Djokovic gegen die ATP - Federer, Nadal, Melzer schlagen zurück

Mit ihrem Vorstoß zur Gründung einer neuen Spielergewerkschaft haben Novak Djokovic, Vasek Pospisil und John Isner die Tenniswelt in Aufruhr versetzt. Innerhalb der Tennisszene herrscht Unsicherheit. Und Unverständnis.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 30.08.2020, 08:15 Uhr

Novak Djokovic möchte neue Wege beschreiten
Novak Djokovic möchte neue Wege beschreiten

Innerhalb der vier großen US-amerikanischen Profi-Sportligen gilt die Gewerkschaft der Baseball-Spieler als die mächtigste. Wann auch immer es zu Verhandlungen über einen neuen Kollektivvertrag kommt, lässt die Major League Baseball Players Association (MLBPA) ihre Muskeln spielen. Das Kräftemessen mit den Team-Besitzern kann dann schon mal in einem Streik münden - so wie im Jahr 1994, als die Saison Mitte September einfach abgebrochen wurde.

Verglichen mit dem Einfluss, den die professionellen Tennisspieler innerhalb der ATP genießen, stehen die Vertreter der MLBPA aber wie ein paar aufmüpfige Lausbuben da. Jede Entscheidung, die innerhalb der ATP getroffen wird, wird vom Spielerrat abgesegnet. Und dieser ist traditionsgemäß sehr prominent besetzt: Bis vor wenigen Tagen stand mit Novak Djokovic die Nummer eins der Welt an der Spitze des Players Councils.

Djokovic wollte Gimelstob in Stellung bringen

Wie mächtig Djokovic auf dieser Position war, zeigte sich vor gar nicht allzu langer Zeit in der Frage um die Vertragsverlängerung von ATP-Chef Chris Kermode. Die wussten die Spieler zu verhindern, federführend in der Ablehnung soll dabei Djokovic gewesen sein. Dessen Wunschkandidat für die Nachfolge, Justin Gimelstob, leistete sich im privaten Umfeld allerdings einen so folgenschweren Aussetzer, dass der US-Amerikaner als ATP-Chef nicht mehr vermittelbar war.

Also fiel die Wahl auf Ex-Profi Andrea Gaudenzi, dem das Schicksal in Form der Corona-Pandemie gleich einmal eine nie zuvor dagewesene Aufgabe in den Schoß legte. Dass Gaudenzi dabei nicht zwingend eine gute Figur abgab, steht wohl außer Frage: Zum einen, weil sich der Italiener nicht dazu durchringen konnte, auf Teile seines Gehalts zu verzichten, während viele der Protagonisten auf der ATP-Tour um ihre finanzielle Existenz kämpften. Auch in Sachen Kommunikation lief vieles in die falsche Richtung, Jan-Lennard Struff und Karen Khachanov hatten das etwa beim Schaukampf-Turnier „Thiem´s 7“ im Juli in Kitzbühel angemerkt.

Melzer bleibt im Spielerrat

Nun aber hat Novak Djokovic der ATP den Fehdehandschuh wieder entgegen geschleudert, gefolgt von Vasek Pospisil und John Isner. Auch Milos Raonic bekundete seine Intention, der Professional Tennis Players Association (PTPA) beizutreten (übrigens auch mit der Begründung, dass die höchsten Vertreter der ATP nicht auf Gehalt verzichtet hätten). Wie viele Spieler aus den Top 100 tatsächlich diesen Schritt gehen werden, darüber kann im Moment nur spekuliert werden. Zumal die Absichten der PTPA für einige Spieler noch im Dunkeln liegen.

Jürgen Melzer, Mitglied des ATP-Spielerrats, weiß auch nicht viel mehr. Der Routinier hat aber wenig Verständnis dafür, dass ausgerechnet in dieser für den Tennissport so schwierigen Zeit nicht alle zusammenstünden. "Und ich finde es schade, dass Andrea Gaudenzi nicht die Zeit gegeben wird, seine Anfang 2020 formulierten Visionen umzusetzen", so Melzer gegenüber tennisnet. Er jedenfalls sei nach wie vor Mitglied des Players Councils - und werde dies auch bleiben.

Rafael Nadal stößt ins selbe Horn wie Melzer: Gerade jetzt sei Einigkeit angesagt. Daniel Evans ließ aus der Blase in New York ausrichten, dass er mit der Arbeit der ATP sehr zufrieden sei. Und der neuen Gewerkschaft nicht beitreten werde.

Da durfte eine Wortmeldung von Roger Federer, der so wie Nadal nicht in der Bubble in New York ist, nicht fehlen.

Am Samstagabend gingen Melzer, Nadal, Federer, Kevin Anderson, Bruno Soares und Sam Querrey als verbliebene Mitglieder des ATP Player Councils dann endgültig in die Offensive - und stellten in einer Aussendung Fragen, die alle Spieler betreffen: etwa die Auswirkungen hinsichtlich der Spieler-Pensionen, die detaillierten wirtschaftlichen Aussichten anhand eines Business Plans, die immer noch große Abhängigkeit von der Organisation der Turniere durch die ATP, und vieles mehr.

ATP und ITF sind alarmiert

Wenige Stunden später allerdings versammelten Djokovic und Vasek Pospisil die interessierten Spieler um sich, verkündeten die erfolgreiche Gründung der PTPA via Twitter. Der Zuspruch scheint gut zu sein, wenn auch nicht durchgehend.

Die großen Player sind jedenfalls alarmiert: Sowohl die ATP als auch das Turnier in Wimbledon ließen am Samstag eiligst Statements verbreiten, in denen sie wie Federer, Nadal und Melzer unterstrichen, dass in Krisenzeiten die Einigkeit im Tenniszirkus das wichtigste Gut sei.

Fakt ist jedenfalls: Nie war die Uneinigkeit größer. Herwig Straka, Turnierdirektor der Erste Bank Open in Wien und Mitglied des ATP Boards, hofft dennoch noch auf eine gütliche Lösung. Die Aufgabe der privilegierten Position, die die Spieler in der ATP genießen, zugunsten einer Organisation, die in die wichtigen Entscheidungen auf der Tour nicht mehr eingebunden ist, würde er nicht verstehen, so Straka gegenüber tennisnet.

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