Ein unberechenbares Drama

Am Sonntag beginnen die WTA-Finals in Singapur (ab 11 Uhr LIVE auf DAZN und im LIVETICKER). Wer hat die besten Chancen, die Nachfolge der nicht qualifizierten Titelträgerin Dominika Cibulkova anzutreten? Wer ist eher Außenseiter? Und wem gehört die Zukunft? SPOX und Tennisnet haben sich an ein Power Ranking gewagt und dabei Unterstützung von DAZN-Experte Dieter Kindlmann bekommen.

von Felix Götz
zuletzt bearbeitet: 20.10.2017, 14:17 Uhr

Garbine Muguruza hat 2017 Wimbledon gewonnen

"Wenn man bei dieser WM Geld setzt, kann man eigentlich nur verlieren", platzt es aus Kindlmann heraus. Aufgrund der Leistungsdichte der teilnehmenden Spielerinnen ist die Aufgabe, die Favoritinnen in ein Ranking zu pressen, äußerst kompliziert.

Der 35-Jährige aus Sonthofen muss es wissen. Schließlich gibt es nicht viele Menschen, die sich im Damen-Tennis so gut auskennen wie der Ex-Profi, frühere Hitting-Partner von Maria Sharapova und derzeitige Trainer von Madison Keys. Trotzdem sind wir das Wagnis eingegangen.

Platz 8: Jelena Ostapenko (Lettland, 20 Jahre, Weltranglistenplatz 7)

Bei den French Open hat Ostapenko ein wahres Märchen geschrieben. Der Youngster aus Lettland bezwang im Finale Simona Halep und gewann aus dem Nichts als ungesetzte Spielerin ihren ersten Grand-Slam-Titel.

Ende September triumphierte die Frau aus Riga zwar noch beim Turnier in Seoul, insgesamt scheint sie ihrer Form aus Paris allerdings seit Monaten ein gutes Stück hinterherzuhinken. Wunderdinge sind derzeit von ihr deshalb nicht zu erwarten.

Dieter Kindlmann: Ostapenko ist eine Spielerin, der die Zukunft gehört. Sie kam so ein bisschen unter dem Radar nach oben und hat bei den French Open total überraschend gewonnen. Ich gehe davon aus, dass sie kein One-Hit-Wonder ist. Ansonsten hat sie allerdings eine sehr durchwachsene Saison gespielt. Sie ist erstmals bei einer WM dabei und ich bin gespannt, wie sie das mental verkraftet.

Platz 7: Elina Svitolina (Ukraine, 23 Jahre, Weltranglistenplatz 4)

Svitolina schnappte sich in diesem Jahr bei den Turnieren in Taipeh, Dubai, Istanbul, Rom und Toronto die Titel. Bei den Mega-Events, also den Grand-Slam-Turnieren, spielte die Rechtshänderin allerdings keine besondere Rolle. Ihr bestes Ergebnis war das Viertelfinale bei den French Open.

Die Ukrainerin bekommt auf allerhöchstem Niveau häufig ihre Grenzen aufgezeigt. Zuletzt unterlag Svitolina im Viertelfinale von Peking Caroline Garcia. In Hongkong konnte sie zu ihrem Match in der zweiten Runde aufgrund einer Verletzung am rechten Fuß nicht antreten.

Dieter Kindlmann: Von den Spielerinnen, die in Singapur dabei sind, hat sie in diesem Jahr die meisten Turniere gewonnen. Svitolina ist unglaublich konstant, kommt extrem über ihren Kampfgeist. Ihr fehlen allerdings ganz klar die Waffen. Bei den ganz großen Turnieren hat sie auch in diesem Jahr wenig gerissen. Immerhin dürfte ihr Singapur entgegenkommen, weil der Belag langsam ist.

Platz 6: Caroline Wozniacki (Dänemark, 27 Jahre, Weltranglistenplatz 6)

Wozniacki ist heuer wieder gewohnt konstant, sieben Mal stand sie in dieser Saison in einem Endspiel. Allerdings gelang es der Dänin erst im September in Tokio im letzten dieser sieben Finals, auch endlich einmal wieder ein Turnier zu gewinnen.

Bei den Grand Slams gelang ein großer Wurf mal wieder nicht. Dritte Runde in Melbourne, Viertelfinale in Paris und London, zweite Runde in New York - mehr war nicht drin. Wozniacki gehört in Singapur nicht zuletzt wegen ihrer jüngsten Probleme mit dem Ellbogen eher zu den Außenseiterinnen.

Dieter Kindlmann: Sie ist bei der WM ein alter Hase und bringt entsprechend viel Erfahrung mit. Leider hat sie in ihrer Karriere bislang kein Grand-Slam-Turnier gewonnen, was sie belastet. Sie ist vom Typ her ähnlich wie Svitolina oder Halep. Sie kommt über den Kampfgeist, macht kaum Fehler. Ihre Klasse wird meiner Meinung nach aber nicht ausreichen, um bei der Weltmeisterschaft um den Sieg mitzuspielen.

Platz 5: Caroline Garcia (Frankreich, 24 Jahre, Weltranglistenplatz 9)

Innerhalb von zwei Wochen setzte sich Garcia in Wuhan und Peking die Krone auf und qualifizierte sich somit als letzte Spielerin für die WM. Dabei setzte sie sich unter anderem gegen Halep und Svitolina durch. Ganz klar: Die Französin ist derzeit regelrecht on fire.

Wenn es Garcia gelingen sollte, ihre Lockerheit auch bei den WTA-Finals beizubehalten, könnte sie sogar für eine richtig dicke Überraschung sorgen.

Dieter Kindlmann: Sie ist derzeit so etwas wie mein Lieblingskind. Ich habe zuletzt ihre Matches in Peking im Halbfinale und im Finale auf DAZN kommentiert und war sehr angetan. Sie bringt körperlich und technisch alles mit, was man im Tennis braucht. Garcia hat sich durch ihre starken Leistungen völlig verdient für Singapur qualifiziert. Bislang hat niemand große Dinge von ihr erwartet, das ist bei einer WM natürlich anders. Man muss sehen, wie sie mit diesem Druck umgeht.

Platz 4: Venus Williams (USA, 37 Jahre, Weltranglistenplatz 5)

Finale bei den Australian Open, Finale in Wimbledon, dazu das Halbfinale bei den US Open: Venus erlebt 2017 ihren x-ten Frühling. Dabei ist das Jahr privat eine heftige Angelegenheit für die US-Amerikanerin, die an einem Autounfall beteiligt war, in dessen Folge ein Mann ums Leben kam.

Williams ist zum fünften Mal bei den WTA-Finals am Start. Bei ihrem letzten Auftritt vor den Finals unterlag sie allerdings bereits in der zweiten Runde gegen die Japanerin Naomi Osaka.

Dieter Kindlmann: Ich habe höchsten Respekt davor, dass sie mit ihren 37 Jahren zu den besten acht Spielerinnen der Welt gehört. Venus ist für mich eine Legende, ein absoluter Champion. Ein schnellerer Belag würde ihr natürlich deutlich mehr entgegenkommen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie es schaffen kann, dieses Turnier kräftemäßig auf höchstem Niveau durchzuziehen. Grundsätzlich muss man Venus aber fast alles zutrauen.

Platz 3: Karolina Pliskova (Tschechien, 25 Jahre, Weltranglistenplatz 3)

Pliskova wurde für ihr großartiges erstes Halbjahr inklusive dreier Turniersiege mit Rang eins in der Weltrangliste im Juli belohnt. Die Tschechin wartet zwar nach wie vor auf ihren ersten Grand-Slam-Titel, stand 2016 aber immerhin im Finale der US Open und in diesem Jahr im Halbfinale der French Open.

Die jüngsten Turniere in Asien liefen für Pliskova mit zwei Viertel- und einer Achtelfinal-Teilnahme zwar eher mäßig. Dennoch ist ihr der Einzug ins Halbfinale von Singapur auf jeden Fall zuzutrauen.

Dieter Kindlmann: Pliskova ist immer noch eine der unterschätztesten Spielerinnen auf der Tour. Ihre Körpersprache lässt aber zu wünschen übrig. Wenn man sieht, wie sie teilweise emotionslos über den Platz läuft, ist das für den Zuschauer nicht gerade mitreißend. Sie lebt von ihrem Aufschlag, war zuletzt aber nicht mehr sehr erfolgreich. Die Trennung von ihrem Trainer David Kotyza im September war für einen Außenstehenden schwer nachvollziehbar. Da muss irgendetwas vorgefallen sein. Ich glaube nicht, dass sie aktuell das Zeug hat, den Titel zu holen. Trotzdem würde ich nicht den Fehler machen, sie ganz von der Rechnung zu nehmen.

Platz 2: Simona Halep (Rumänien, 26 Jahre, Weltranglistenplatz 1)

Halep spielt eine ganz starke Saison und gehört definitiv zu den heißen Favoritinnen auf den Sieg bei den WTA-Finals.

Die Rumänin - ebenfalls noch ohne Grand-Slam-Titel in ihrer Vita - gewann in diesem Jahr das Masters in Madrid und stand bei vier weiteren Turnieren, darunter die French Open, im Finale. Seit dem 9. Oktober grüßt die 26-Jährige vom ersten Platz der Weltrangliste.

Dieter Kindlmann: Halep hat eine sehr konstante Saison gespielt und wurde dafür mit Rang eins in der Weltrangliste belohnt. Sie ist eine wirklich hervorragende Spielerin, leider hat sie aber fast jedes große Finale verloren. Sie muss im mentalen Bereich noch zulegen. Meine Tendenz geht dahin, dass sie nicht Weltmeisterin wird.

Platz 1: Garbine Muguruza (Spanien, 24 Jahre, Weltranglistenplatz 2)

Kaum eine Spielerin hat so viele unterschiedliche Dinge wie Muguruza drauf. Die amtierende Wimbledonsiegerin war in diesem Jahr schon die Nummer eins der Weltrangliste - bis Halep an ihr vorbeizog.

Muguruza, die auch das Masters in Cincinnati gewann, war als erste Spielerin überhaupt für die WTA-Finals qualifiziert. Die Tatsache, dass die Spanierin bei ihrem letzten Auftritt in Peking in der ersten Runde aufgab, weil es ihr nicht gut ging, dürfte in Singapur keine Rolle mehr spielen.

Dieter Kindlmann: Sie ist eine meiner absoluten Lieblingsspielerinnen und meine Favoritin auf den Titel in Singapur. Ich hoffe einfach, dass ihre unglaubliche Qualität zum Tragen kommt und nicht, dass eine pure Kämpferin triumphiert. Muguruza hat sich in diesem Jahr noch einmal weiterentwickelt. Trotzdem hat sie ein Problem mit der Konstanz. Sie hatte mehrere klare Niederlagen dabei, bei denen mir nicht klar ist, warum ihr so etwas passiert.

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