Viel Lob für Tim Smyczek nach tollem Fairplay – „Er ist ein echter Gentleman“

Nach dem Briten Henman hat der Tennissport durch die Australian Open wieder einen „Gentleman Tim“: Tim Smyczek.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 22.01.2015, 20:23 Uhr

Von Manuel Wachta

„Ich kann das nicht verstehen, wie diese ‚Channel 7’-Kommentatoren sagen können, dass sie von einem in den ATP-Top-100 gereihten Spieler noch nie gehört haben. Es ist euer Job, das zu wissen“, regte sich der SüdafrikanerKevin Andersonam Mittwoch auf „Twitter“ auf. Nun, dass Experten mit dem Namen Tim Smyczek, Career High Platz 73 und aktuell Nummer 112 des ATP-Rankings, etwas anfangen können sollten, das ist natürlich völlig unbestritten. Viele gewöhnliche Tennisfans hatten den US-Amerikaner an diesem Tage bei den Australian Open allerdings in der Tat zum ersten Mal wahrgenommen. Offenbar auch einige Zuseher, die den 27-Jährigen in der Rod Laver Arena zwar lautstark unterstützten, doch an der Aussprache des polnischen Wurzeln entspringenden Nachnamens kläglich scheiterten.

Mit seinem Auftritt gegen niemand Geringeren als den 14-maligen Grand-Slam-SiegerRafael Nadaldürfte sich Smyczek nun jedoch ins Gedächtnis der Öffentlichkeit gebrannt haben. Und das gleich aus einer Vielzahl an Gründen, aus denen er das Publikum im Stadion und vor den Bildschirmen begeisterte. Zum einen, da er den Fans einen ungeahnt spannenden Tennisabend bescherte und dem hohen Favoriten beim2:6, 6:3, 7:6 (2), 3:6, 5:7über 4:12 Stunden hinweg alles abverlangte. Zum anderen auch mit seiner gefälligen Spielweise. Mit unglaublich großer Schnelligkeit wieselte Smyczek über den Platz, mit großartiger Beinarbeit, sauberen Schlägen und – vor allem beim Aufschlag – mit Präzision statt roher Gewalt, sodass sich die Zuschauer fragen mussten, warum sie von diesem jungen Mann nicht schon öfter gehört hatten.

„Nicht viele machen das bei 6:5 im fünften Satz“

Positiv fiel Smyczek auch aus anderen Gründen auf. Ob er gerade einen schlechten Stoppball spielte oder nicht: Wann immer er die Ballkinder bat, ihm das Handtuch zum Abwischen des Schweißes zu reichen, fanden sich immer noch Zeit und Freundlichkeit für ein „Danke“. Eine kleine, aber feine und heutzutage nicht gerade allgegenwärtige Geste. Auffallend war ebenso, wie oft Smyczek seinem Kontrahenten auf starke Punkte applaudierte. Die beeindruckendste Szene spielte sich jedoch zu einem Zeitpunkt ab, als die Partie bereits fast zu den Ungunsten von Smyczek entschieden war, nämlich bei 6:5 und 30:0 für Nadal im fünften Abschnitt. Der Spanier wurde beim ersten Aufschlag, mitten in der Bewegung, von einem unnötigen, lauten Zwischenruf von den Rängen gestört. Und verschlug seinen Versuch prompt.

Der Stuhlschiedsrichter machte keine Anstalten, Nadal nochmal die Möglichkeit eines ersten Aufschlags zu geben. Plötzlich mischte sich zur Verwunderung aller Smyczek ein, um Nadal von sich aus ein erstes Service zuzusprechen. Ein Maß an Sportlichkeit, das ganz besonders in einer solch schwierigen Situation in einem solch wichtigen Match nur die Wenigsten erwartet hätten. Ebenso wenig wohl Nadal, der Smyczek dafür, nach seinem kurz darauf fixierten Sieg, noch auf dem Platz in den allerhöchsten Tönen lobte: „Es war ein sehr hartes Match für mich. Zuerst mal will ich Tim gratulieren. Er ist ein echter Gentleman. Nicht viele machen dies bei 6:5 im fünften Satz – nach vier Stunden. Und deshalb will ich ihm gratulieren, und weil er ein tolles Spiel gemacht hat.“ In der Pressekonferenz legte Nadal nach und bezeichnete „das, was er heute gemacht hat, als großartiges Beispiel“.

Nadals PR-Manager will Ehrung für Smyczek

Die kleine Heldentat des Fairplays sorgte in der Tenniswelt allseits für Begeisterung und war auch am Tag danach noch Thema Nummer eins – in den sozialen Netzwerken so wie auch in den Medien und bei den Spielern. Auch zuNovak Djokovicsprach sich das ungewöhnliche Ereignis herum: „Ich habe die großartige Geste eines Gentlemans gesehen“, sagte der Serbe am Donnerstag nach seinem Drittrunden-Einzug. „Darüber sollten die Leute reden. Das ist im Sport heutzutage nicht mehr üblich. Es ist schön, etwas zu haben, das größer ist als der Sport. Fairplay und Sportgeist.“ Die LegendeBillie Jean King, Verfechterin der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, zeigte Smyczek per Twitter den Daumen nach oben, „fürs Machen des Richtigen im letzten Game seines Matches gegen @RafaelNadal.“

Der US-Journalist Ben Rothenberg ging sogar noch einen Schritt weiter und forderte indirekt eine Ehrung Smyczeks: „Ich hoffe, dass sich die Menschen daran erinnern, was Tim Smyczek gemacht hat, wenn sie am Ende des Jahres beim ‚Sportmanship Award’ abstimmen. Das wäre bedeutungsvoller als Rogers 99.(Federer; Anmerkung).“ Was prominente Befürwortung zur Folge hatte – etwa von Nadals PR-Manager Benito Perez-Barbadillo: „Ich denke, er verdient den ‚Sportmanship Award’ für die nächsten zehn Jahre, und ich werde mich dafür einsetzen.“ Dazu passend war es, wie trocken und bescheiden Smyczek die Szene selbst kommentierte. In der Pressekonferenz nach dem Spiel meinte er, dass der Zwischenruf Nadal „klar gestört hat. Wisst ihr, ich dachte mir, dass es richtig ist, das zu machen.“ Später scherzte er darüber: „Ich weiß, dass mich meine Eltern getötet hätten, wenn ich das nicht gemacht hätte.“ Über sieben Jahre nach dem Rücktritt vonTim Henman, dereinst „Gentleman Tim“ genannt, hat die ATP-Tour einen neuen „Gentleman Tim“ gefunden.

von tennisnet.com

Donnerstag
22.01.2015, 20:23 Uhr