Haas liefert ein Gänsehaut-Erlebnis pur
„Am Ende bin ich wie in Trance unterwegs gewesen“, schilderte der Deutsche nach dem Krimi gegen John Isner.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
02.06.2013, 10:25 Uhr

Von Jörg Allmeroth aus Paris
Es war nicht sein wichtigster Sieg. Es war auch nicht sein schönster Sieg. Aber was der unverwüstliche Tommy Haas am Samstag in den roten Sand von Roland Garros zeichnete, genau zwischen 15.52 und 20.29 Uhr, war nicht weniger als der größte Sieg unddasSpiel seines Tennis-Lebens. Ein Sieg der Moral, der Leidenschaft, der Standhaftigkeit, ein Sieg, der die späten Karrierejahre des deutschen Tennis-Alterspräsidenten symbolisch festhielt – und noch einmal mit einem kräftigen Ausrufezeichen versah. „Jeder hat heute gesehen, wie sehr ich meinen Sport noch liebe. Wie sehr ich diese Duelle da draußen genieße“, sagte Haas nach dem 7:5,-7:6-(4),-4:6,-6:7-(10),-10:8-Triumph bei den French Open gegen den US-Amerikaner John Isner, bei dem er sage und schreibe zwölf Matchbälle vergab, selbst einen Siegpunkt abwehren musste, ehe er mit seinem 13. Matchball die Achterbahnfahrt beendete, diese verrückte Grenzerfahrung, bei der er zwischen Himmel und Hölle hin- und herpendelte. Und so weiter im Turnier blieb und nun am Montag im Achtelfinale auf den Russen Mikhail Youzhny trifft.
Am sechsten Turniertag, an dem sich alle Augen auf das Centre-Court-Spiel zwischen Nummer-1-Mann Novak Djokovic und dem bulgarischen „Baby-Federer“ Grigor Dimitrov richten sollten, war schließlich nur einer das Thema der internationalen Presse und der Fernsehanstalten aus aller Herren Länder: Thomas Haas, dessen zweiter, eher unbekannter Vorname nach dem „Tennis-Wahnsinn“ (L’Equipe) schnell die passende Ergänzung erhielt – „Super-Mario“ nämlich. Wie ein Sinn- und Abbild für seine stoische Standhaftigkeit in diesem Wanderzirkus wirkte, was er da produzierte in der berühmt-berüchtigten Stierkampfarena, auf Platz 1: Ein Mann, der sich von fünf Operationen in seiner oft unglücklichen Karriere genau so wenig unterkriegen ließ wie von allen Tief- und Nackenschlägen in einem Match, das selbst abgebrühte Naturen an den Rand des Herzinfarkts brachte und ein Gänsehaut-Erlebnis pur lieferte. „Eins der aufwühlendsten Spiele der letzten zehn Jahre“ habe er da gesehen, gab Ex-Superstar John McEnroe zu Protokoll, „mit einem Tommy Haas, vor dem man nur niederknien kann.“ Frankreichs Davis Cup-Kapitän Guy Forget nannte den Deutschen schlicht ein „Phänomen“, „einen Profi wie aus dem Lehrbuch.“
Fast zu müde für die großen Emotionen
Doch lernen kann man nicht, was den späten Haas auszeichnet – diesen derzeit imponierendsten aller Ü30-Spieler im Wanderzirkus. Ruhiger, besonnener, abgeklärter ist der älteste Weltklassemann der Tour zwar geworden, aber in seinem glühenden Ehrgeiz wirkt er dynamischer, lebendiger und faszinierender als viele Konkurrenten, die ein Jahrzehnt oder noch jünger als er selbst sind. Und mehr denn je macht er bei diesem letzten von vielen schweren Comebacks das Unmögliche mit schöner Regelmäßigkeit möglich – und nicht, wie manchmal als junger Bursche, das Mögliche unmöglich. Wer hätte ihm im letzten Jahr zugetraut, den Schweizer Maestro Roger Federer im Endspiel des Rasenturniers in Halle zu schlagen, in einem Moment, da er gerade wieder die Top-100-Barriere in der Weltrangliste überwunden hatte. Wer hätte ihm zugetraut, später wieder in die Top 20 vorzustoßen, wieder der Beste unter allen Deutschen in der Branche zu werden – ihm, Tommy Haas, dem ewigen Patienten, der die Narben von fünf schweren Operationen auf der Haut trägt?
Und, natürlich, wer hätte einen solchen Haas-Sieg auf der Rechnung gehabt, einen Tennis-Marathon am Rande der totalen Erschöpfung – im zarten Alter von 35 Jahren, gegen den Aufschlagriesen John Isner, der vor zwei Jahren das epische Wimbledon-Duell mit dem Franzosen Nicolas Mahut 70:68 im fünften Satz entschied. Was musste Haas da nicht alles verkraften und verdauen, bevor er nach vier Stunden und 37 Minuten die Faust als eher stiller Genießer in den klaren Abendhimmel reckte, zu müde fast für die großen öffentlichen Gefühle und Emotionen? „Ich hatte so 10.000 verschiedene Gedanken in diesem Spiel. Du wirst verrückt, wenn du so eine Achterbahnfahrt erlebst. Aber du gibst halt nie auf“, sagte er hinterher, ein ziemlich erschöpfter, aber auch ziemlich stolzer Gewinner, „so ein Sieg, der entschädigt für vieles, was ich durchlitten habe. Und für die Mühen im Kraftraum, auf dem Trainingsplatz.“ Deshalb war es auch ein Sieg, ein Glücksmoment ohne Beispiel. Werthaltiger in seiner Qualität als die drei Halbfinal-Teilnahmen bei Grand Slam-Turnieren, früher in seiner Karriere. Glänzender als viele Pokalcoups, strahlender in seiner ganzen Außenwirkung. „Mit diesem Sieg hat Tommy sich fast noch mal ein Denkmal gesetzt. Das sind Momente, die den Blick auf einen Spieler prägen und verändern“, sagte Schwedens alter Champion Mats Wilander.
Das Drama der vergebenen Matchbälle
Nach zwei knapp gewonnen Auftaktsätzen und dem verlorenen dritten Akt steuerte das Drama Ende des vierten Durchgangs jedenfalls seinem ersten absoluten Höhepunkt und zugleich Tiefpunkt für Haas zu. Neun Matchbälle hatte Haas bei einer 6:5-Führung, doch immer wieder rasseln Asse oder Aufschläge des 206 Zentimeter langen Amis ins Feld, die der 35-jährige nicht returnieren kann. Ein anderes Tennisspiel mit deutscher Beteiligung, auf ähnlich großer Bühne, rückt in die Erinnerung, auch bei Haas,die neun vergebenen Matchbälle von Michael Stich im Davis-Cup-Halbfinale in Moskau 1995 gegen Andrei Chesnokov.Haas-Manager Edwin Weindorfer denkt im dicksten Kampfgetümmel freilich an etwas ganz anderes: „Wenn Tommy das verliert, hängt er mindestens zwei, drei Monate durch. Das kriegt er nicht so schnell aus dem Kopf.“ Der Krimi ist da noch längst nicht vorbei, dieser Tennis-Hitchcock, der in besseren deutschen Zeiten auch Millionen vor dem Fernsehschirm gefesselt hätte: Im Tiebreak hat Haas noch einmal drei Siegchancen, bei 7:6, bei 8:7 und bei 9:8. Nur einmal bei eigenem Aufschlag freilich, doch was passiert: Haas serviert einen Doppelfehler, fühlt sich da „wie der absolute Depp“. Mit 10:12 geht der Satz schließlich verloren, es steht 2:2, alles zurück auf null, auf Anfang.
Haas fällt in ein tiefes Loch, mental wie körperlich. So tief, dass keiner mehr einen Cent auf ihn setzt. Vor allem nach dem 1:4 im fünften Satz ist er gefühlt so weit weg von einem Sieg wie die Erde von einer anderen Galaxie in den Weiten des Weltalls. Und doch: Der Spezialist für verwegene Comebacks schafft die unfassbare Rückkehrmission, gleicht auf 4:4 aus, wehrt dann bei 4:5 einen Matchball Isners ab, zieht immer wieder nach, wenn Isner vorlegt. 6:5, 6:6, 7:6, 7:7, 8:7, 8:8. Der Riese hat Krämpfe, kann sich kaum noch auf den Beinen halten. Und Haas schlägt entscheidend zu, mit dem Break zum 9:8. Der Rest ist eine vergleichsweise leichte Übung, mit dem gewonnenen Spiel zum 10:8. „Am Ende bin ich wie in Trance unterwegs gewesen“, sagte Haas da, „so etwas erlebst du nicht alle Tage.“ Manchmal nie in einer ganzen Karriere.
Hier geht es zum Video der Pressekonferenz mit Tommy Haas.
Hier geht es zum Video der Pressekonferenz mit John Isner.
(Foto: GEPA pictures/ Matthias Hauer)
