Der Tennisboom – Realität oder Fassade?
Was wird sich im deutschen Tennis nach dem Erfolg von Alexander Zverev bei den French Open 2026 ändern? Vladislav Ilijin, langjähriger Tennistrainer und Buchautor, ist nicht allzu optimistisch.
von Gastbeitrag von Vladislav Ilijin
zuletzt bearbeitet:
17.06.2026, 09:06 Uhr

Boris Becker sieht einen neuen Tennisboom. Die Argumente wirken auf den ersten Blick überzeugend: hohe Einschaltquoten bei Grand Slams, neue Gesichter auf der Tour, spannende Geschichten. Tennis ist wieder präsent, sichtbar und medial erfolgreich. Doch die entscheidende Frage lautet: Trägt dieser Boom – oder ist er nur eine Momentaufnahme?
Während Becker auf die große Bühne blickt, richtet sich der Blick aus der Praxis auf das Fundament. Denn was nützt ein Boom im Fernsehen, wenn die Strukturen im Nachwuchsbereich brüchig sind?
Der Erfolg einzelner Spieler wie Alexander Zverev ist zweifellos bedeutend für die öffentliche Wahrnehmung. Identifikationsfiguren ziehen Aufmerksamkeit an, schaffen Begeisterung und können eine Sportart populär machen. Doch Popularität ersetzt keine nachhaltige Entwicklung. Ein funktionierendes Fördersystem entsteht nicht durch Stars, sondern durch Qualität in der täglichen Trainingsarbeit.
Genau hier zeigt sich ein strukturelles Problem im deutschen Tennis. Offiziell steht die Talentförderung im Zentrum, tatsächlich jedoch wird sie häufig durch starre, hierarchische Strukturen ausgebremst. Talente werden früh selektiert, in Kadersysteme eingeordnet und zentral gesteuert. Dieses Modell mag organisatorisch effizient erscheinen, widerspricht jedoch dem Wesen einer Individualsportart wie Tennis.
Die entscheidende Entwicklungsarbeit findet nicht im Verband, sondern im Verein statt. Dort, wo Trainer täglich mit Spielerinnen und Spielern arbeiten, entstehen Technik, Spielverständnis und mentale Stärke. Doch anstatt diese Basis gezielt zu stärken, wird Verbandsnähe oft höher gewichtet als Trainingsqualität.
Das führt zu einem paradoxen Zustand: Einerseits spricht man von Förderung, andererseits entsteht ein System, das Talente zu früh aussortiert oder in ihrer Entwicklung einengt. Besonders sichtbar wird dies im Damentennis, wo der Übergang vom Nachwuchs in den internationalen Leistungssport seit Jahren problematisch ist.
Ein nachhaltiger Tennisboom kann jedoch nur dann entstehen, wenn die Basis stimmt. Dazu braucht es keine weiteren Programme auf dem Papier, sondern klare Veränderungen in der Praxis: mehr Offenheit für alternative Trainingsmodelle, weniger Zwang in Kaderstrukturen und eine konsequente Orientierung an Qualität statt an Hierarchie.
Die zentrale Frage ist daher nicht, ob Tennis gerade boomt. Die entscheidende Frage ist, ob das System in der Lage ist, diesen Boom auch langfristig zu tragen.
Vladislav Ilijin, geboren 1950 im ehemaligen Jugoslawien, ist freiberuflicher Tennistrainer, besitzt die B-Lizenz Leistungssport des DTB und hat das Buch “Flow-Erleben im Tennis durch Aufmerksamketssteuerung” geschrieben.

