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Darum gewinnt Dominic Thiem in diesem Jahr (nicht) die French Open

Für Dominic Thiem beginnt mit dem ATP-500-Turnier in Rio de Janeiro die geliebte Sandplatzsaison. Für uns Grund genug, bereits jetzt einen Blick auf die Aussichten des Österreichers bei den French Open zu werfen. 

von Michael Rothschädl und Nikolaus Fink
zuletzt bearbeitet: 16.02.2020, 02:07 Uhr

Dominic Thiem in Roland Garros
© Getty Images
Kann Dominic Thiem in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel holen?

Darum klappt es in Paris mit dem ersten Major-Titel

Der Österreicher weiß, wie es sich anfühlt. Er weiß seit den Australian Open, wie es sich anfühlt, Rafael Nadal auf Major-Ebene zu bezwingen. Ein Erfolg, den auch der 26-Jährige selbst als enorm wichtigen Schritt ansieht. Dominic Thiem weiß ebenso, wie es sich anfühlt, den Mallorquiner auf dessen Lieblingsbelag zu besiegen. In den letzten sieben Duellen auf der „roten Asche“ war es immerhin drei Mal der Lichtenwörther, der den Platz als Sieger verlassen durfte. Natürlich sind in diesen sieben Duellen auch die beiden letzten Finali in Roland Garros inbegriffen, in denen Dominic Thiem dem Spanier nie wirklich gefährlich werden konnte.

Der Österreicher hat sich weiterentwickelt. Dominic Thiem ist in den letzten Monaten spielerisch gewachsen. Das zeigen nicht zuletzt die großartigen Leistungen auf Hartplatz, wo dem Österreicher bisweilen noch nicht so richtig der Knopf aufgehen wollte. Dominic Thiem retourniert besser, macht weniger Fehler ohne Not beim Aufschlag des Gegners und ist dementsprechend immer dafür gut, seinen Kontrahenten das Service abzunehmen. Das wird bei der Rückschlagstärke des Spaniers auch von Nöten sein – Nadal machte 2019 unfassbare 44 Prozent der Punkte bei den Aufschlägen seiner Gegner.

Der Österreicher hat aber nicht nur sein Returnspiel verbessert, sondern mit dem vermehrten Einsatz des Rückhandslice seinem Spiel auch eine Facette hinzugefügt, die man bisher noch vermisste: Sicherheit. Natürlich, es ist nicht der Slice eines Roger Federer oder eines Rafael Nadal. Es ist kein Slice, auf den seine Gegner keinen Druck machen können. Aber es ist ein Slice, mit dem Thiem nur in den seltensten Fällen einen Fehler macht, ein Slice, der den Österreicher im Spiel hält, ein Slice, der den Gegner zwingt, selbst zu riskieren. Und wenn die Australian Open eines gezeigt haben, dann, dass Dominic Thiem die langen Rallyes gegen jeden Gegner gewinnen kann - egal, ob er Novak Djokovic oder Rafael Nadal heißt.

Der Österreicher wird mehr und mehr zum Mann für die brenzligen Situationen. Bei den Australian Open konnte der Lichtenwörther nach dem Verlust des Tiebreaks gegen Taylor Fritz sage und schreibe fünf Tiebreaks en suite für sich entscheiden. Gleich drei gegen Rafael Nadal, zwei gegen Alexander Zverev. Natürlich, als der Österreicher gegen Rafael Nadal schon aufs Match servierte, zeigte sich, dass auch er gelegentlichem Nervenflattern nicht gefeit ist. Doch eine 100-Prozent-Quote in Tiebreaks gegen einen Spieler mit der Routine eines Rafael Nadal spricht eine deutliche Sprache. Für einen Sieg in Roland Garros werden nicht zuletzt die knappen Sätze eine entscheidende Rolle spielen.

Der Österreicher weiß mit der Konkurrenz umzugehen. Dominic Thiem spielte sich in den vergangenen Jahren hinter Rafael Nadal zur klaren Nummer zwei auf Sand. Zuletzt hatte der 26-Jährige mit Novak Djokovic in der Vorschlussrunde der French Open 2019 zwar seine liebe Not, den Platz als Sieger verlassen durfte aber nichtsdestotrotz Dominic Thiem. Es gibt nicht viele Spieler, die dem Österreicher auf Sand wirklich gefährlich werden können. Ein Umstand, den der Österreicher bei den French Open bestenfalls in kräftesparende Auftritte in den ersten Runden umzumünzen weiß.

Der Österreicher ist fit wie nie zuvor. Nicht nur dank der professionellen Vorbereitung mit seinem persönlichen Fitnesstrainer Duglas Cordero, sondern auch, weil Dominic Thiem bereit ist, auf seinen Körper zu hören. Statt sich eine Woche nach den kräftezehrenden Australian Open gleich wieder ins Turniergeschehen zu stürzen, sagte der 26-Jährige seinen Start beim ATP-250-Event in Buenos Aires ab, um seinem Körper die notwendige Verschnaufpause zu gönnen. Nach ein paar freien Tagen stand dann ohnehin wieder Fitnesstraining mit dem eigens eingeflogenen Duglas Cordero am Programm.

Der Österreicher kennt Andy Murrays Geschichte. Der Schotte war am gleichen Punkt, an dem auch Dominic Thiem sich aktuell befindet. Die ersten drei Major-Finali der Karriere verlor Thiem, weiterhin heißt es also Warten auf den ersten Grand-Slam-Titel. Was beim Schotten auf die zuerst verloren gegangenen Endspiele folgen sollte, dürfte dem Österreicher aber Ansporn genug sein. Andy Murrays Geschichte sollte aber nicht nur Ansporn sein, sie sollte Dominic Thiem vor allem dabei helfen, die ersten drei Niederlagen gut wegzustecken und in einem weiteren Finale nicht in eine negative Gedankenwelt abzudriften.

Der Österreicher ist bereit für seinen ersten Grand-Slam-Titel. Wo, wenn nicht auf seinem Lieblingsbelag sollte es dann endlich klappen für Dominic Thiem? Denn nicht nur spielerisch ist es dem Lichtenwörther allemal zuzutrauen, auch mental hat der Österreicher mittlerweile das Zeug zum Grand-Slam-Champion. Und was könnte in einem möglichen French-Open-Finale gegen Rafael Nadal mehr Selbstvertrauen geben, als der Gedanke im Hinterkopf, den Spanier im letzten Aufeinandertreffen auf Major-Ebene ausgeschaltet zu haben?

von Michael Rothschädl

Darum wird es auch in Roland Garros nichts mit dem ersten Grand-Slam-Triumph

Man könnte es sich natürlich einfach machen und Dominic Thiem die Chance auf den ersten Grand-Slam-Titel mit dem Namen jenes Mannes absprechen, der insgesamt bereits zwölfmal im Coupe des Mousquetaires eingraviert ist. Doch es ist nicht Rafael Nadal alleine, der dem Österreicher in Roland Garros Probleme bereiten könnte.

Anders als der Spanier ist Thiem auch auf Sand immer wieder für Niederlagen gegen krasse Außenseiter gut. So unterlag der 26-Jährige in der abgelaufenen Spielzeit auf seinem Lieblingsbelag beispielsweise Laslo Djere oder Dusan Lajovic, auch gegen Fernando Verdasco und Andrey Rublev setzte es unerwartete Niederlagen. Es ist dies schon seit jeher ein Problem des Lichtenwörthers: Anders als die Großen Drei kann Thiem an Tagen, an denen es nicht so gut läuft, kaum Lösungen finden und gegen fast jeden Gegner verlieren.

Zweifelsohne hat sich Dominic Thiem in den vergangenen Monaten und Jahren kontinuierlich verbessert. Den Beweis, einen Grand-Slam-Titel gewinnen zu können, blieb der Weltranglistenvierte bislang aber schuldig. In Australien war der Österreicher so knapp dran wie nie zuvor, schlussendlich behauptete sich Novak Djokovic aber vor allem dank der Kaltschnäuzigkeit in den entscheidenden Momenten.

Die teils fehlende Abgezocktheit Thiems zeigte sich aber nicht nur im Endspiel der Australian Open, sondern auch bereits im French-Open-Finale 2019. Während Nadal nach dem Satzausgleich des Österreichers den Court verließ, blieb Thiem auf dem Platz und sollte in weiterer Folge auskühlen. Diesen Umstand wusste der Mallorquiner sofort zu nutzen - Thiem gewann in den Sätzen drei und vier insgesamt nur mehr zwei Games.

Ein weiterer Aspekt, der Thiem in Paris zu schaffen machen könnte, ist die Favoritenrolle. Erstmals in seine gesamten Karriere wird der Lichtenwörther als einer der beiden Topfavoriten in ein Grand-Slam-Turnier starten. Mehr Medienaufmerksamkeit bedeutet zusätzlichen Druck - und diesem war Thiem zumindest bei den ersten Anläufen bei den Events in Österreich nicht immer gewachsen. Ob dies in Paris anders sein wird, wird sich weisen.

Weisen wird sich auch, wie der Niederösterreicher mit den neuen Bällen in Roland Garros zurechtkommen wird. In den vergangenen Jahren wurde bei den French Open immer mit Bällen der Marke Babolat - im Übrigen auch Thiems Schlägerhersteller - gespielt, 2020 kommen nun Filzkugeln von Wilson zum Einsatz. Anders als ihre Vorgänger sollen diese dem ersten Vernehmen nach Topspin nicht mehr so gut annehmen - dies könnte Thiem gegen Rafael Nadal zwar helfen, gegen Novak Djokovic und Co. könnte diese Änderung jedoch zu einem entscheidenden Nachteil werden.

Die Chancen auf einen Grand-Slam-Sieg standen im Vorfeld wohl noch nie so gut wie diesmal. Dennoch gibt es (zu) viele Gründe, warum Dominic Thiem auch 2020 nicht in Paris gewinnen wird. Und sollten die oben erwähnten Punkte als Argumente nicht ausreichen, gibt es immer noch einen Namen, der auch Thiem in der französischen Hauptstadt das Fürchten gelehrt hat: Rafael Nadal. Aber so einfach wollte es sich der Autor dieser Zeilen dann auch wieder nicht machen.

von Nikolaus Fink

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