„Wir müssen endlich die Kräfte bündeln in Deutschland“

Boris Becker spricht im ausführlichen Interview über die Situation im deutschen Herrentennis und den Stellenwert des Davis Cup.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 04.03.2015, 21:00 Uhr

Boris Becker ist der erfolgreichste deutsche Tennisspieler. Der 47-Jährige gewann sechs Grand-Slam-Titel, darunter drei Mal den Siegerpokal in Wimbledon. Bis heute ist er der jüngste Wimbledon-Champion aller Zeiten. Becker war selbst einmal Teamchef der deutschen Davis-Cup-Mannschaft, Ende der 90er-Jahre. Seit Dezember 2013 ist er der Cheftrainer vonNovak Djokovic. Gemeinsam mit Becker schaffte Djokovic die Rückkehr auf Platz eins der Weltrangliste, zudem gewann der Serbe in der Zeit dieser Zusammenarbeit die Grand-Slam-Titel in Wimbledon (2014) und Melbourne (2015).

Herr Becker, an diesem Wochenende spielt Deutschland in der ersten Davis-Cup-Runde gegen Frankreich. Von Sport war allerdings zuletzt kaum die Rede, stattdessen beherrschten der Abgang von Ex-Teamchef Carsten Arriens und Funktionärsgerangel die Schlagzeilen.

Boris Becker: Man könnte auch sagen: Nichts Neues im deutschen Tennis. Ich bin zwar nicht mehr über jedes Detail informiert, aber was ich so höre, unterscheidet sich leider wenig von Vorgängen in der Vergangenheit. Man beschäftigt sich mit sich selbst – und nicht mit dem Sport. Und das kann sich das deutsche Tennis heute noch viel weniger leisten als jemals zuvor.

Was genau meinen Sie damit?

Becker: Wir müssen doch nur auf die Ranglisten schauen. Wie viele Deutsche stehen unter den Top 50, wie viele spielen in der zweiten Woche eines Grand Slams? Und vor allem: Wo sind die jungen deutschen Spieler, die eine Perspektive haben -Alexander Zverevmüssen wir ja noch Zeit geben, ich meine die Spieler um die 20 bis 22 Jahre. Gefordert ist jetzt eine große gemeinsame Initiative, um das deutsche Herrentennis wieder auf die Erfolgsschiene zu bringen, um in zehn, fünfzehn Jahren wieder ein paar echte Spitzenleute zu haben. Was keiner braucht, sind diese Streitigkeiten von Funktionären. Das möchte das Publikum nicht erleben.

Warum produziert Deutschland keine Spitzenspieler mehr?

Becker: Ich habe mich immer für mehr Zentralismus eingesetzt im deutschen Tennis, schon als ich selbst noch gespielt habe oder dann Teamchef war. Es ist nicht entscheidend, ob ein Topmann aus Bayern, Württemberg, Baden oder Hessen kommt. Es ist entscheidend, dass es ihn gibt, dass er eine gute, sinnvolle Förderung erhält. Das ist die Kernaufgabe des DTB: Diese Bedingungen herzustellen. Wir müssten seit vielen, vielen Jahren über diese Kleinstaaterei hinweg sein, über dieses eigensinnige Denken. Das oberste Prinzip ist: Die Kräfte müssen gebündelt werden. Ich hoffe, dass das neue Präsidium in diese Richtung wirkt und arbeitet.

Die Verbände schmücken sich gern mit dem Lorbeer, wenn einer mit 16, 17 oder 18 Jahren Jugendturniere gewinnt.

Becker: Nur: Darum geht es heute nicht mehr, das ist komplett uninteressant. Das ist nicht mehr relevant im modernen Tennis. Das einzig Entscheidende ist, dass es ein deutscher Spieler es mit 21 Jahren in die Top 100 oder besser geschafft hat – und von dort eine Plattform hat für seine weitere Karriere. Darauf muss man seine Arbeit im deutschen Nachwuchsbereich ausrichten, und das geht nur mit einer großen gemeinsamen Energieanstrengung.

Erfolge im Juniorenalter sind also weniger wichtig.

Becker: Ja, das ist so. Es geht nicht zwingend darum, die besten Jugendspieler, sondern die richtigen Jugendspieler zu fördern, die es dann auch im Herrentennis schaffen können. Das ist ein großer Unterschied, glauben Sie mir. Generell ist immer auch ein Blick über den eigenen Tellerrand zu empfehlen, also: Wie machen das andere Länder, erfolgreiche Länder?

Ihr Name war plötzlich auch im Spiel, als es um die Arriens-Nachfolge ging.

Becker: Dagegen kann ich mich nicht wehren, die Anfrage ist ja auch legitim. Aber ich habe keine einzige Sekunde ernsthaft erwogen, diesen Job jetzt zu übernehmen. Wer sich ein bisschen in der Materie auskennt, weiß, dass man nicht Trainer der Nummer eins der Welt und gleichzeitig Davis-Cup-Teamchef sein kann. Ich bin bestens ausgelastet mit dem, was ich tue.

Würden Sie ausschließen, noch einmal als Teamchef für Deutschland zurückzukehren?

Becker: Nein, das würde ich nicht. Nur ist es nicht heute, morgen oder übermorgen ein Thema.

Sie waren Führungsspieler der Nationalmannschaft, sie waren selbst Teamchef. Wie ist eigentlich die Macht verteilt in diesem Davis-Cup-Mikrokosmos?

Becker: Eins vorweg: Der Verband und der Teamchef müssen alles tun, um die Nummer eins des Landes an den Start bringen. Deshalb war es, wenn wir von Deutschland reden, auch richtig,Philipp Kohlschreiberwieder zu nominieren. Ohne Kohlschreiber hat man keine Erfolgsperspektive, das muss man ganz pragmatisch sehen. Er ist der mit Abstand beste Spieler, den wir haben. Du musst immer sehen, dass du einen Zugang zu dem besten Mann hast, du musst ihm auch Brücken bauen können.

Das heißt: Der Teamchef spielt letztlich nur eine untergeordnete Rolle.

Becker: Nein, bestimmt nicht. Aber er muss sich zurücknehmen und die Bedürfnisse seines Spitzenspielers erkennen. Es ist nun mal so, dass um die Nummer eins das Team aufgebaut wird – und dass so ein Spieler auch Vertrauenspersonen um sich herum braucht. Das ist in anderen Ländern selbstverständlich, bei uns wird da ein Riesenproblem draus konstruiert. Ich nehme mich als Trainer von Novak Djokovic auch zurück, ich spiele nicht die erste Geige. Am wichtigsten ist der Spieler.

Wie bewerten Sie die Rückkehr von Niki Pilic als Berater des Teams?

Becker: Ich freue mich, dass Niki die Zeit und die Muße hat, um Deutschland zu helfen. Es gibt keinen Trainer auf der Welt, der mehr Erfolge im Davis Cup vorzuweisen hat – und der mehr Erfahrung mitbringt. Er hat es im übrigen auch immer geschafft, als Kapitän mit den besten Spielern klarzukommen. Was nicht leicht war. Niki wird sicher eine große Hilfe auch für Michael Kohlmann sein. Ich kenne Kohlmann nicht so gut, habe aber von Dritten gehört, dass er ein sehr tüchtiger, sehr guter Mann sein soll. Man kann ihm nur alles Glück wünschen. Arriens hat für mich überwiegend auch gute sportliche Arbeit geleistet, das will ich hier nicht verschweigen.

Manche wünschten sich schon ein Mitwirken des 17-jährigen Alexander Zverev im Davis-Cup-Team.

Becker: Zverev ist noch weit weg von irgendeiner Diskussion. Er ist ein sehr talentierter 17-Jähriger, aber es gibt unglaublich viele talentierte 17-Jährige. Er braucht noch Zeit. So weit wie beispielsweiseBorna Coric, der 18-jährige Kroate, ist er noch nicht. Coric, der spielt an diesem Wochenende für Kroatien gegen Serbien. Und damit auch gegen Novak.

Roger Federer hat sich zuletzt mit scharfer Kritik am Davis Cup gemeldet. Es ging dabei auch um den jährlichen Austragungsmodus. Ihre Meinung?

Becker: Er hat alles Recht der Welt, das zu sagen. Er ist die Legende schlechthin in unserem Sport, und er sollte auch gehört werden. Tatsächlich ist der Davis Cup in der jetzigen Form überholt, er passt speziell für die vielbeanspruchten Spitzenspieler nicht mehr in den Kalender hinein.

Muss er das denn? Viele Topleute finden ja auch Zeit für Schaukämpfe in der Saison oder nach der Saison?

Becker: Das ist für mich nicht der Punkt. Fakt ist: Die Spitzenspieler spielen seit vielen Jahren immer seltener im Davis Cup. Und das ist nicht gut, das entwertet die Sache. Es muss ein Kompromiss gefunden werden, eine andere Frequenz für den Wettbewerb. Im Golf gibt es ja auch nicht jedes Jahr einen Nationenwettbewerb, sondern den Ryder Cup. Der bezieht gerade seinen Reiz daraus, dass er nicht in jeder Saison stattfindet.

Der Davis Cup wird sogar in einem übervollen Kalender eines Olympia-Jahres gespielt.

Becker: Und das geht dann einfach auch nicht mehr. Das machen die Topleute nicht mit. Ich bin gespannt, wer da 2016 antritt. Denn Davis Cup bis zum Ende durchzuspielen, das bedeutet, acht Wochen der Saison dafür zu opfern. Das ist eine Menge. Und das in einer Zeit, in der das Tennis viel physischer geworden ist, viel mehr Aufwand erfordert.

Und doch tritt Novak Djokovic wieder für Serbien an.

Becker: Der Trainer Becker sieht das nicht gern, das sage ich Ihnen ganz offen. Denn von so einer Davis-Cup-Partie musst du dich ja auch noch richtig erholen. Besonders, wenn du drei Tage am Stück spielst. Aber Serbien will in diesem Jahr unbedingt noch mal gewinnen mit dieser Mannschaft.

Das Gespräch führte Jörg Allmeroth

von tennisnet.com

Mittwoch
04.03.2015, 21:00 Uhr