisten-Erste dann verkündete: „Ich will den Rest des Jahres ungeschlagen bleiben.“ Die Menge lachte, johlte, spendete frenetischen Beifall. Und dann schob Djokovic nach: „Das war ein Spaß. Ach, eigentlich doch nicht. Es ist kein Spaß.“

Mitte Februar 2021 steht Djokovic immer noch auf Platz 1 der Weltrangliste, er ist punktemäßig der unumstrittene Anführer des Wanderzirkus. Aber außer der alten, bestehenden Hackordnung ist nichts mehr so, wie es war im Kosmos des 33-jährigen Belgraders – des Mannes, der Dienstagmittag bei den Australian Open gegen Alexander Zverev zum spektakulären Viertelfinal-Gipfel in der dann menschenleeren Rod-Laver-Arena zu Melbourne antritt. Djokovic, seit seinem Aufstieg in elitäre Höhen des Welttennis auch stets bemüht, zu den Sympathiewerten der Alphatiere Roger Federer und Rafael Nadal aufzuschließen, hat in den vergangenen Wochen viel, sogar sehr viel Anerkennung und Respekt verspielt. 

Djokovic: Irrungen und Wirrungen

Genaugenommen ist er sogar der größte Verlierer der seltsamen, eigenartigen Monate der weltweiten Pandemie. Selbst bei den laufenden Grand-Slam-Geschehnissen Down Under steht der Serbe schon wieder im Fokus wenig schmeichelhafter Betrachtungen – erneut geht es um Vorwürfe, Verletzungen zu simulieren. Und in Matches zweifelhafte Auszeiten zu nehmen, um den Gegner zu irritieren. Nachdem Djokovic in einem Fünf-Satz-Fight gegen den Amerikaner Taylor Fritz sehr angegriffen wirkte und später selbst eine Bauchmuskelzerrung andeutete, waren beim Achtelfinalsieg am Sonntag gegen Milos Raonic (Kanada) keine wesentlichen Beschwerden zu erkennen. Für den Zuschauer sehe das „merkwürdig“ aus, erklärte Matador Rafael Nadal.

Djokovic war auch in der außergewöhnlichen Corona-Saison 2020 immer wieder in den weltweiten Schlagzeilen, aber dem Sport, den er als Führungsfigur repräsentiert, tat das nicht besonders gut. Es begann schon mit den Irrungen und Wirrungen der Adria-Tour, die Djokovic und sein Familien-Imperium im Frühling in der Heimat veranstalteten – mit gutem Willen, zugegeben. Aber ohne Disziplin, Ordnung und einer gewissen Demut in Krisenzeiten. Am Ende blieb, auch nach nächtlichen Partyexzessen, ein einziger Scherbenhaufen zurück – und, ganz nebenbei, auch eine Serie von Virusinfektionen bei Profis und deren Entourage. Auch Djokovic und seine Frau waren betroffen. 

"An meiner Entwicklung arbeiten"

Während das Gros seiner Mitstreiter im allgemeinen Lockdown einfach nur in aller Einsamkeit vor sich hinarbeitete, geriet Djokovic pausenlos und polarisierend auf Abwege. Immer wieder outete er sich als Anhänger dubioser Esoterikideen, er vertrat sogar die Ansicht, man könne vergiftetes Wasser allein durch Gedankenkraft reinigen. Als wäre das alles nicht schon genug, ging dann auch beim ersten großen Einsatz in der Ära der Pandemie alles schief für den eigenwilligen Capitano. Direkt vor den US Open zettelte der 33-jährige eine Art Rebellion gegen die eigene Spielergewerkschaft ATP an und gründete eine neue Interessensvertretung. Und erntete prompt harsche Kritik: „Solidarität, Zusammenhalt“ seien jetzt gefragt, rief Maestro Federer mahnend, „und nicht Spaltung.“

Und dann passierte, wahrscheinlich auch Konsequenz der Anspannung und des riesenhaften Drucks, der Super-GAU für Djokovic – der Moment, in dem sich nach 26:0-Siegen in 2020 auch sein Traum der Unbezwingbarkeit in Chaos auflöste: Im Achtelfinale des New Yorker Grand Slams gegen den Spanier Carreno Busta trifft Djokovic bei einem Wutausbruch eine Linienrichterin am Hals, als er den Ball unkontrolliert vom Schläger feuert. Er wird disqualifiziert, es ist der Höhe- und Tiefpunkt seiner gesammelten Eskapaden. Klammheimlich verlässt er den Schauplatz der Schmach, schwänzt die Pressekonferenz, reicht später via Social Media eine Entschuldigung nach. „Traurig und leer“ sei er, sagt Djokovic, „ich muss jetzt als Mensch in mich gehen und an meiner Entwicklung arbeiten.“

Djokovic: Sportliche Bewährungsprobe gegen Zverev

Doch den richtigen Ton zu treffen, das richtige Maß zu finden, fällt ihm weiter schwer im allgemeinen Ausnahmezustand. Auch in Australien ist das nicht anders. Nach den Problemen im Grand-Slam-Countdown, den Corona-Fällen auf den Charterflügen für die Profis und der harten Quarantäne für ein größeres Spielerkontingent, richtet der erfolgreichste Akteur des letzten Tennis-Jahrzehnts einen Forderungskatalog an die Turnierbosse – enthalten ist auch das aberwitzige Ansinnen, die betroffenen Spielern in Privathäuser umzuquartieren. Privilgien für die ohnehin schon bevorteilten Tennisstars – ein Aufschrei geht da über den Fünften Kontinent, in Kommentarspalten der Zeitungen wird gefordert, Djokovic sofort auszuweisen. Es wird daran erinnert, welche Entbehrungen gerade die Menschen in Melbourne in der Corona-Krise auf sich nehmen mussten, darunter einen eisernen Lockdown über 111 Tage im letzten Spätsommer und Herbst.

Gegen Zverev, der bei der Adria-Tour auch zu den Eingeladenen und Mitfeiernden zählte, steht der umstrittene Djokovic in der Viertelfinale Nachtshow des Dienstags nun vor seiner größten sportlichen Bewährungsprobe im 2021er-Turnier. „Wäre das hier kein Grand Slam, hätte ich mich schon aus dem Wettbewerb herausgezogen“, behauptete der Belgrader nach seinem Viertrundensieg gegen Raonic, ohne Details zu seiner Blessur preiszugeben. Zverev sollte sich allerdings besser auf einen voll leistungsfähigen Djokovic einstellen, auf einen Mann, der in Melbourne wegen seiner ausdauernden Geschmeidigkeit und faszinierenden Beweglichkeit auch schon als „Gummimensch“ bezeichnet wurde.

Acht Titel in der Rod-Laver-Arena hat Djokovic schon gewonnen, keiner war hier erfolgreicher als er. Mit Pokal Nummer neun will er sich in der ewigen Grand-Slam-Bestenliste auch weiter an Federer und Nadal heranpirschen, an jenes Duo, das ihm als Messlatte und Maßstab dient. „Die meisten Grand Slams gewonnen zu haben, ist mein größter Antrieb“, sagt Djokovic.

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