Bye-bye, Ivan Ljubicic: Das Interview zum Karriereende

Im Fürstentum von Monaco fiel für den Kroaten der letzte Vorhang zu seiner großen Tennis-Karriere.

von tennisnet
zuletzt bearbeitet: 22.04.2012, 07:54 Uhr

In seiner Wahlheimat Monte Carlo ist Ivan Ljubicic nun gleichsam im zweiten Anlauf nach Indian Wells viel emotionaler "nochmals" zurückgetreten.

Stehende Ovationen nach dem letzten Auftritt am Center Court gegen Landsmann Ivan Dodig, und respektvoller Applaus dann auch in der Garderobe von seinen Profi-Kollegen zum Abschied. Rührende Szenen um "Ljubo", den sanften Riesen, der auf eine große Karriere zurückblicken kann.

Am Zenit seiner Laufbahn hat er in souveräner Manier auch hier zu Lande triumphiert: zweimal in Wien, einmal als Teamleader im Davis Cup in Unterpremstätten. Zu Beginn war der Erfolgsrun des Kroaten noch nicht wirklich absehbar gewesen. Ich erinnere mich an eine Begegnung in Kitzbühel mit dem wackeren Steirer Andi Fasching.

Nicht nur von der Physis her eine David-gegen-Goliath-Konstellation, die unspektakulär 6:3 und 6:3 an den Riesen gegangen war. Der Aufschlag war der einzige essentielle Unterschied - unbeholfen, ähnlich wie Isner vor dem Prozess des Heranreifens, hat es jedoch auch der baumlange Ivan verstanden, sich kontinuierlich und beharrlich in allen anderen Belangen erstaunlich zu steigern. Wie sein Weg über die Jahre in der Weltrangliste verdeutlicht:

Bemerkenswert neben den sportlichen Erfolgen das Engagement als Spielervertreter der ATP, wo er zunächst nach Paul Annacone 1993 der einzige aktive Profi im Board gewesen war, bevor Ljubicic sich 2009 wieder ausschließlich auf sein Tennis konzentriert hat.

Das letzte Interview des erstaunlichen Ivan Ljubicic im vollbesetzten Pressecenter des Monte Carlo Country Clubs war einer jener besonderen Momente, die der langjährige journalistische Wegbegleiter der Kategorie "äußerst bewegend" zuzuordnen geneigt ist...

Also sprach Ivan Ljubicic unter anderem:

"Es war ein sehr schwieriger Tag für mich heute - ich habe nicht erwartet, derart von den Emotionen übermannt zu werden. Ich war mit meinen Gedanken überall, nur nicht mehr wirklich auf dem Court. Ich glaube, unter diesem Aspekt ist es auch nicht sinnvoll, das Match zu analysieren. Natürlich hätte ich mich mit einer stärkeren Leistung verabschieden wollen, was auf Hardcourt wegen meines Aufschlags vielleicht besser gelungen wäre. Auf Sand habe ich einfach nicht mehr die Kondition, um einen Gegner wie Ivan Dodig gefährden zu können. Es ist heute das Ende von etwas sehr, sehr Schönem für mich: Eine fantastische Reise, die fast 20 Jahre gedauert hat!"

Was wird die Zukunft bringen?

"Die Zeit ist gekommen, etwas anderes zu machen, einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Ich habe einige Ideen und viele Anfragen für interessante Projekte bekommen. Zunächst möchte ich mich nicht festlegen. Sicher ist nur, ich werde nicht allzu lang nichts tun, denn das liegt mir nämlich gar nicht. Ich bin nicht der Typ, der ab nun nur noch fernsieht und sich irgendwie die Zeit vertreibt."

Warum nun gerade hier der absolut letzte Auftritt?

"Weil in diesem schönen, traditionsreichen Club, dieser fantastischen Anlage, eigentlich der Startschuss zu meiner Profikarriere gefallen ist. 1999 habe ich mich qualifiziert und mit Siegen über Medvedev und Kafelnikov erstmals richtig aufzeigen können. Auf eine spezielle Art und Weise schließt sich also hier für mich persönlich der Kreis, an jenem Ort, wo ich auch künftig leben werde."

Wie hat sich Tennis, seit du begonnen hast, verändert?

"Es ist ganz anders geworden. In erster Linie was die Physis betrifft. Die Spieler bewegen sich jetzt wesentlich besser, sind viel schneller, fitter und ausdauernder als früher und kaum einer hat irgendeine Schwäche. Ich erinnere mich, am Anfang in den späten 90igern, hatte fast jeder, inklusive der Allerbesten, gewisse Defizite, die man ausnützen konnte.

Heute sind viele nahezu in allen Bereichen top - ich werde immer wieder gefragt: ‚Wo muss man ansetzen, um Djokovic oder Nadal zu schlagen?' - und ich muss ehrlich sagen: Ich weiß es nicht! Es gibt keine Antwort auf diese Frage. Und das gibt vielleicht einen Einblick, wie komplett und hochprofessionell die Top-Stars derzeit sind. Jeder ist in Top-Zustand körperlich, fast jeder ist technisch perfekt. Es läuft letztlich alles auf kleine mentale Unterschiede hinaus. Wer psychisch stärker ist, wird letztlich gewinnen."

Es gibt einige herausragende Erfolge in deiner Karriere, steht der Davis-Cup-Sieg mit Kroatien ganz oben?

"Ich würde sagen, es gibt vier ganz besondere Erfolge von mir. Zunächst einmal die Olympische Bronzemedaille mit Mario Ancic im Doppel 2004. Dann natürlich der Davis-Cup-Sieg ein Jahr später. Mein bestes Ranking als Nummer drei der Welt, und dann der große Triumph in Indian Wells 2010. Darauf bin ich am meisten stolz. Aber auch meinen Sport und dessen Akteure würdig vertreten und gut repräsentiert zu haben, macht mich stolz. Der Applaus und der Dank der Spieler heute zum Abschied in der Umkleidekabine, ist ein Moment, den ich nie vergessen werde."

Was war dein wertvollster, dein bedeutendster Sieg?

"Schwer zu sagen, ich habe ungefähr 725 Matches bestritten... Aber es gibt doch einige, ja. Wichtiger ist mir aber die Tatsache, mein absolut bestmögliches Tennis auch tatsächlich konstant gespielt zu haben. Ich habe zum Beispiel gegen Rafael Nadal in Madrid 6:7 im fünften Satz verloren, aber ich hatte das Gefühl, dass mein Tennis da richtig on top war. Das war auch Anfang 2006 so, als ich bei den Australian Open ganz fantastisch in Form war oder dann nochmals 2010 in Indian Wells mit dem Sieg über ‚Rafa'."

Was wird dir am meisten und was am wenigsten fehlen?

"Am meisten, davon bin ich überzeugt, das unvergleichliche Gefühl des Siegens. Es gibt nichts mehr im Leben, was mit dem Gewinn eines Tennismatches vergleichbar ist. Das haben mir viele Freunde, vor allem aber mein bester Kumpel Thomas Johansson, bestätigt. Ich bin sicher, dass ich so etwas in der Form leider nicht mehr erleben werde, also wird es mir bestimmt sehr fehlen. Weniger fehlen wird mir das Leben aus dem Koffer. Ich freue mich schon darauf, kaum noch reisen zu müssen und mehr Zeit mit meiner Familie verbringen zu können. Das ist all die Jahre viel zu kurz gekommen.

Was würdest du deinen Kindern sagen, ist die wichtigste Lektion, die dich Tennis gelehrt hat?

"Wir haben viele Spiele gespielt. Ich spiele oft mit meinem Sohn. Er hat dies und das ein-, zweimal probiert und dann gesagt: ‚Nein, das geht nicht, das kann ich nicht...' Das habe ich nicht gelten lassen, denn im Tennis wie im Leben heißt es: Probieren, probieren und wieder probieren, bis du Erfolg hast! Ich meine, schau dir meine Ergebnisse an, ich habe mehr als 300 Niederlagen - na und? Jeder hat verloren, viel öfter als man glaubt, nur um am Ende zu gewinnen... Wenn du es immer wieder versuchst, wenn du den Wettkampf annimmst, wirst du natürlich auch verlieren, aber am Ende stärkt dich das für die wirklich wichtigen Siege!

Noch ein Wort zum Coaching und zum Coach...

Riccardo Piatti und ich haben ein Tennisleben lang miteinander verbracht. Ich glaube, das Wichtigste ist, jemanden zu haben, der mich ganz genau kennt. Es gab auch Momente, wo ich eine zweite Meinung hören wollte, das geht wohl jedem Spieler so. Aber anstatt den Coach zu wechseln, habe ich öfter Rat von außen geholt, das Team ein wenig erweitert. Wir haben mit Niki Pilic oder auch Wojtek Fibak gearbeitet, wenn ich der Ansicht war, neuer Input wäre wichtig. Für mich stand es nie zur Diskussion, den Coach zu wechseln, im Gegenteil, ich war manchmal erstaunt, dass er mich offensichtlich besser kennt, als ich mich selber. Generell hat sich auch das Coaching als solches gewandelt. Ging es einst darum, hauptsächlich an Vorhand, Rückhand, Return, Volley, etc. zu arbeiten, ist es nun eindeutig so, dass dich der Coach psychologisch und mental sowie taktisch beraten muss, es ist viel mehr mental und viel weniger schlagtechnisch zu tun als noch vor zehn oder 15 Jahren."

Du hast das positive Feedback der anderen Profis und den respektvollen Abschied erwähnt. Was hat dich davon am meisten berührt?

"In den letzten Monaten habe ich unzählige herzliche Nachrichten bekommen, ja sogar Abschiedsgeschenke, damit hätte ich so nicht gerechnet. Ich höre, dass es auch damit zu tun hatte, wie ich mich auch als Wettkämpfer da draußen verhalten habe. Gehen wir raus und schauen wir, wer heute der bessere Tennisspieler ist - anstatt jemanden zu provozieren oder irgendwie aus seiner Balance zu bringen. Ich meine, da sitzen wir alle im selben Boot, du möchtest ja auch respektvoll behandelt werden, egal wie heiß um den Sieg gekämpft wird."

Glaubst du, dein volles Potential erreicht zu haben oder wäre da noch mehr drinnen gewesen?

"Absolut ja und absolut nein! Ich glaube, sogar viel mehr erreicht zu haben, als ich es mir je erträumt hatte oder als man es von mir erwarten konnte. Ich bin 100-prozentig zufrieden und glücklich damit und ich bedauere absolut gar nichts!"

Ich finde es wirklich schade, dass mit Ivan Ljubicic eine ganz besondere Persönlichkeit die internationale Tennisbühne verlässt und schließe in der ehrlichen Hoffnung, dass ihn die Faszination dieses einmaligen Sports eines Tages wieder auf die Tour zurückziehen möge.

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