"Das ist nicht das Wimbledon, das ich kenne"

Der Einsatz des "Regenschirms" in Wimbledon sorgt für heftige Debatten.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 01.07.2012, 12:35 Uhr

Von Jörg Allmeroth aus Wimbledon

Es war ein fast schon normaler Tag in der absonderlichen Welt des Wimbledon-Jahrgangs 2012, dieser erste Turnier-Samstag: Erst wurde der Gigant aus Böhmen, der Nadal-Bezwinger Lukas Rosol, vom schmächtigen DeutschenPhilipp Kohlschreiberauf die Heimreise geschickt, dann schaffte die KasachinYaroslava Shvedovadas einmalige Grand-Slam-Kunststück, gegen French-Open-FinalistinSara Errani(Italien)einen goldenen Satz vom Schläger zu zaubern,24 Punkte in Serie, und dann legten die Aufschlag-KanoniereMarin Cilic(Kroatien) undSam Querrey(USA) auch nochdas zweitlängste Match der Turniergeschichtehin – bis zum 17:15 Cilics nach fünf Stunden und 31 Minuten.

Aber der verrückteste und denkwürdigste Moment auch dieses Tages spielte sich, symptomatisch für einen veränderten Grand-Slam-Kosmos in Wimbledon, erst am späten Abend ab: Denn erstmals in der Tennisgeschichte erlebten 13.000 Fans auf dem Centre Court und Millionen vor den TV-Schirmen ein Match, das gegen die tickende Uhr zum Wettlauf mit der Zeit wurde. Als der heimische HeldAndy Murraydann um 23.02 Uhr Ortszeit – drei Minuten über dem erlaubten Zeitlimit von 23 Uhr, aber offenbar gerade noch in der Toleranzzone der Behörden – seinen Vier-Satz-Triumph über den ZypriotenMarcos Baghdatissicherstellte, war allerdings auch der Höhepunkt einer Grand-Slam-Krise erreicht. Sozusagen der Dach-Schaden von Wimbledon.

Geschlossenes Dach bei Sonnenschein

Denn längst hat der hart am Regelwerk ausgeübte Einsatz des Centre-Court-Daches und der Flutlichtstrahler auf dem Hauptplatz des All England Club nicht nur zur schleichenden Einführung von regelmäßigen Spätvorstellungen im Tennistheater geführt, sondern auch zu einer beklagenswerten Wettbewerbsverzerrung. Zu besichtigen ist nun eine Zwei-Klassen-Gesellschaft am berühmtesten aller Grand-Slam-Schauplätze, ein Turnier, das im Herzen Wimbledons, auf dem Centre Court, anders ausgespielt wird als auf allen anderen Plätzen. Wo das 130 Millionen Euro teure Dach einst nur als Regenschirm gedacht war, zum Schutz vor den Unbilden der gefürchteten englischen Sommerwitterung, wird es nun missbraucht, um das geplante Spielprogramm durchzuziehen und den Fernsehpartnern Sendematerial zu liefern. „Unfair“ nannte die ehrwürdige „Times“ die Entscheidungen von Oberschiedsrichter Andrew Jarrett, der in den letzten Tagen mehrfach die Überdachung angeordnet hatte, als nur ganz vage Regen drohte oder als die hereinbrechende Dunkelheit den Spielbetrieb gefährdete.

Die Fortführung begonnener Partien unter Flutlicht,etwa auch die von Nadal gegen Rosol,entspricht zwar den Regularien, die sich der All England Club nach der Installation des Daches im Jahr 2009 gegeben hat. Aber die harsche Kritik an dieser fragwürdigen Praxis ließ nicht lange auf sich warten, selbst Topstars wieRoger Federermonierten „die unterschiedlichen Wettbewerbsbedingungen“ und mahnten einen behutsameren Einsatz des „Regenschirms“ an: „Es ist schon etwas seltsam“, so der Maestro, „wenn draußen die Sonne scheint – und das Dach überm Centre Court geschlossen ist.“ Seltsam und frustrierend dazu musste das aber vor allem für jene Profis aus dem zweiten oder dritten Glied anmuten, deren Matches reihenweise abgebrochen und vertagt wurden – während auf der größten Bühne abends weiter reger Spielbetrieb herrschte. „Ich habe drei Tage hintereinander gespielt, andere genießen weiter schön ihre Pausentage“, krittelte der Amerikaner Sam Querrey, „das ist nicht das Wimbledon, das ich kenne.“

Parkplatz schließt schon um 22 Uhr

Und nicht mal mehr das Wimbledon, das der frühere Geschäftsführer des All England Club, der bullige Ian Ritchie, hoch und heilig bei der Implementierung der Glasfiber-Konstruktion überm Centre Court versprochen hatte. Doch von einem „reinen Outdoor-Turnier“, also Tennis unter freiem Himmel, konnte in dieser ersten Turnierwoche wahrlich keine Rede sein. Nadals Sturz, Federers Fast-Pleite, Murrays Taumeln gegen Baghdatis – alles spielte sich unter komplett anderen Bedingungen in einer Halle ab, und isoliert von der Außenwelt des restlichen Wimbledon-Betriebs.

Murrays Sieg an der Sperrfrist von 23 Uhr war noch dazu ein anderes, bizarres Exempel, vom Boulevardblatt „The Sun“ anderntags süffisant als „Mondspaziergang“ bezeichnet. Bizarr deshalb, weil der All England Club auf seine plötzlichen Late-Night-Shows nicht im Geringsten vorbereitet ist. Während die Fans im Centre-Court-UFO das Spektakel bis kurz vor Ultimo zwar in berauschter Party-Atmosphäre genießen können, hocken Tausende Anhänger draußen auf dem sogenannten „Henman Hill“ in gespenstischer Dunkelheit vor einem Riesenbildschirm – kein Wunder, dass Polizei und Sicherheitsdienste hinter den Kulissen schon Alarm schlugen. Und kurios, aber wahr: Einige der großen Parkplätze draußen vor dem All England Club schließen seit Jahr und Tag offiziell um 22 Uhr, wer Murrays spätabendliches Gastspiel also am Samstag bis zum bitteren Ende verfolgte, stand vor geschlossener Tür.(Foto: GEPA pictures)

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Sonntag
01.07.2012, 12:35 Uhr