Die Ergebnis-Lüge: Warum der Fokus auf Ergebnisse die Entwicklung des Spielers bremst
Werden Resultate überbewertet? Der Tennis-Insider Marco Kühn mit seine neuesten Anbalyse.
von Marco Kühn
zuletzt bearbeitet:
18.05.2026, 12:16 Uhr

Mal lang, mal kurz. Mal eckig, mal riesig. Je nachdem, aus welcher Perspektive die Kamera einen Tennisplatz zeigt, sieht er auf dem TV (oder heutzutage Smartphone oder Tablet) anders aus.
Der Tennisplatz ist selbstverständlich immer gleich groß. Nur die Optik verzerrt sich. Wenn sich ein Tennisspieler rein über seine Ergebnisse definiert, kreieren wir ein ähnliches, verzerrtes Bild. Der Blick auf das, was einen Spieler langfristig verbessert, kann verloren gehen.
Wir werden in diesem Artikel analysieren, wie die an Ergebnissen haftende Denkweise die Mentalität eines Spielers verzerren und ihn so von einer echten Entwicklung zwischen T- und Grundlinie abhalten kann.
Wir schauen auch, wie du anders über dein Spiel denken kannst.
Warum lügen Ergebnisse?
Ergebnisse sagen wenig über den Spielverlauf aus. Tennis ist ein dynamischer Sport, der von unterschiedlichen Phasen geprägt ist. Spieler A spielt zu Beginn grandios und macht keine Fehler. Dann spielt Spieler B für drei Aufschlagspiele das Tennis seines Lebens. Dann, zum Ende des ersten Satzes, spielen beide Spieler unter ihren Möglichkeiten. Im zweiten Satz geht die Achterbahnfahrt weiter. Spieler A und Spieler B haben beide ihre starken Momente.
Ein Tennismatch gewinnt häufig der Spieler, der in den kritischen Spielsituationen diesen einen Tick cooler bleibt, ruhiger am Ball steht und dadurch weniger Fehler macht. Er kann aber insgesamt der schwächere Spieler gewesen sein.
Ergebnisse spiegeln das "Was" eines Matches, aber nie das "Wie". Ein Spieler, der klar besser war, aber in den entscheidenden Phasen die falschen Schlagentscheidungen getroffen hat, wird durch das Ergebnis auf der Anzeigetafel geblendet. Er zog nach diesem Match als Verlierer den Platz ab.
Du kannst das beste Match deines Lebens gespielt haben. Es ist möglich, dass du dieses beste Match verlierst. Wenn du aber mit dem Wissen um eine
Wann einzelne Ergebnisse zum Problem für die Mentalität des Spielers werden
Ein einzelnes Ergebnis verpufft nach zwei Tagen. Vor allem Siege sind nach zwei Tagen kaum noch etwas wert. Niederlagen hingegen beschäftigen die meisten Spieler wesentlich länger als ein grandioser Sieg. Verrückt, nicht wahr?!
Tennis ist auf gewisse Weise eine gespaltene Persönlichkeit. Auf dem Platz verzeiht dieser Sport fast keinen Fehler. Ein, zwei blöde Entscheidungen und zack; die Dynamik des Matches ist eine völlig andere als zehn Sekunden zuvor.
Außerhalb des Platzes verzeiht der Tennissport sehr viel. Du bekommst direkt im nächsten Training, im nächsten Match, im nächsten Trainingsspiel die Chance, vieles besser zu machen als im Spiel zuvor. Du kannst eine Niederlage nutzen, um daraus zu lernen und die Niederlage mit zwei Siegen vergessen zu machen. Aber auch hier kommen wir in den Ergebnis-Kreislauf, der einen verrückt machen und blenden kann.
Das ein einzelnes Ergebnis unwichtig im Gegensatz zur spielerischen Entwicklung eines Spielers ist, bewies uns der Herbst-Djokovic.
Der Djoker befindet sich im Herbst seiner Karriere. Vor den Australian Open 2026 verlor er konstant gegen Jannik Sinner. Die Ergebnisse waren auf dem Papier deprimierend. Viele Experten sahen den Djoker auf der absteigenden Netzkante. Sie trauten ihm nicht zu, nochmal über drei Gewinnsätze einen Sinner zu schlagen.
Doch die einzelnen Ergebnisse sagten nichts darüber aus, was der Djoker in diesen Matches fühlte. Denn er spürte, dass da noch was geht. Er war in den Ballwechseln drin. Er muss Ansätze gesehen haben, wie er einen Sinner nochmal über drei Gewinnsätze schlagen kann.
Was geschah? Der Djoker, mit Glück und der tatkräftigen Hilfe von Jannik Sinners Fehlerquote im fünften Satz, schlug im Halbfinale der Australian Open nochmal zu.
Der Djoker ließ sich nicht von seinen vorigen Ergebnissen veräppeln. Er vertraute seinem Gefühl, seiner Entwicklung und seinem Riecher.
Wie beeinflussen die Ergebnisse die Psyche des Spielers?
Eine ärgerliche, knappe Niederlage kann einen Spieler für Monate brechen. Ein einzelner Sieg kann innerhalb weniger Tage in Vergessenheit geraten. Wer sich zu sehr auf seine Ergebnisse fokussiert, der verliert den Kontakt zu seiner spielerischen, mentalen und körperlichen Entwicklung im Training.
Rafa Nadal erzählte in einem Interview, wie er Matches mental attackierte. Er fokussierte sich nicht auf ein mögliches Endergebnis oder auf den aktuellen Spielstand. Rafa konzentrierte sich darauf, ein Problem nach dem anderen zu lösen. Eine verdammt gesunde Einstellung einem Tennismatch gegenüber.
Der Treffpunkt bei der Vorhand stimmte noch nicht? Rafa lenkte seine Aufmerksamkeit nach unten, Richtung Füße. Die Vorhand landete noch zu oft im Aus oder im Netz (was selten war, da er mit Höhe und Spin arbeitete)? Rafa ging vom Tempo herunter, spielte noch höher über das Netz und blieb mit seinen Schlägen von den Linien fern.
Der Fokus auf das Ergebnis führt zu Druck, Panik und gehört zu den zahlreichen Ablenkungen, die ein Spieler im Verlauf eines Matches (und darüber hinaus) vermeiden sollte.
Rafa fokussierte sich auf das, was er im nächsten Ballwechsel kontrollieren konnte.
Aber sind Ergebnisse nicht das Ergebnis des Trainings?
Definitiv sind sie das. Deine Ergebnisse sind wichtig. Und deine Ergebnisse werden langfristig besser, wenn du dich kurzfristig mehr auf deine spielerische, mentale und körperliche Entwicklung fokussierst, als auf ein einzelnes Ergebnis.
Früher sagte mir mein Trainer, im Tennis würde nichts von heute auf morgen passieren. Das Verbessern der Vorhand, der Rückhand und des Aufschlages ist ein Prozess.
Fazit
Setze deine spielerische, mentale und körperliche Entwicklung immer über ein einzelnes Ergebnis. Lass dich weder von einer ärgerlichen Niederlage, noch von einem grandiosen Sieg blenden. Sei nie zu euphorisch, sei nie zu negativ.
Der Spieler, der konstant an seinen Fähigkeiten arbeitet, wird langfristig bessere Ergebnisse mit nach Hause bringen. Tappe nicht in die Ergebnis-Falle und lass dich niemals in deiner Entwicklung bremsen, nur weil zwei Ergebnisse mal nicht passen.
Tennis ist ein Marathon, kein Sprint.
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