Ein Grand-Slam-Boykott für mehr Preisgeld? Es sind Zweifel angebracht …
Würden die Tennisprofis in ihrem Kampf um mehr Preisgeld tatsächlich ein oder mehrere Grand-Slam-Turniere boykottieren? Einige vielleicht. Aber sicherlich nicht alle.
von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet:
03.06.2026, 10:54 Uhr

Im Herbst 1994 war zwischen der mächtigen Spielgewerkschaft der Major League Baseball und den Teambesitzern das Handtuch endgültig zerschnitten. Die Spieler traten in einen Streik, die Saison wurde vorzeitig beendet. Leidtragende dabei: in erster Linie die Fans. Und ein bisschen auch die Montreal Expos, die schon bald danach Kanada verließen, aber in jener Saison die besten Chancen in der Geschichte ihrer Franchise hatten, einen Titel zu gewinnen.
Die Versuche mancher Besitzer, den Spielbetrieb mit Profis aus der zweiten Reihe wieder aufzunehmen, scheiterten. Gestreikt wurde ziemlich lange, noch länger dauerte es, bis die Zuschauer und Zuschauerinnen wieder Vertrauen in den Sport gewonnen haben.
In ihren Bestrebungen, das Preisgeld bei den Majors anzuheben, haben in den letzten Wochen einige Spieler den Vergleich mit den großen US-amerikanischen Profiligen gezogen. Dort sei der Umsatz ja zwischen Teams und Spielern hälftig aufgeteilt, das muss auch im Tennis möglich sein. Ein Vergleich bzw. eine Forderung, die hinkt: Denn alle Tennisprofis sind Einzelunternehmer. Und alle Spieler in der NBA, MLB, NFL oder der NHL sind Angestellte einer Franchise. Denen es übrigens passieren kann, dass sie es sich gerade bei den Los Angeles Clippers in Südkalifornien gemütlich eingerichtet habe, und die dann eines Mittags den Anruf ihres General Managers bekommen, dass sie übrigens ab morgen bei den Atlanta Hawks spielen werden. Andererseits sind die US-Profis eben in mächtigen Spielergewerkschaften organisiert. Wenn gestreikt wird, dann von allen.
Würde es auch im Tennis funktionieren, dass alle 128 für ein Hauptfeld bei einem Grand-Slam-Turnier qualifizierten Spieler und Spielerinnen sagen: nein, diesmal nicht? Niemals. Die Frage ist lediglich, wo genau die Bruchlinie zu denjenigen ist, die in der Absage der besten Kollegen eine Chance für sich selbst sehen, Ehre und Preisgeld in bislang unerreichter Höhe einzuheimsen. Ist das schon die Nummer neun der Welt, die Nummer 23 oder erst die Nummer 45?
Wimbledonsieger bleibt man immer, das gilt auch für Jan Kodes, den Champion an der Londoner Church Road von 1973. Damals hatten 13 der 16 besten Spieler der Welt auf eine Teilnahme verzichtet, weil die ITF Niki Pilic ausgeschlossen hatte. Cilic hatte sich angeblich geweigert, für Jugoslawien im Davis Cup gegen Neuseeland anzutreten.
Es ist also nicht ums Geld gegangen so wie anno 2026. Wo ja gerne von „Respekt“ gesprochen wird. Aber natürlich wäre es ein interessanter Fall für die Spieltheorie (im wissenschaftlichen Sinne), wenn Aryna Sabalenka auf ein Antreten in Wimbledon verzichtet, weil dort das Preisgeld für einen Sieg in der ersten Runde nicht auf über 150.000.- Pfund erhöht wurde. Nur wird das natürlich nicht passieren, weil die Weltranglisten-Erste ja auch weiß, dass die stärkste Solidarität Grenzen hat, wenn es um Prestige und viel Kohle geht.
