Der "Tennisnerd" im Interview: Profischläger? "Wir Hobbyspieler brauchen Hilfe"

Jonas Eriksson ist unter Tennisfreaks bekannt als „Tennisnerd“, auf seiner Website berichtet er über die tatsächlichen Schläger der Profis und gibt Tipps zum richtigen Rackettuning. Wir haben mit ihm gesprochen.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 24.06.2022, 08:18 Uhr

Jonas Eriksson
© Jonas Eriksson
Tennisnerd Jonas Eriksson

Jonas, lass uns über die Rackets der Profis sprechen. Wir müssen dabei zwei Sachen unterscheiden: den Schläger an sich – und das Tuning. Die Schläger, die es im Handel gibt, sind nur selten diejenigen, die Profis tatsächlich spielen, meist spielen sie ein älteres Modell. Sind die neuen schlechter?

Tennisspieler sind Gewohnheitstiere, die müssen an ihr Material gewöhnt sein. Natürlich testen die Profis in der Off-Season neues Material, aber dann beginnen die Turniere, sie verlieren vielleicht ein, zwei Mal früh und wechseln zurück zum alten Rahmen. Es ist also nicht so, dass die Rackets früher besser waren, sondern die Spieler sich einfach an sie gewöhnt haben. Das ist wie beim Muskelgedächtnis. Wenn man auf den Platz geht, will man den Ball so fühlen wie bisher./

Rafael Nadal bewirbt einen wunderschönen Schläger, der in seinen Lieblingsfarben lackiert ist, den Farben von Mallorca. Es ist aber in Wirklichkeit der Babolat AeroPro Drive Original aus dem Jahr 2005. Was ist an dem anders als am aktuellen?

Es ist ein großer Unterschied vom Gefühl her. Es gab früher weniger Dämpfungsmaterial, man hat damit also ein sehr rohes Gefühl. Das wollen die Profis ohnehin. Der Babolat AeroPro Drive hat zudem ein engeres Saitenbett, was Nadal mehr Kontrolle bringt. Das aktuelle Modell ist jedoch besser für Hobbyspieler geeignet, mit einem offeneren Saitenbett für etwas mehr Spin. Der Rahmen ist etwas weicher, das ist besser für den Arm der Spieler, die den Ball nicht so gut treffen wie Rafa. Es macht also durchaus Sinn, dass es für Freizeitspieler andere Schläger gibt. Aber es kommt drauf an, was man gewohnt ist. Ein Freund von mir hat beide Schläger gespielt, den AeroPro Drive und den aktuellen Pure Aero. Er fand nicht, dass der Unterschied derart groß ist. Ich finde es schon, aber ich teste auch jeden Tag.

Warum hat Babolat nicht einfach eine „Autograph“-Version veröffentlicht: Also ein Racket genau nach Nadals Setup, wie es Wilson mit dem Wilson Pro Staff 97RF Autograph von Roger Federer getan hat?

Das ist eine gute Frage! Vielleicht ist die Gussform nicht so leicht verfügbar oder sie denken, der Rahmen sei zu hart für den Arm. Aber ich denke, dass es für die meisten Firmen sinnvoll wäre, ein „Signature“-Modell im Sortiment zu haben. Und dann eine leichtere Version, wie es ihn ja auch bei Federers Wilson-Racket gibt. Andererseits bezweifle ich, dass Babolat mit Rafas Setup ähnlich viele Schläger verkaufen würde wie Wilson bei Federer.

Wieso das?

Sein Schläger ist zu schwer zu handeln. Er ist ja auch deutlich schwerer als der im Handel erhältliche Pure Aero Rafa. Und selbst wenn man es schafft, bringt der Schläger mit Rafas exakter Abstimmung zu viel Power. Man müsste daher fast mit seinem extremen Spin spielen, immer und immer wieder, um die Kontrolle zu behalten. Ich würde fast behaupten, dass der „RF97“ etwas einfacher zu spielen ist. Ähnlich ist es mit Novak Djokovics Schläger: Ich habe auch einen von ihm, und auch der ist wahnsinnig schwierig. Den würde man nicht an Clubspieler verkaufen wollen.

Woher bekommst du eigentlich die „Original“-Schläger der Stars?

Die werden manchmal auf verschiedenen Foren angeboten, auch zum Tausch. Man entdeckt sie also hin und wieder, aber sie kosten einiges. Außer man hat das Glück, nach einem Match von einem Profi den Schläger geschenkt zu bekommen, auch das kommt vor.

Um noch mal auf Federers Schläger zurückzukommen: Er spielt aber tatsächlich den Schläger, den es im Handel gibt, oder?

Das ist genau der! Allerdings ist es so: Wenn man in ein Geschäft geht und vier Mal den Wilson Pro Staff RF97 Autograph kauft, unterscheiden die sich alle leicht in Gewicht und Balance. Da gibt es immer eine kleine Differenz. Federer würde hier die schwerere Variante spielen und die anderen daran anpassen lassen. Seine Saiten-Kombi, die Wilson Champion‘s Choice Duo, gibt es auch im Handel, man könnte also tatsächlich mit dem Federer-Setup auf den Platz gehen. Das bedeutet aber dann nicht, dass man wie Federer spielen wird (lacht).

Ein Schläger, den man auf der Tour aktuell oft sieht, ist der Wilson Blade, mit dem „Chamäleon“-Look. Interessanterweise spielen ihn die Herren tatsächlich, wenn auch teils eine alte Version. Bei den Damen ist es jedoch ein völlig anderes Modell.

Ja, viele Frauen spielen eher den Wilson Steam, und das ist ein Welten-Unterschied! Der Steam ist ein Powerracket, vergleichbar mit dem Babolat Pure Drive. Denn die Frauen wollen meist etwas mehr Power. Der Blade hingegen ist eher auf Kontrolle angelegt. Der Wilson Steam 100 BLX ist bei den Frauen sehr angesagt, Emma Raducanu spielt ihn zum Beispiel. Auch Simona Halep oder Elina Svitolina spielen nicht mit dem Blade, sondern mit dem Wilson Steam 99, den früher auch David Ferrer gespielt hat.

Wenn dieser Schläger so gut ist und so beliebt, wieso gibt es ihn dann nicht mehr im Handel?

Das verstehe ich auch nicht. Man könnte ihn ja als eine Art „Wilson Blade Power“ rausbringen. Vielleicht wird das irgendwann passieren.

Woran erkennst du, um welchen Schläger es sich in Wirklichkeit handelt, wenn sie in aktuellen Farben bemalt sind?

Es verschiedene Zeichen dafür. Man erkennt das oft an der Form oder an der Anzahl der Saiten, dass Spielerinnen oder Spieler nicht das Racket in der Hand haben, das sie bewerben. Beim Wilson Steam zum Beispiel ist der Rahmen dicker und die unteren Saitenösen weiß – beim Blade ist das nicht der Fall. Wenn man genau hinschaut, erkennt man das.

Sprechen wir über ein anderes beliebtes Oldie-Modell, aber auf der Herrentour: Der „Head Pro Tour 630“, in der Head-Firmensprache als „PT57A“ bekannt. Thomas Muster und Gustavo Kuerten haben den Schläger in den 1990er-Jahren bekannt gemacht, Andy Murray spielt ihn immer noch.

Andy Murray hat zu Beginn dieser Saison ein neues Racket probiert. Wobei, es war quasi das alte, nur mit etwas größerem Kopf. Aber er ist dann doch zum alten zurückgewechselt. Tennis Warehouse hat den Head Pro Tour 630 vor ein paar Jahren noch mal in etwas angepasster Form veröffentlicht, als Head Pro Tour 2.0. Manchmal ist das so, dass ein Händler viele Anfragen bekommt und der Schläger dann nicht als offizielle Head-Veröffentlichung rauskommt, aber eben über einen Händler. Einige Fans haben da zugeschlagen, auch wenn es nicht ganz derselbe Schläger war. Man hat etwas mehr Power rausbekommen.

Warum bringt Head den Schläger nicht selbst noch mal raus?

Ich befürchte, sie würden nicht zu viel verkaufen von den Klassikern. Die meisten Spieler wollen Power haben. Und Schläger, die sich einfacher spielen lassen.

Wenn wir über Schlägertuning sprechen, bedeutet das meist Blei am Rahmen oder Silikon im Griff. Vielleicht kannst du erklären, welche Abstimmung welchen Zweck hat.

Man muss sich den Schlägerkopf wie eine Uhr vorstellen. Wenn man mehr Power aus dem Schläger bekommen will, muss man oben, bei 12 Uhr, Gewicht anbringen. Aber ganz wichtig: nicht zu viel! Manche hauen da direkt ordentlich was drauf, dabei macht schon ein geringes Gewicht im Bereich von 2 Gramm einen enormen Unterschied. Man sollte sich vorsichtig rantasten. Man kann auch Gewicht im Bereich von 3 und 9 Uhr aufbringen, also an den Seiten, das macht den Schläger stabiler. Der Schläger dreht sich weniger aus der Hand.

Wenn man Gewicht am Kopf anbringt, muss man das im Griff ausgleichen, oder?

Exakt, das machen fast alle Profis. Sonst wird der Schläger zu kopflastig. Pete Sampras zum Beispiel hatte mehrere Lagen Bleiband auf 3 und 9 Uhr angebracht, da war wohl auch Gewicht zum Ausgleich im Griff. Aber es gibt Ausnahmen. Carlos Moya hatte rund 20 Gramm im Kopfbereich, ohne das auszugleichen. Der Schläger war wahnsinnig kopflastig. Aber wie gesagt: Das ist selten. Normalerweise wird Silikon in den Griff gespritzt oder Blei unterm Griffband angebracht. Auch ein Ledergriffband macht den Griff schwerer. Das Gewicht im Griffbereich sieht man daher nicht. Auch nicht immer das im Kopfbereich, das liegt oft unter dem Ösenband. Man sieht meist nur die Bleistreifen im Bereich von 3 und 9 Uhr.

Rafael Nadal hatte kürzlich erklärt, seine Schläger in Paris für die French Open anders getunt zu haben als für die Australian Open. Das ist selten.

Ja, Rafa hat für die French Open etwas Gewicht weggenommen. In Melbourne hatte er es erhöht und dünnere Saiten aufgezogen gehabt, dadurch bekam er mehr Power in den Schlag. Bei den French Open wollte er mehr Kontrolle, also hat er das Gewicht reduziert. Das ist ein Vorgehen, das ich mir für die Zukunft durchaus vorstellen kann bei den Profis: dass Spieler zwei oder drei verschiedene Schläger haben, mit unterschiedlichen Setups, je nach Belag oder Gegner. Wenn sie heutzutage spüren, dass sie zu wenig Kontrolle oder Power haben, gleichen sie das nur mit den Saiten aus, über mehr oder weniger Spannung. Das könnte sich ändern.

Du merkst im Rahmen deiner Arbeit, wie viele Fans sich genau für die Abstimmungen der Profis interessieren, obwohl das den meisten nichts bringt. Verrückt eigentlich, oder?

Schon – die Schläger sind einfach für Profis abgestimmt, also für Spieler, die ständig den Sweetspot treffen. Das tun wir Hobbyspieler nicht, wir brauchen Hilfe. Die Rackets der Herren sind auch oft schwerer, auf der Frauen-Tour nicht mal so sehr. Wobei es auch unter den Profis einige gibt, die einen Schläger spielen, der denjenigen im Handel nahekommt.

Jonas, zum Schluss noch: Wie bist du eigentlich zum Tennisnerd geworden?

Ich habe schon früh damit angefangen, Schläger zu testen, habe mich dafür wahnsinnig interessiert. Das war fast eine Sucht, nicht ganz so schlimm natürlich. Es macht Spaß, das geht ja vielen meiner Leser so. Aber es ist schlecht fürs eigene Tennis. Generell empfehle ich den Leuten, nicht so viel zu testen, wenn sie den passenden Schläger gefunden haben. Sie sollten dann lieber an ihrem Tennis arbeiten.

Das Gespräch führte Florian Goosmann im Rahmen des ATP-Turniers in Stuttgart.

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