Die Ära nach Thiem: Wer hat die Chance, in seine Fußstapfen zu treten?
Die Fußstapfen von Dominic Thiem sind groß. Wer kann sie füllen?
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
09.02.2026, 11:54 Uhr

Dominic Thiem hat das österreichische Tennis über Jahre auf ein Niveau gehoben, das zuvor lange Zeit undenkbar war. Österreich hatte nach Thomas Muster wieder einen Grand-Slam-Sieger, der sich Woche für Woche Duelle auf Augenhöhe mit den Besten der Welt lieferte. Auch bei den Heimturnieren sorgte er für volle Tribünen.
Mit seinem endgültigen Rücktritt 2024, der einer langen Leidensphase folgte, in der die österreichische Nummer 1 nicht mehr an alte Erfolge anknüpfte, endete keine goldene Epoche im klassischen Sinn. Dennoch geht damit eine Phase vorbei, in der Österreich im Herrentennis dauerhaft international sichtbar und im Gespräch war.
Genau daraus entsteht zwangsläufig die Frage, wie es nun weitergeht. Wir schauen auf drei Namen, die vielleicht nicht in die Fußstapfen von Thiem treten können, aber in der Lage dazu sind, dem österreichischen Tennis eine attraktive Perspektive zu geben.
Das Erbe von Thiem für das österreichische Tennis
Dominic Thiem war nicht nur ein Spitzenspieler mit ausgesprochen schöner einhändiger Rückhand, sondern eine Figur, die Maßstäbe verschoben hat. Plötzlich war es normal, dass ein Österreicher bei den French Open um den Titel mitspielte. Starke Matches gegen Nadal, Djokovic oder Zverev galten nicht mehr als Sensation, sondern als Standortbestimmung.
Diese neue Normalität hat sich tief ins Tennisbewusstsein eingebrannt. Nachwuchsspieler hatten ein greifbares Beispiel, dass Weltklasse aus Österreich möglich ist, ohne Abkürzungen, ohne Wunder, sondern über Jahre konsequenter Arbeit.
Strukturell steht Österreich solide da. Leistungszentren, Trainerqualität und internationale Anbindung sind vorhanden. Thiems Erfolg hat diese Strukturen eher verstärkt als neu geschaffen. Die Bedingungen sind besser als vor fünfzehn Jahren, garantieren aber keinen Durchbruch.
Medien, Sponsoren und Verbände richteten ihren Fokus neu aus. Das Umfeld wurde professioneller und Geldgeber zeigten sich in bester Laune. Insbesondere die großen Summen der letzten Jahre werden jetzt wohl erstmal etwas geringer ausfallen.
Allerdings könnte in Österreich Bewegung in die Sache kommen, wenn Digitalunternehmen aufgrund des KI-Booms verstärkt auf Werbung setzen. Ebenso wird prognostiziert, dass eine mögliche Öffnung des Glücksspielmonopols in Österreich dazu führen könnte, dass neue Werbepartnerschaften entstehen. Käme es dazu, gibt es genug Anbieter bei Casino Groups, bei denen man vermutlich sofort anrufen könnte. Der Verband muss also kreativ werden und hat auch in der Ära nach Thiem die Chance, finanzielle Mittel zu akquirieren.
Die aktuelle Gegenwart: Wer trägt Österreichs Tennis heute?
Nach Thiem zeigt sich das österreichische Herrentennis geerdeter, aber nicht perspektivlos. Die Spitze ist schmaler geworden, die internationale Strahlkraft geringer, doch es gibt Spieler, die sportlich Verantwortung übernehmen.
Der Unterschied liegt weniger im Talent, denn davon braucht man eh reichlich, wenn man es zum Profi schaffen will. Aktuell geht es allerdings nicht um Grand Slams, sondern um Konstanz, Präsenz und das tägliche Geschäft auf der Tour.
Sebastian Ofner ist derzeit das Gesicht des österreichischen Herrentennis. Kein Wunderkind, kein Lautsprecher, sondern ein Profi, der sich seine Position erarbeitet hat. Mehrfache Top-100-Platzierungen zum Jahresende, ordentliche Auftritte auf ATP-Ebene und verlässliche Leistungen im Davis Cup sprechen eine klare Sprache.
Gleichzeitig wäre es unfair, ihn als kommenden Superstar zu verkaufen. Alter, bisherige Entwicklung und Spielanlage deuten eher auf Stabilität als auf den ganz großen Durchbruch hin. Das schmälert seinen Wert nicht. Spieler wie Ofner halten eine Tennisnation konkurrenzfähig und verhindern, dass ein sportliches Vakuum entsteht.
Joel Schwärzler als prominentester Name der nächsten Generation
Joel Schwärzler gilt nicht ohne Grund als größtes Versprechen. Er war zwischenzeitlich Junioren-Weltranglistenerster, lieferte schon starke internationale Auftritte und hat eine Spielanlage, die Tempo mit Mut verbindet.
Der Weg bleibt dennoch lang. Der Übergang vom Junioren- zum Profitennis kostet Zeit, Nerven und Selbstvertrauen. Schwärzler muss lernen, gegen körperlich reifere Gegner Lösungen zu finden, Niederlagen einzuordnen und Woche für Woche auf Challenger-Niveau zu bestehen. Wer hier bereits den neuen Thiem sucht, verkennt, wie selten solche Karrieren tatsächlich sind.
Sebastian Sorger und die Rolle der zweiten Reihe
Sebastian Sorger steht ein Stück weiter hinten, sammelt aber wertvolle Erfahrung. Seine ersten Davis-Cup-Einsätze bringen keine Ranking-Sprünge, schärfen jedoch das Gespür für Drucksituationen und Verantwortung. Sportlich bewegt er sich noch fernab der großen Turniere, doch genau solche Spieler sorgen für Tiefe im System. Er erhielt z.B. schon sehr früh Wild Cards. Der absolute Durchbruch ist ihm jedoch noch nicht gelungen.
Nicht jeder wird Top-30-Spieler. Manche stabilisieren das nationale Niveau, liefern Trainingsqualität und halten den internen Konkurrenzdruck hoch. Auch das ist Teil einer funktionierenden Tennislandschaft.
Warum nicht jeder Hoffnungsträger ein Star werden kann
Modernes Herrentennis ist ein Geduldsspiel mit hohem Verschleiß. Körperliche Belastung, mentale Daueranspannung, Reisestress und finanzielle Risiken filtern Jahr für Jahr vielversprechende Namen aus. Talent allein reicht nicht, das zeigt sich besonders deutlich auf der Challenger-Tour.
Am Ende entscheidet die individuelle Entwicklung. Turnierzugänge, Wildcards und finanzielle Unterstützung helfen, ersetzen jedoch keine Siege. Der Übergang von Förderung zu Eigenständigkeit bleibt der heikelste Moment einer Karriere.
Hinzu kommt der permanente Vergleich. Wer in Österreich Tennis spielt, kommt an Thiem nicht vorbei. Das kann antreiben, aber auch blockieren. Karrieren verlaufen selten geradlinig und schon gar nicht nach Plan. Manche Spieler brauchen Umwege, andere Rückschläge, um ihr Spiel zu schärfen.
Muss man Erfolg im Tennis in Österreich neu definieren?
Die Erwartung, automatisch wieder einen Top-10-Spieler hervorzubringen, verkennt die Ausnahme, die Thiem darstellte. Realistisch betrachtet wäre ein Spieler in den Top 30 bereits ein starkes Signal.
Konstante Grand-Slam-Teilnahmen, zweite Turnierwochen und ein stabiles Davis-Cup-Team wären klare Zeichen sportlicher Gesundheit. Erfolg muss breiter gedacht werden. Zwei oder drei Profis im oberen Tour-Bereich sind nachhaltiger als ein einzelner Superstar mit Alleinunterhalter-Status.
Die Zeit nach Thiem ist ein Übergang. Österreichisches Tennis sortiert sich neu, mit weniger Glamour, aber nachvollziehbaren Entwicklungswegen. Ofner trägt die Gegenwart, Schwärzler verkörpert die Hoffnung, Sorger ist in der zweiten Reihe.
Vielleicht entsteht kein neuer Thiem. Vielleicht entsteht etwas anderes. Und vielleicht ist genau das die realistischste Perspektive für das österreichische Herrentennis.
