Carsten Arriens’ Ende – gescheitert am Amt und im Intrigantenstadl

Schon bei der Machtumwälzung im DTB im November war klar, dass für Carsten Arriens ein rauerer Wind wehen würde. Der nun zur Trennung führte.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 03.02.2015, 17:11 Uhr

Von Jörg Allmeroth

Das neue Jahr hatte gerade begonnen, da hatte Carsten Arriens scheinbar einen guten Vorsatz gefasst. Am Rande des Berliner Trainerkongresses des Deutschen Tennis Bunds verkündete der Rheinländer Erstaunliches: Niemals habe erPhilipp Kohlschreiberaus dem deutschen Davis-Cup-Team geschmissen, undschon bald werde er sich Zeit für ein Gespräch mit der deutschen Nummer eins nehmen, „um gemeinsam unsere Sichtweisen auszutauschen“ und eine mögliche Rückkehr ins Team auszuloten. Es war nicht weniger als eine Kehrtwende des Kapitäns um 180 Grad, nach all den Krächen, Konflikten und Krisen rund um die Tennis-Nationalmannschaft, nach Kohlschreibers Verbannung aus der DTB-Auswahl. Und nach einem Versöhnungsgipfel zwischen Arriens und Kohlschreiber im vergangenen Frühling, der mit einer absurden Konfrontation der Streitparteien auf offener Bühne in Frankfurt geendet hatte.

Doch drei Wochen später, bei den Grand-Slam-Festivitäten von Melbourne, erwiesen sich die versöhnlichen Berliner Worte von Arriens als leeres Versprechen.Zu einem von DTB-Vize Hordorff vermittelten Gespräch im Spielerrestaurant der Australian Open ließ sich nur der geschasste Kohlschreiber blicken, Arriens glänzte dagegen fast demonstrativ mit Abwesenheit.Es wirkte wie die Aktion eines Mannes, der ans andere Ende der Welt womöglich schon im Wissen gefahren war, dass es seine letzte Reise in Diensten des DTB sein würde. Anders jedenfalls ließ sich die Brüskierung des Vorgesetzten Hordorff und der Unwille zum Dialog nicht mehr interpretieren – und so kam, was zwangsläufig kommen musste: Die Trennung von Arriens am Montagabend, angeblich in „beiderseitigem Einvernehmen“, aber natürlich in einem tiefen Dissens darüber, wie eine Nationalmannschaft zu führen sei. Die Situation sei „unhaltbar“ gewesen, sagt Hordorff.

Radikaler Neuanfang schon früher gefordert worden

Tatsächlich war Arriens niemals der rundum geeignete Mann für den komplexen Job als Davis-Cup-Boss gewesen. Die alte Präsidiumsriege des DTB erwies dem früheren Profi keinen Gefallen mit der Berufung ins Kapitänsamt, denn schnell stellte sich heraus, dass der fachkundige Arriens in kritischen Momenten als Chef schwächelte und auch nicht über einen halbwegs geschmeidigen Umgang mit Öffentlichkeit und veröffentlichter Meinung verfügte. Zudem war der DTB wieder einmal aus erlittenem Schaden nicht klug geworden und hatte Arriens zugestanden, neben der Davis-Cup-Tätigkeit auch noch als persönlicher Coach von Spielern und als Trainer der Aachener Bundesliga-Mannschaft zu wirken. Dabei war schon Arriens’ VorgängerKühnenwegen der gleichzeitigen Funktion als Bundestrainer und als Münchner Turnierdirektor in die Kritik geraten.

Im Intrigantenstadl des deutschen Herrentennis verlor Arriens schnell den Boden unter den Füßen. Landesfürsten des DTB und Präsidiumsmitglieder schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als der Teamchef beim Davis-Cup-Erstrundenmatch gegen Spanien 2014 Strohhalme ziehen ließ, um zu ermitteln, welcher seiner Top-Spieler am Sonntag zu einem bedeutungslos gewordenen Match auf den Centre Court schreiten sollte. Kohlschreiber verlor das Spielchen, trat doch nicht an – und wurde später, nach der gescheiterten Friedensmission in Frankfurt, aus dem Team komplimentiert. Arriens indes durfte weitermachen, obwohl es hinter den DTB-Kulissen erheblich grummelte und etliche Provinzkönige schon damals einen radikalen Neuanfang forderten, auch ohne den gerade installierten, aber doch bereits desavouierten Teamchef.

Arriens-Nachfolge: Schüttler winkt ab

Nun kam die Scheidung mit Verspätung, veranlasst durch die Kritiker von gestern – zu denen zählt eben auch der neue DTB-Vize für den Leistungssport, der Bad Homburger Hordorff. Wahrscheinlich ahnte Arriens schon bei der Machtumwälzung im DTB, vollzogen auf der Bundesversammlung im November, dass nun ein rauerer Wind für ihn wehen würde, strammer Gegenwind sogar. Selbst mit gutem Willen konnte freilich keiner mehr aus der Führungsetage an dem 45-Jährigen festhalten: Nicht jedenfalls nach der bloß angetäuschten Gesprächsbereitschaft mit Kohlschreiber, nach einer Scharade in Melbourne, die ein Präsidiumsmitglied als „skandalöses Manöver“ gegenüber Vermittler Hordorff und der gesamten DTB-Spitze bezeichnete.

Schnell sind die Ex-ProfisAlexander WaskeundRainer Schüttlerim Gespräch gewesen als Arriens-Nachfolger, beide waren auch schon die üblich verdächtigen Kandidaten, als Kühnen zurücktrat. Schüttler, Lizenzinhaber des ATP-Turniers in Genf, winkte allerdings bereits ab. Genannt wird nun aber auchMichael Kohlmannals Kandidat, der bisherige Arriens-Assistent. Jeder von ihnen müsste sich mit dem verbannten Kohlschreiber arrangieren, dessen Rückkehr ins Team das neue DTB-Präsidium fordert. Aus Kohlschreibers Ecke war zuletzt nur zu hören, der DTB sei „am Zug“, man wolle sich selbst nicht zu der Causa eines Comebacks äußern. Nächste Woche erst werde sich das Präsidium entscheiden, sagt DTB-Chef Ulrich Klaus, schließlich wolle man nicht tagelang das Fed-Cup-Spiel der deutschen Frauen gegen Australien mit den Personalien im Herrentennis belasten. Was der Mann nach Arriens in jedem Fall braucht, ist ausreichend Zeit und Freiraum für seine Arbeit, genügend Autorität und Unabhängigkeit.

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Dienstag
03.02.2015, 17:11 Uhr