Dominik Koepfer im Interview: "War das Turnier, das mir die letzten drei Jahre ermöglicht hat“

Dominik Koepfer spricht im exklusiven Interview mit tennisnet.com über aktuelle Verletzungssorgen, zwei große Matches seiner bisherigen Laufbahn und erklärt, wieso der Weg über das Collegetennis vielen Spielern nicht schaden würde.

von Michael Rothschädl
zuletzt bearbeitet: 14.04.2022, 09:12 Uhr

Dominik Koepfer im großen Interview mit tennisnet.com
Dominik Koepfer im großen Interview mit tennisnet.com

Herr Koepfer, Sie haben im Kalenderjahr 2022 erst vier Turniere bestritten. Was ist der Grund dafür?

Ich habe im Oktober letzten Jahres angefangen, Probleme in meinem Oberarm zu bekommen. Ich habe dann weitergespielt, die Diagnose war, dass ich mir den Arm ein bisschen gezerrt habe. Dann habe ich Paris gespielt mit relativ starken Schmerzen - dann ging’s wirklich nicht mehr, vor allem beim Aufschlag. Danach kam der Davis Cup noch, was auch nicht ideal war vom Zeitpunkt her. Ich habe eine Kernspin (Anm. Kernspintomographie) gemacht nach dem Davis Cup mit der Diagnose: Stressfraktur im Oberarm. Daraufhin habe ich fünf Wochen wirklich nicht aufgeschlagen, zwei Wochen gar nichts gemacht. Dann kam Australien: Zwei Tage vor dem Turnier habe ich eigentlich das erste Mal wieder aufgeschlagen. Im ersten Match war es eigentlich ganz okay, im zweiten Match kam der Schmerz dann aber wieder. Dann habe ich in Australien erneut ein MRT gemacht, wieder mit derselben Diagnose, das dauert einfach ewig. Danach kam das Gleiche wieder in Indian Wells und Miami, ich habe dort wieder das genaue gleiche Problem gehabt. Und jetzt geht das einfach nicht mehr so weiter und es wird dann auch schwer, zwei, drei Matches hintereinander zu spielen mit solchen Schmerzen. Deswegen habe ich jetzt wieder eine Pause machen müssen, damit ich hoffentlich bis zum Ende der Sandplatzsaison wieder zurück sein kann.

Gibt es irgendeine Behandlung für diese Verletzung? Oder ist es die Zeit, die da die Heilung bringt?

Da gibt es leider nicht so viel. Es ist die Zeit, die die Heilung bringt. Natürlich viel Physiotherapie und das alles drumherum: Muskel, Sehnen, alles lockern, viel Kräftigen, sonst gibt es da wirklich keine Heilungsmethode, was wirklich blöd ist. Ich weiß, es wird besser, aber es dauert einfach seine Zeit und es braucht Geduld, was natürlich sehr nervig ist. Vor allem jetzt, wo so viele Turniere in Europa sind. Aber man kann eben nichts machen.

Jetzt geht es einfach nicht  mehr so weiter und es wird dann schwer, zwei, drei Matches hintereinander zu spielen. 

Dominik Koepfer über seine derzeitige Armverletzung. 

Gibt es bereits einen geplanten Ort der Rückkehr?

Im Moment ist geplant, dass ich Genf und Paris spiele, eventuell die Woche davor noch ein Turnier, entweder Rom oder ein Challenger. Je nachdem, wann ich jetzt wieder einsteige mit dem Tennis. Ich habe ja jetzt seit dem Match in Miami nicht mehr gespielt. Ich hoffe, dass ich in zehn Tagen wieder leicht anfangen kann, zu trainieren. Und dann – Mal sehen, wie es läuft – wird entschieden. Aber Genf und Paris ist eigentlich das Ziel.

Im Vorjahr bei den French Open hat es für Sie ja durchaus ein Highlight gegeben: das Match gegen Roger Federer. Ein epischer Fight, in vier Sätzen haben Sie damals knapp den Kürzeren gezogen. Wie waren die Gefühle nach dem Match für Sie?

Es ist natürlich bitter, wenn man gegen Roger spielt, dann will man auch gewinnen. Es war wohl eine der letzten Chancen, ihn zu schlagen, denke ich. Er ist langsam auf dem Weg in die Rente. Natürlich war es ein großes Erlebnis. Es war ein bisschen schade, dass es nicht vor Zuschauern war. Das war damals in der Nightsession und in Paris war eine Ausgangssperre, man durfte nicht raus ab 21:00 Uhr. Es war auf jeden Fall ein Riesenerlebnis, gegen ihn zu spielen. Gleichzeitig war es auch bitter: Ich denke, dass ich meine Chancen hatte. Aber wahrscheinlich habe ich am Schluss dann deshalb verloren, weil es eben Roger Federer ist und ich ein bisschen Nerven gezeigt habe – in den entscheidenden Momenten, in den Tiebreaks.

Sie selbst sind über das Collegetennis großgeworden, was ja nicht der üblichste Weg ist – vor allem in Europa. Im Vorjahr haben Sie auch gegenüber Spox.de gemeint, dass dieser Weg in Deutschland noch nicht besonders anerkannt ist. Wieso – denken Sie – ist das der Fall?

Ich denke, das Schulsystem in Deutschland ist einfach anders. Hier in den USA ist es so: Jeder, der einigermaßen Tennis spielen kann, hat das Ziel, Collegetennis zu spielen. Zumindest für zwei, drei Jahre oder aber auch die volle Zeit, für vier Jahre, und dann den Bachelor zu bekommen. Ich denke, in Europa sagen viele Trainer und viele Verbände den Junioren zu früh, dass sie unglaublich sind. Dann spielen sie auf der Future-Tour und – das sieht man ja –  gibt es viele, die für einige Jahre – vielleicht sogar für immer - auf der Future-Tour hängen bleiben und nie wirklich den Durchbruch schaffen in die Top 100 oder in die Top 150. Ich denke, das College hat mir auf jeden Fall geholfen, das Future-Level zu überspringen. Natürlich habe ich Futures gespielt, aber ich habe es relativ schnell geschafft, aus diesen Futures rauszukommen, was natürlich wichtig ist – vor allem finanziell -, um ein bisschen mehr Freiheit zu haben und dann größere Turniere spielen zu können. Ich denke, in Deutschland gibt es einige, die jetzt aufs College gehen, es setzt sich immer mehr durch. Aber ich denke auch, dass noch viele dabei sind, denen es nicht schaden würde, zwei, drei Jahre aufs College zu gehen. Sieht man ja, Cameron Norrie, John Isner, Kevin Anderson, Marcos Giron: Da sind viele dabei, die es dann relativ schnell in die Top 100 geschafft haben. Und es ist nicht nur tennismäßig, denn das Tour-Leben allgemein ist relativ einsam und wenn du als 18-, 19-Jähriger in Kasachstan oder Ägypten rumtingelst und dann erste Runde Futures-Qualifikation verlierst, dann verlierst du natürlich auch die Lust am Tennis. Ich denke auch, dass die Trainingsbedingungen, die Coaches oftmals nicht ganz so professionell sind, weil auch einfach das Geld teilweise fehlt. Deswegen – denke ich – ist das College auf jeden Fall eine gute Option. Außer vielleicht du heißt Carlos Alcaraz, Alexander Zverev, die dann mit 16, 17 schon unglaublich sind.

Denken Sie, dass das College-Tennis auch ein bisschen einen Einfluss darauf gehabt hat, welcher Tennisspieler Sie heute sind, wie Sie am Platz agieren?

Auf jeden Fall. Die Emotionen sind natürlich immer noch da, langsam habe ich sie ein bisschen besser unter Kontrolle. Aber am Anfang, als ich aus dem College raus bin, hatte ich Probleme, da war ich sehr negativ zu mir selbst. Ich denke, im College wird oft drauf gepusht, auch von den Trainern, dass die Teams einfach sehr laut sind, sehr viel rumschreien und ihre Teammates unterstützen. Das hat mir am Anfang ein bisschen gefehlt, deswegen bin ich auch etwas emotionaler am Platz – teilweise in beide Richtungen. Mittlerweile ist es ein wenig besser geworden, ist es mehr positiv als negativ, dass ich mich nicht mehr so über mich selbst ärgere. Aber nicht nur das Tennis, sondern auch die Teamumgebung, in der wir da trainiert haben, hat mir auf jeden Fall geholfen, zu lernen, wie man sich im Training pusht und das Beste aus sich rausholt.

Für die mentale Komponente: Hat es da eine Zusammenarbeit mit einem Psychologen, mit einem Mentalcoach gegeben?

Ja, seit zwei Jahren arbeite ich mit einem zusammen. Wöchentlich telefoniere ich mit ihm, facetime, manchmal kommt er auch vorbei, um über ein paar Dinge zu reden, um ein paar Methoden anzuwenden – auch während den Matches, während den Trainings. Meditieren zum Beispiel, was heutzutage wohl jeder Tennisspieler innerhalb der Top 100 macht. Einige Sachen helfen mir auf jeden Fall und haben über die letzten paar Monate und Jahre relativ zügig dazu geführt, dass mein Tennis besser wird.

Sie haben es bereits angesprochen, Sie haben in den USA studiert, heute leben Sie in Tampa, Florida. Hat sich in dieser Zeit Ihr Blick auf das Wort "Zuhause", das Wort "Heimat" ein bisschen verändert in den vergangenen Jahren?

Als ich ins College gekommen bin, habe ich nicht gedacht, dass ich ewig in den USA bleibe. Ich habe gedacht, dass ich das College mache und dann wieder zurück nach Europa gehe. Aber dann habe ich mich dazu entschieden, es auf der Tour zu versuchen. Ich habe es dann relativ schnell auf das Challenger-Level geschafft und dann waren die Coaches, mit denen ich direkt nach dem College angefangen habe, aus den USA, deswegen war es naheliegend, dass ich hierbleibe. Meine Familie lebt noch im Schwarzwald, deswegen würde ich sagen, dass ich zwei Zuhause habe. Mich zieht´s zwar nicht mehr so oft nach Hause, außer wenn ich meine Familie sehen will, weil ich jetzt schon relativ lange weg bin und nicht mehr so viele Leute kenne. Aber mir gefällt es sowohl in den USA als auch in Deutschland und in Europa. Im Moment ist Tampa mein Zuhause, solange ich Tennis spiele, wird es so bleiben, aber danach: Mal sehen.

Ein Spiel, bei dem Sie sicher die Emotionen von den Rängen gehabt haben, die Sie vielleicht gegen Roger in Paris vermisst haben, war 2019 gegen Daniil Medvedev bei den US Open. Wie sind da Ihre Erinnerungen fast mit drei Jahren Abstand?

Das war natürlich das Turnier, wo eigentlich mein Durchbruch war, da bin ich das erste Mal in den Top 100 gekommen. Jetzt zurückblickend auf die vierte Runde kann ich sagen, dass ich durchaus gute Chancen hatte, gegen ihn zu gewinnen. Denn er war wirklich ziemlich kaputt Mitte des zweiten Satzes, dann hat er es aber geschafft, mich zurückzubreaken. Das ist natürlich bitter, sonst hätte ich es geschafft, ins Viertelfinale zu kommen und gegen Stan Wawrinka zu spielen. Die US Open waren natürlich das Turnier, das mir die letzten drei Jahre ermöglicht hat, mir ermöglicht hat, bei den großen Turnieren mitzuspielen und jetzt in den Top 100 zu sein. Das war auch erst mein zweiter Grand Slam, davor habe ich noch die Wimbledon-Qualifikation gespielt. Zweites Hauptfeld und dann gleich in die vierte Runde zu kommen aus der Qualifikation raus: Das war natürlich unglaublich. Ich habe nur gute Erinnerungen an New York, die letzten Jahre lief es nicht ganz so: Einmal ohne Fans, letztes Jahr war es wieder gegen Medvedvev auf dem Center Court. Insgesamt sind es aber auf jeden Fall gute Erinnerungen und das Match war auf jeden Fall ein Highlight meiner bisherigen Karriere.

Vom Weg in die Top 100 hat es Sie jetzt in die Top 70 geführt, wo Sie sich nachhaltig festgesetzt haben. Ihr Personal Best liegt bei Platz 50. Wenn Sie wieder fit sind, was – glauben Sie – braucht es, damit Sie den Sprung weiter nach vorne in der Weltrangliste – auf Platz 40, Platz 30 – zu schaffen?

Die Konstanz hat – denke ich – gefehlt in den letzten zwei Jahren. Ich habe immer wieder gegen die guten, gegen die Top-20-Spieler, gut Tennis gespielt, habe auch mental alles zusammen gehabt. Dann, gegen die schlechter gerankten Spieler, die dann um die 80, 100 stehen, hatte ich immer wieder Probleme, den vollen Fokus zu haben. Aber ich denke, dass ich mich jetzt Anfang des Jahres ganz gut gefühlt habe, jetzt in Indian Wells, in Miami habe ich auch ganz gut gespielt. In Indian Wells gegen Andrey Rublev knapp verloren, da hatte ich meine Chancen. Ich hatte zuletzt ein bisschen Fitnessprobleme, weil ich dann eben nicht trainieren konnte. Es ist dann natürlich ganz schwer, das im Gym zu Imitieren. Am Laufband, bei 400-Meter-Sprints, das ist natürlich etwas ganz Anderes, als auf dem Tennisplatz Seite an Seite zu rennen. Wenn ich dann fit bin, dann ist es auf jeden Fall mein Ziel, wieder an die Top 50 ranzukommen. Ich werde jetzt ein paar Punkte verlieren, aber ich denke, dass ich jetzt auf jeden Fall besser bin, als ich es noch vor drei Jahren war, deswegen mache ich mir da keine großen Sorgen, dass ich es da wieder zurückschaffe. Auch, wenn es da wieder durch zwei, drei Qualifikationen durchgeht, weil das Ranking hakt. Das Ziel war es, Ende des Jahres an die Top 30 ranzukommen, das ist jetzt natürlich ein bisschen ein Rückschlag mit der Verletzung, aber – ich denke – es ist auf jeden Fall realistisch, wenn ich meinen Kopf zusammenhabe und körperlich gesund bin.

Jetzt stehen ganz sicher die Ziele auf dem Tennisplatz im Fokus, aber Sie haben mit Ihrem Studium natürlich einen guten Grundstein für die Karriere danach gelegt. Gibt es da bereits ein paar Gedanken oder ist das derzeit für Sie überhaupt kein Thema?

Im Moment nicht mehr. Am Anfang war es das natürlich schon, als ich Futures, als ich Challengers gespielt habe und nicht wusste, wie weit es nach oben geht. Aber jetzt ist auf jeden Fall der Fokus auf das Tennis gerichtet und dass ich schnell wieder gesund werde. Ich bin 27, habe noch einige Jahre vor mir, wenn alles gut läuft. Ich bin nicht ganz alt, aber auch nicht ganz jung, deswegen ist für die nächsten fünf, sechs Jahre der Fokus natürlich ganz klar aufs Tennis gelegt. Was danach kommt, das wird sich ergeben. Ich habe jetzt natürlich keinen großen Druck, habe einen Abschluss. Durch die Kontakte, die ich hier in den USA gemacht habe durch das College, mit denen ich weiterhin in engem Kontakt stehe, mache ich mir da keine wirklichen Gedanken.

Zum Abschluss möchte ich noch kurz auf den Davis Cup zu sprechen kommen. Mit der Teilnahme von Alexander Zverev haben Sie die Finalrunde klar machen können, aber natürlich ist dadurch der Konkurrenzkampf im Team nicht kleiner geworden. Wie ist das aus Ihrer Sicht?

Das ist natürlich gut. Jetzt, mit Oskar Otte, Daniel Altmaier, Jan-Lennard Struff, Alexander Zverev – bei dem man ja nie wirklich weiß, spielt er, spielt er nicht, jetzt in Brasilien hat es sich so ergeben, dass er spielt –, ist es natürlich ein Ziel, den Davis Cup zu gewinnen. Ich denke, es wäre für uns alle gut, für uns deutsche Spieler, wenn der Tennissport in Deutschland wieder an Popularität gewinnt. Wenn er jetzt in Hamburg stattfindet, ist das natürlich sehr gut für das deutsche Tennis und für uns. Zum Konkurrenzkampf: Ich meine, es wird wahrscheinlich nach dem Ranking entschieden, und ich denke, der, der dann spielt, der hat es sich verdient. Ich war jetzt zweimal dabei, zwei Jahre hintereinander. Letztes Jahr im Halbfinale war es schon ein unglaubliches Ergebnis. Das ganze Dinge dann zu gewinnen, das wäre natürlich ein Höhepunkt. Man muss aber sehen, ob Sascha dann wirklich wieder spielen wird – in Hamburg wird er wahrscheinlich spielen, das war ja einer der Gründe, wieso es in Hamburg ist. Dann gibt es ja noch eine Finalrunde, glaube ich. Aber es ist auf jeden Fall ein Ziel und es ist wahrscheinlich die beste Woche im Jahr, im Davis Cup mitzuspielen, weil es da schon eine Teamatmosphäre gibt, wie es im College der Fall war. Weil Tennis ansonsten ja schon etwas einsam ist.

Vielen Dank für das Gespräch!  

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