Caroline Werner: „Karriere immer noch auf Kante genäht“
Eine wahre Cinderella-Story lieferte die Karlsruherin Caroline Werner in der Qualifikation des Wimbledon-Turniers ab. Bei ihrer ersten Teilnahme bei einem Grand-Slam-Turnier feierte die 30-Jährige, die aus gesundheitlichen Gründen mehr als vier Jahre auf der Tour pausieren musste, in ihrer allerersten Begegnung auf Rasen auch ihren ersten Match-Erfolg. Im Anschluss stand sie im exklusiven tennisnet-Interview Rede und Antwort.
von Dietmar Kaspar
zuletzt bearbeitet:
24.06.2026, 17:02 Uhr

Von Dietmar Kaspar aus Roehampton
So ganz ohne Drama konnte es bei Caroline Werner auch bei ihrem heißersehnten Grand-Slam-Debüt nicht ablaufen. Nachdem die Karlsruherin ihre französische Gegnerin Alice Rame eineinhalb Sätze komplett dominierte, musste sie sich mit dem Gang in den dritten Satz einer weiteren harten Prüfung in ihrem Leben unterziehen, ehe sie dort wieder das Zepter in die Hand nahm und den Entscheidungs-Durchgang souverän zu ihren Gunsten entscheiden konnte. Im exklusiven tennisnet-Interview spricht die 30-Jährige unter anderem über ihre vierjährige Zwangs-Pause und ihren finanziellen Balance-Akt.
tennisnet: Caroline, herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Grand-Slam-Debüt. Wie ist deine Gefühlslage aktuell?
Caroline Werner: Im Moment bin ich einfach so unfassbar glücklich, denn vor der Partie war ich schon unheimlich nervös. Natürlich war es schon etwas ganz besonderes, hier das erste Mal mitspielen zu dürfen. Zum Glück bin ich im Match immer drangeblieben und habe mich auch von dem zwischenzeitlichen Rückschlag nicht unterkriegen lassen.
Wie bist du es mental angegangen, als das Match nach deiner lange dominanten Phase beinahe noch gekippt wäre?
Es ist so schwierig, denn es ist einfach so ein wichtiges Turnier und da sind einfach alle Spielerinnen angespannt. Man muss halt einfach immer damit rechnen, dass jedes Match ein rauf und runter sein kann. Gerade bei meiner ersten Major-Teilnahme habe ich mir natürlich vorgenommen, bis zum Schluss absolut alles zu geben. Wenn es dann zu ihren Gunsten ausgegangen wäre, hätte ich mir zumindest diesbezüglich nichts vorwerfen können.
„Größere Lebenserfahrung hat mir geholfen“
Mit deinen 30 Jahren hattest du als Debütantin bei einem Grand-Slam-Turnier schon deutlich mehr Lebenserfahrung als deine meist viel jüngeren Kolleginnen hier. Denkst du, dass dir das auch etwas geholfen hat?
Aufgrund der vielen schlimmen Erfahrungen, die ich in meinem Leben bereits durchgemacht habe, setzt man verschiedene Dinge einfach ganz anders in Relation. Bei einem Tennis-Match geht es nicht um Leben und Tod, deshalb versuche ich nur es zu genießen und bin einfach so unfassbar dankbar, dass ich hier mitspielen durfte.
Es war auch dein erstes Match auf Rasen. Haben dir da deine Erfahrungen auf dem Teppich-Belag geholfen?
Auch wenn der Teppich ebenfalls sehr zügig ist, ist es doch ganz anders zu spielen. Teppich spielt man ja immer in der Halle, während man hier auf Rasen im Freien ganz anderen äußeren Bedingungen ausgesetzt ist. Hier was es heute sehr heiß und windig, und der Rasen ist auch nicht so gleichmäßig wie der Teppichbelag, manchmal stoppen die Bälle etwas mehr, mal rutschen sie eher durch.
„Musste mir meine Klamotten für Wimbledon im Geschäft kaufen“
Bekleidungsmäßig warst du mit vielen verschiedenen Marken ausgestattet. Das lässt darauf schließen, dass du keinen Ausrüster-Vertrag diesbezüglich hast?
Ich habe schon bei mehreren Ausrüstern mal angefragt, aber da kommt man meist erst als Spielerin der Top 100 in Frage. Deshalb bin ich vor dem Turnier noch shoppen gegangen, um mich komplett weiß auszustatten, was dann zu einer gewissen Markenvielfalt geführt hat. Über Anfragen von Ausrüstern oder Sponsoren würde ich mich natürlich sehr freuen und wäre mir auch eine große Hilfe.
In deinem Ranking-Bereich ist es bekanntlich alles andere als einfach, da finanziell über die Runden zu kommen. Wie konntest du das gerade auch im Hinblick auf dein Comeback stemmen?
Eine große Hilfe sind mir natürlich die Mannschaftsspiele. Ich habe diese Saison fünfmal in der Bundesliga gespielt. Mit den ganzen Kosten für die Turnierreisen ist meine Karriere bislang immer auf Kante genäht. Zu Beginn der Saison stand ich schon um die 240 im Ranking und habe zu meinem Coach gesagt, dass ich gar nicht weiß, ob ich mir das weitere Spielen überhaupt leisten kann. Ich habe keine reichen Eltern im Hintergrund und auch keine Sponsoren. Dadurch ist der Druck natürlich unfassbar hoch, gute Resultate einzufahren, um sich durch das Preisgeld einigermaßen über Wasser halten zu können.
„Musste bereits meine Freundinnen anpumpen“
Du hast ja bei deinem Comeback im Ranking bei Null angefangen. Hattest du da irgendwelche Rücklagen, um das Abenteuer wieder starten zu können?
In den vier Jahren, in denen ich nicht auf der Tour gespielt habe, habe ich in der Schweiz gelebt und neben dem Studium auch gearbeitet. Zudem habe ich zusätzlich noch Trainerstunden gegeben, wodurch ich mir ein bisschen was angespart hatte. Das war aber nach fünf Monaten auf der Tour komplett aufgebraucht. Zum Glück habe ich nach meinem Neustart gleich ziemlich erfolgreich gespielt und konnte mich mit einigen Preisgeldturnieren einigermaßen sanieren. Zum Ende der letzten Saison wurde es wieder ziemlich knapp und ich musste sogar einige Freundinnen anpumpen. Es ist halt diesbezüglich weiterhin ein großer Kampf.
Du hattest ja schon mehrfach deine vierjährige Pause auf der Tour angesprochen. Kannst du mal kurz zusammenfassen, wie es dazu kam?
Im Jahr 2020 stand ich so um die 360 in der Rangliste und musste dann während der Corona-Zeit aufhören, da ich beim Sport große Atemprobleme hatte und da auch nicht festgestellt werden konnte, wo die genau herkamen. Zudem ist meine Mutter in der Zeit schwer an Krebs erkrankt, wodurch es für mich erstmal keinen Sinn machte, weiter zu reisen. Da die Beschwerden auch nicht besser wurden, war ich dann insgesamt vier Jahre raus. An der Ausübung von professionellem Sport war in dieser Zeit in keinster Weise zu denken und habe dann auch fast gar keinen Sport betrieben, nur etwas Training für Kinder gegeben.
„Nach knapp vier Jahren ging es auf einmal wieder“
Wie kam es dann zu deinem Entschluss, es wieder zu versuchen?
Ende 2023 bin ich dann mal wieder joggen gegangen und hatte bemerkt, dass sich in Punkto Atmung etwas zum Positiven verändert hatte. Ich habe dann in Sachen Physio und Ernährung noch einiges angepasst und von außen wurde mir sehr viel Mut gemacht, es einfach noch einmal zu probieren. Das erste Jahr lief dann unglaublich gut, von Null auf ca. 350, was sogar besser als mein bisheriges Karrierehoch war. Das hat mir dann gezeigt, wenn ich gesund bin und dazu passend die richtige Arbeit investiere, kommt auch der Spaß beim Sport wieder zurück und dann ist auch vieles möglich.
Nachdem es für das Turnier in Paris knapp noch nicht gereicht hatte, war auch das Erreichen der Qualifikation in Wimbledon noch eine ganz schöne Gratwanderung. In der letztmöglichen Woche hast du dann beim ITF-75-Turnier in Kosice mit dem Erreichen des Endspiels noch den Deckel draufgemacht. Wie war diese Woche in Punkto Druck für dich?
Ich wollte eigentlich das WTA-250er-Turnier in Marokko spielen, habe dafür aber keinen guten Flug gefunden, weshalb es etwas Schicksal war, dass ich das 75er in Kosice gespielt hatte. Die ersten Runden hatte ich noch gar keinen so großen Druck verspürt und wollte einfach schauen, wie ich da reinkomme, denn das große Ziel war ja doch noch ein gutes Stück entfernt. Vor dem Halbfinale war mir dann natürlich klar, dass es ein sogenanntes Matchballspiel bzgl. Wimbledon ist und war da im Vorfeld schon sehr aufgeregt. Aber zum Glück habe ich mich auf dem Platz so wohl gefühlt und einfach Punkt für Punkt gespielt, und mich dann so unfassbar gefreut, als dann der Sieg mit der großen Chance auf London feststand.
Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg!
Hier das Einzel-Tableau der Damen-Qualifikation in Wimbledon
