"Ab sofort gibt es keine Ausreden mehr"

Dirk Hordorff, Vizepräsident im Deutschen Tennis Bund, spricht im Interview über Veränderungen im Verband und die Aufnahme des DTB in die Grundförderung. Eine ehemalige Spitzenspielerin unterstützt ab sofort den DTB.

von Interview: Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 14.03.2017, 14:29 Uhr

Dirk Hordorff ist Vizepräsident des DTB

tennisnet.com: Herr Hordorff, bei seiner Mitgliederversammlung hat der Deutsche Tennis Bund ein Reformprogramm für die Bereiche Jugend- und Leistungssport beschlossen. Warum war das nötig?

Dirk Hordorff: Im Zuge der Leistungssportreform des DOSB waren alle Verbände gehalten, ihre Förderstrukturen zu modernisieren und auf Effizienz zu überprüfen. Ich bin sehr dankbar, dass das vorgelegte Konzept einstimmig im Bundesausschuss von allen Verbänden befürwortet wurde. Ziel dieses Konzeptes ist es, die Arbeit zwischen dem DTB, seinen Verbänden und Untergliederungen bis hin in die Vereine zu optimieren. Ich denke, dass es dem DTB und seinen Landesverbänden gelungen ist, eine zukunftsweisende Struktur zu verabschieden, die das deutsche Tennis weit nach vorne bringen wird.

tennisnet.com: Der Nachwuchs soll früher und intensiver gefördert werden. Wie sieht das konkret aus?

Hordorff: Wir werden die Talente in Trainingslagern im Alter von 12 bis 14 Jahren erfassen und über Lehrgänge an den DTB heranführen. Sie werden weiter zu Hause vor Ort trainieren - und der DTB wird die Zusammenarbeit der Top-Kaderspieler(innen) mit den Landestrainern intensivieren. Ab 14 Jahren kann dann auch die Aufnahme an einem der vier Bundesstützpunkte des DTB erfolgen. Hannover, Kamen, Stuttgart oder Oberhaching sind ausgebaut oder werden gerade modernisiert, auch mit großer Hilfe durch das BMI und den DOSB. Diese Stützpunkte bieten optimale Möglichkeiten Leistungsspieler(innen) zusammen zu führen.

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tennisnet.com: Die Stärkung der Bundesstützpunkte steht auch auf der Agenda - was wird da genau passieren?

Hordorff: Da ist schon sehr viel passiert. An jedem dieser Stützpunkte wird ein DTB-Trainer die Arbeit der Kaderspieler koordinieren und leiten. Das sind Barbara Rittner in Stuttgart, Michael Kohlmann in Oberhaching, Dirk Dier in Kamen und Peter Pfannkoch in Hannover. Zusätzlich konnten fest für die Betreuung der Top-Talente mit Jasmin Wöhr, Björn Phau und Jan Velthuis Trainer gewonnen werden, die z.B. feste Gruppen von Spielern trainieren.

tennisnet.com: Der DTB will im Zuge der Initiative die vorhandenen Mittel effektiver einsetzen. Was bedeutet das im Detail?

Hordorff: Neben den beschriebenen Maßnahmen haben wir in der Talentsichtung neue Wege eingeschlagen. Mit Gerald Marzenell bei den U 14 Junioren und Uta Strakerjahn bei den U 14 Juniorinnen haben wir zwei Toptrainer verpflichten können, die die heranwachsenden Talente früh erfassen und in der Zusammenarbeit mit den Heimtrainern und insbesondere auch mit den Heimverbänden sicherstellen, dass die Arbeit zielorientiert und effektiv abläuft. Das war auch in dem Beschluss des Bundesausschusses enthalten. Damit soll erreicht werden, dass miteinander zum Wohl der Talente und nicht aneinander vorbei gearbeitet wird. In diesem Jahr wird der DTB Initiativen entwickeln, bis in den Verein hinein genau dieses Modell der Talentförderung zu implementieren.

tennisnet.com: Auch die frühere Weltklassespielerin Claudia Kohde-Kilsch will sich engagieren.

Hordorff: Es freut mich besonders, dass wir mit der ehemaligen Fed-Cup- Siegerin Claudia Kohde-Kilsch ein Aushängeschild des DTB gewinnen konnten, sich speziell um die Talente in den Ostverbänden zu kümmern. Claudia wird dort vor Ort Tennis nach vorne bringen und den Verbänden beim Aufbau der Strukturen im Leistungsbereich bestimmt eine wichtige Unterstützung bieten können.

tennisnet.com: Erwartet sich der DTB bei diesem Programm auch externe Unterstützung etwa durch den DOSB?

Hordorff: Als ich vor zwei Jahren zum Vizepräsident Leistungssport im DTB gewählt wurde, bin ich durchaus mit gemischten Gefühlen zu meiner ersten Sitzung mit dem DOSB gegangen. Jahrelang wurde das deutsche Tennis national nicht unterstützt. Als ich die Strukturen und die Thematik näher beleuchtet hatte, konnte ich sagen, dass die Unterstützung des DOSB über die gesamten zurückliegenden Jahre großartig war. Dieses hat sich auch bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 erneut gezeigt.

tennisnet.com: Wie steht es um die Aufnahme des DTB in die sogenannte Grundförderung?

Hordorff: Hier kann ich eine fantastische Nachricht mitteilen. Der DTB ist erstmalig seit seiner Gründung in die Grundförderung des zuständigen Bundesinnenministeriums aufgenommen worden. Wir haben in finanzieller Hinsicht - insbesondere war hier auch die Beendigung des Rechtstreits mit der ATP erforderlich - die Voraussetzungen des BMI erfüllt, um in die Förderung aufgenommen zu werden. Dadurch profitieren unsere Bundesstützpunkte, denn die notwendigen Ausbaumaßnahmen in Stuttgart und Oberhaching sind ohne die Bezuschussung des BMI nicht denkbar. Aber auch die gesamte neu beschriebene Talentförderung wäre ohne diese Unterstützung nicht möglich gewesen. Das deutsche Tennis wäre um viele Jahre in seiner Leistungsentwicklung zurückgeworfen worden. So aber können wir optimistisch nach vorne schauen.

tennisnet.com: Die Beziehungen zwischen DTB und DOSB bzw. den Vorgängerorganisationen NOK und DSB waren nicht immer die besten. Wie bewerten Sie die Verbindung im Moment?

Hordorff: Wir arbeiten konzentriert, effektiv und zielgerichtet mit dem DOSB zusammen. In regelmäßige Arbeitssitzungen werden Konzepte zur Optimierung der Arbeit im Tennis entwickelt. Ich war sehr überrascht, als ich bei der ersten Sitzung die für den Tennissport zuständige Mitarbeiterin des DOSB kennen lernte - sie kannte die Doppelrangliste der Herren besser als ich selbst. Ich habe großen Respekt vor dem Fachwissen der DOSB-Mitarbeiter. Sicher gibt es auch mal Auseinandersetzungen um den optimalen Weg, aber das befruchtet die Diskussion. Wir haben beide das gleiche Ziel: den größtmöglichen Erfolg für die Athleten. Die Zusammenarbeit mit dem BMI hat mein Präsidiumskollege Ralph Boecker verantwortet, das Ergebnis ist auf jeden Fall erfreulich. Wir haben da im Tennis vielleicht einiges erst lernen müssen, um den Anforderungen an eine zeitgemäße staatliche Förderung gerecht zu werden.

tennisnet.com: Kann der DTB mit diesen Maßnahmen etwas besser aufschließen zu Nationen, die beispielsweise durch Grand-Slam-Turniere in der Lage sind, viel üppiger zu investieren?

Hordorff: Ab sofort gibt es keine Ausreden mehr. Der DTB ist gut aufgestellt, jetzt liegt es an uns, daraus Erfolg zu generieren. Geld alleine reicht da nicht. Die Bereitschaft, sich täglich neu zu motivieren und für den Erfolg zu arbeiten, muss jeden Trainer und Athleten immer wieder begleiten. Sonst kommt kein Erfolg. Der DTB und seine Verbände haben ihre Hausaufgaben gemacht, haben die Voraussetzungen mit dem DOSB und dem BMI geschaffen. Wichtig ist auch, dass wir jetzt darauf achten, dass die Mittel effizient verwandt werden und kein Schlendrian einsetzt. Wir sind zwar noch nicht mit den Fördermöglichkeiten der Grand-Slam-Nationen vergleichbar, aber durch intelligente Arbeit, also ein Zusammenspiel von DTB und Verbänden bis hin zu den Vereinen, hoffen wir, am Schluss oben dabei zu sein.

tennisnet.com: Die Ausgaben für das Programm sollen in Teilen auch durch eine Art Spitzensportgebühr finanziert werden - die Teilnahme an Turnieren wird für viele Vereinsmitglieder teurer. Musste das sein?

Hordorff: Das ist etwas verzerrt dargestellt. Richtig ist, das der DTB wie jeder deutsche Fachverband einen Anteil für die Förderung im Leistungssport tragen muss. Dies war auch in dem Konzept enthalten, das wir für die Aufnahme in die Bundesförderung vorgelegt haben. Mehrkosten für den DTB waren darin vorausgesetzt. Aber richtig ist es auch, dass der DTB seit Jahren unterfinanziert war. Da gab es zwei Varianten, das zu beseitigen: Beitragserhöhung für die Vereine oder eine Gebühr, die jeweilige Nutzer von Leistungen betrifft, hier eine Erhöhung der Meldegebühr bei Ranglistenturnieren und die Einführung einer Gebühr für LK-Turniere. Die Jahreshauptversammlung des DTB hat sich am Schluss gegen eine Beitragserhöhung für die Vereine entschieden. Da kann man durchaus auch eine andere Meinung haben, aber Einstimmigkeit lässt sich schwer bei solch einer Frage herstellen. Ich persönlich unterstütze die getroffene Entscheidung. Denn damit bekommt auch jedes deutsche Tennistalent eine faire Chance und kann international vergleichbar gefördert werden.

tennisnet.com: Ein Wort noch zu den Auftaktrunden der beiden Nationalteams. Sie müssen nun beide nach Niederlagen gegen Belgien bzw. die USA in die Relegation. Ein Rückschlag in der Entwicklung?

Hordorff: Ja, zumindest bei den Herren hatte ich ein anderes Ergebnis erwartet. Dort waren wir Favorit und sind gescheitert. Ich will hier nicht verhehlen, dass dies eine Enttäuschung war, insbesondere auch für die Spieler. Alle waren an Bord, alle motiviert, und das Ergebnis war schon ein Rückschlag. Positiv war die Stimmung im Team, die Bereitschaft der besten deutschen Spieler, sich für das deutsche Tennis ohne Wenn und Aber zur Verfügung zu stellen. Und mit dieser Bereitschaft hat das Team noch viele Jahre vor sich, um auf höchstem Niveau das deutsche Tennis zu neuen Erfolgen zu bringen. Bei den Damen waren es umgekehrte Vorzeichen. In Hawaii war es aufgrund der Turnierbestimmungen für Angie Kerber praktisch unmöglich, an dem Match teilzunehmen, da hat die ITF mit ihren Entscheidungen, das Spiel auf einem nicht konformen Platz und an einem unsinnigen Standort zu genehmigen, dem Fed Cup schweren Schaden zugefügt. Nun gilt es, das Relegationsspiel gegen die Ukraine in der Stuttgarter Porsche-Arena zu gewinnen - und so die Voraussetzung zu schaffen, im nächsten Jahr wieder neu angreifen zu können.

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