"Ich bekenne mich als Federer-Fan"

2016 hat mit dem Triumph in Halle den größten Karriere-Erfolg von Florian Mayer gebracht. Kein Wunder, dass der gebürtige Bayreuther den Start der kommenden Saison kaum erwarten kann. Deutschlands Nummer 3 im großen Interview über das große Kribbeln, die Hoffnung auf den Tie-Break im Fünften und das Potenzial des jüngsten deutschen Turniersiegers seit Boris Becker.

von Interview: Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 20.12.2016, 14:00 Uhr

Florian Mayer nach seinem größten Karrieretriumph, dem Sieg bei den Gerry Weber Open 2016

tennisnet.com: Herr Mayer. Genießen Sie jetzt hier in Oberhaching noch die Ruhe in der Vorbereitung oder brennen Sie schon so richtig auf die kommende Saison?

Florian Mayer: Ich muss sagen, dass es in diesem Jahr ganz speziell für mich ist. Nach dem tollen Comeback 2016 freue ich mich, dass ich endlich wieder von Anfang an dabei sein kann. Ich war jetzt seit drei Jahren nicht mehr in Australien. Dass ich diese Reise noch einmal antreten darf, das ist richtig toll für mich in meinem Alter. Zumal ich jetzt schon seit zwei Wochen eine richtige gute Vorbereitung durchmache. Mein Körper hält super, es gibt keine Wehwehchen. So kann es weitergehen.

tennisnet.com: Vor drei Jahren war der Trip nach Doha und Asien sehr erfolgreich. Sie haben in Doha Andy Murray geschlagen, in Melbourne die vierte Runde erreicht. Beste Erinnerungen also...

Mayer: Die Reise damals war unglaublich. Ich habe super gespielt. Leider habe ich mich einen Monat später verletzt, eben diese Schambeinentzündung. Damals war die Ausgangsposition super, aber es ist dann dumm gelaufen. Aber klar: Ich habe gute Erinnerungen, in Melbourne auch immer gut gespielt. Ein paar Mal dritte Runde, einmal Achtelfinale. Als Ungesetzter braucht man natürlich immer auch Losglück, aber ich weiß, was ich kann, und ich denke, dass ich für viele Spieler auch ein unangenehmer Gegner bin.

tennisnet.com: Das Losglück war Ihnen im Herbst bei den großen Asien-Turnieren mit Milos Raonic in Peking und Jo-Wilfried Tsonga in Shanghai nicht hold. Wie schwierig ist es auf der anderen Seite für Sie, dass Sie dann auch immer wieder eine Ebene tiefer gehen, sich auf Challenger-Turnieren messen?

Mayer: Überhaupt nicht schwierig. Ich habe mich immer schon auf kleineren Turnieren wohl gefühlt. Da gibt es keinen Trubel. Da hab ich mir schon immer gesagt: das tut mir gut, dort zu gewinnen, Selbstvertrauen zu sammeln für die großen Turniere. Und das hat über meine ganze Karriere eigentlich immer gut geklappt.

tennisnet.com: Sie sind seit 2004 Profi auf der ATP-Tour. Im Großen und Ganzen hat sich das Regelwerk in diesem Zeitraum kaum verändert. Wo würden denn Sie den Hebel ansetzen?

Mayer: Schwer zu sagen. Eine Regel sollte aber auf jeden Fall abgeschafft werden, nämlich dass der fünfte Satz ausgespielt wird. Im fünften Satz sollte es ein Tie-Break geben, bei jedem Grand-Slam-Turnier. Es ist einfach Wahnsinn, bis etwa 20:18 zu spielen. Da hat man dann die nächste Runde fast automatisch verloren. Das sollte tatsächlich geändert werden.

tennisnet.com: Wie sieht es mit der "No-Ad-Rule" aus, oder dem Champions Tie-Break anstelle des dritten Satzes?

Mayer: Auf keinen Fall. Da sollte alles so bleiben, wie es ist. Klar, bei den Grand Slams spielen wir über Best of Five, da wäre es für mich vielleicht besser, wenn es nicht so wäre. Für die Spannung ist dieses Format natürlich toll, aber man hockt halt auch vier, fünf Stunden vor dem Fernseher. Ich weiß nicht, ob das bis in alle Ewigkeit so sein wird, aber im Moment würde mir der Tie-Break im fünften Satz schon als Verbesserung reichen.

tennisnet.com: Der Davis Cup hat diesen Schritt schon gesetzt. Und möchte noch ein wenig weiter gehen, etwa mit einem Finalturnier an einem neutralen Wort. Wie viel können Sie dem abgewinnen?

Mayer: Der Heimvorteil hat ganz klar etwas Besonderes, und man sollte den Davis Cup auch wieder aufwerten, aber man darf nicht vergessen, dass wenn man am Wochenende zweimal Best-of-Five spielt, da ist die Woche danach hinüber. Das hängt einem schon zwei, drei Wochen nach, und das drei- viermal pro Jahr, das ist fast zu viel. Deshalb sollte man den Davis Cup auch wieder aufwerten und Punkte vergeben, das halte ich für ganz wichtig. Vor zwei Jahren konnte man wie bei einem ATP-500-Turnier punkten und so sollte es auch wieder sein. Weil ansonsten ist es nicht fair gegenüber jenen Spielern, die für den Davis Cup zusagen.

tennisnet.com: Die Tage, bevor es im Davis Cup tatsächlich freitags losgeht - sind die eher belastend?

Mayer: Nein, überhaupt nicht. Das ist eigentlich ganz relaxed. Man trifft sich am Montag und als Team versteht man sich super. Aber die Anspannung steigert sich natürlich bis Donnerstag, dann gibt es die Auslosung, man weiß, gegen wen man spielt. Und bis dann hat man vor leeren Rängen trainiert, und am Freitag ist auf einmal viel los. Und das strengt total an.

tennisnet.com: Wie haben Sie Ihre Rolle als routiniertester Spieler beim Davis Cup in Berlin gegen Polen wahrgenommen?

Mayer: Ich habe mich da schon unter Druck gesetzt, weil ich wusste, das wird mein letztes Davis-Cup-Match, wollte besonders gut spielen - und es ging einfach nicht gut. Ich habe mit Abstand meine schlechtesten Davis-Cup-Matches gespielt, zum Glück habe ich wenigstens ein Einzel gewonnen und das Team hat insgesamt gewonnen, es ist also alles gut gegangen.

tennisnet.com: Die Atmosphäre beim TC Rot-Weiss Berlin hat Ihnen wie gefallen?

Mayer: Das war für ein Relegations-Match absolut in Ordnung. Das Stadion war mindestens halbvoll, und die Stimmung war auch gut, ganz klar.

tennisnet.com: Es werden in letzter Zeit auch neue Formate versucht, in Wien gab es etwa das "TieBreakTens"-Turnier. Können Sie sich dafür erwärmen?

Mayer: Schwierig. Der Erste bekommt 250.000 US Dollar, ab dem Zweiten gibt es nichts. Da bin ich jetzt kein Fan davon. Als Exhibition ist das Format aber durchaus unterhaltsam.

tennisnet.com: Das absolute Highlight Ihres abgelaufenen Jahres war sicherlich der Triumph in Halle. Wie stark ist die Erinnerung noch an Ihren größten Karriere-Erfolg?

Mayer: Ich war in Halle richtig "in the zone". Das kann man auch nicht so oft im Jahr schaffen, so fokussiert, so konzentriert zu spielen. Das kostet unheimlich viel Kraft. Aber ich habe es gespürt bei dem Turnier, dass irgendwie alles zusammenläuft. Dass Federer im Halbfinale verliert gegen Zverev, dass Thiem irgendwie müde war, habe ich gewusst. Und ich wusste auch, so eine Chance bekomme ich vielleicht nie wieder, so viele Punkte zu machen und Dich wieder in die 100 reinzuspielen. Ich wollte kämpfen wie ein Löwe, wenn´s klappt, dann klappt´s, und wenn nicht, dann eben nicht, aber nutze diese Chance. Und das hat dann auch funktioniert.

tennisnet.com: Nach dem zweiten Satz in jenem Finale gegen Alexander Zverev hatte man den Eindruck, dass Sie körperlich an die Reserven gehen mussten. Inwieweit hilft in solchen Momenten die Routine?

Mayer: Klar war es in diesem Moment echt bitter, weil ich wusste, so eine Chance kommt wahrscheinlich eh nie wieder. Klar war ich müde, Rasen strengt die Gelenke auch unwahrscheinlich an, wenn man lange Ballwechsel spielt, am Schluss war es dann aber umso schöner.

tennisnet.com: Tobias Summerer ist seit Jahren an Ihrer Seite. Warum funktioniert das Team Mayer/Summerer so gut?

Mayer: Wir kennen uns einfach schon so lange, er hat früher ja auch selbst gespielt, und es passt einfach menschlich zwischen uns. Wie er Tennis denkt, wie ich Tennis denke, das passt einfach.

tennisnet.com: Muss sich der Gegner auf Florian Mayer einstellen oder läuft das umgekehrt?

Mayer: Gerade in Matches wie gegen Dominic Thiem in Halle will ich dann schon mein Spiel spielen, sehr variabel, öfter ans Netz, viel Slice. Klar weiß ich auch, dass, wenn ich Dominic schlage, eher auf Rasen als in Paris in einem Best-of-Five-Match. Er kannte mich nur vom TV, hat zwar Tipps bekommen von seinem Trainer, aber er hat noch nie gegen mich gespielt. Und den Vorteil habe ich jetzt in meinem Alter, mit meiner Erfahrung, wenn ich gegen junge Spieler spiele, die mich noch nicht so kennen, dass ich die mit meinem variablen Spiel immer noch gut ärgern kann.

tennisnet.com: Alexander Zverev ist jünger als Thiem, hat heuer sein erstes ATP-Turnier gewonnen. Sehen Sie für ihn Limits?

Mayer: Nein. Ich sehe keine Limits. Wenn die Top Vier in den nächsten Jahren altersbedingt aufhören werden, dann sehe ich ihn sehr weit oben. Auch schon sehr bald.

tennisnet.com: Vielleicht im nächsten Jahr schon Top Ten?

Mayer: Nicht völlig unrealistisch, aber da sind die Top Ten wahrscheinlich noch zu stark.

tennisnet.com: Die jungen Spieler sind nicht nur stark, sondern auch frech. Aus Ihrer Sicht mit gutem Grund?

Mayer: Ja, natürlich braucht man das. Ich war in jungen Jahren vielleicht ein bisschen zu nett, zu brav, hab mir zu wenig zugetraut, als ich 20 war. Deshalb bin ich halt vielleicht auch immer 30 bis 50 gestanden, aber ein Typ wie Zverev geht auf den Platz und denkt wirklich, er schlägt jeden Gegner. Das braucht man vielleicht nicht so extrem wie bei ihm, aber in Bisschen davon täte vielen Spielern gut.

tennisnet.com: Durch die sozialen Medien wissen die Fans auf der anderen Seite auch viel mehr von Spielern wie Alexander Zverev oder Nick Kyrgios. Ist das ein Fluch oder Segen?

Mayer: Es gibt einfach Charaktere wie den Kyrgios, der ist halt sehr speziell. Aber so wie früher ist das nicht mehr, als ein McEnroe ausgerastet ist. Es geht alles homogen zu, die meisten Kollegen verstehen sich auch sehr gut. Und man muss auch sehen, wie hoch die Strafen sind, die da ausgesprichen werden, vor allem bei den Grand Slam Turnieren. Wenn man da einmal den Ball rausschießt oder den Schläger wirft, zahlt man sofort 1.500 US Dollar. Und da überlegen es sich einige Spieler ganz genau, lieber ruhig zu sein und sich zu benehmen.

tennisnet.com: Der Eindruck als Beobachter ist: Die Strafen werden zu schnell ausgesprochen.

Mayer: Ich finde: auf jeden Fall. Wenn man als Reflex mal einen Ball raus schießt, wenn man etwas wirklich Harmloses macht, dann aber gleich eine Strafe bekommt, finde ich das übertrieben.

tennisnet.com: Die Turnier-Veranstalter in Deutschland haben es nicht immer gut mit Ihnen gemeint. In diesem Jahr mussten Sie in München und Stuttgart durch die Qualifikation, haben keine Wild Card bekommen. Fehlt Ihnen da der Respekt Ihnen gegenüber?

Mayer: Ich war natürlich enttäuscht, aber das kann ich jetzt nicht mehr ändern. Ich habe es allen gezeigt, dass ich wieder vorne bin, und werde bei den deutschen Turnieren hoffentlich keine Wild Card mehr brauchen. In München war es in Ordnung, dass ich Quali gespielt habe, das wollte ich auch selber, weil es erst mein zweites Turnier war. Stuttgart hat mich schon geärgert. Das war auf Rasen, und am Schluss sind alle deutschen Spieler reingerutscht. Eine Wild Card wurde dann an den Gewinner der Toni Nadal Challenge vergeben, das finde ich dann schon grenzwertig, auch wenn man junge Spieler immer fördern sollte.

tennisnet.com: Gibt es konkrete Ziele für 2017?

Mayer: Es wäre natürlich schön, wenn ich am Ende des Jahres wieder in den Top 50 stehen könnte. ich möchte aber vor allem auf Grand-Slam-Ebene besser spielen. Bei den US Open gegen Zeballos, das war eigentlich eine gute Auslosung, aber da habe ich schlecht gespielt. Solche Matches ärgern mich dann auch.

tennisnet.com: Roger Federer kommt Anfang 2017 auch zurück. Was darf man ihm aus Ihrer Sicht zutrauen?

Mayer: Ich bekenne mich ganz klar als Federer-Fan. Und die Hoffnung, die jeder Fan hat, ist, dass er noch einmal ein Grand Slam Turnier gewinnt, auch wenn es unheimlich schwer werden wird. Ich denke, dass er sich wieder unter die Top 5, Top 6 der Weltrangliste wird spielen können. Vorne Djokovic und Murray, die sind über die Saison zu konstant und zu gut.

tennisnet.com: Sie sprechen Novak Djokovic an: Für uns Beobachter ist es nicht ganz nachvollziehbar, was gerade in seinem Leben passiert. Wie beurteilen Sie die Situation?

Mayer: Ich hatte auch, als ich meine Ziele erreichte hatte, ein paar Motivationsprobleme, vor fünf Jahren etwa. Es ist menschlich, dass man auch andere Dinge im Leben genießen will außer Tennis und Training. Ein wenig kann ich es nachvollziehen, und Djokovic ist immer noch so gut, dass er jetzt Nummer zwei ist. Es ist also nix passiert.

tennisnet.com: Zurück zur Verletzung, die Sie lange außer Gefecht gesetzt hatte: In den Monaten, wo man nicht Tennis spielen kann, fehlt einem der Sport da umso mehr - oder gewinnt man eine gewissen Distanz?

Mayer: Zu Beginn habe ich mich tatsächlich entfernt, weil es das erste Mal in meinem Leben war, dass ich weg war vom Tennis. Und ich habe es auch wirklich genossen, nach zehn Jahren auch wirklich einmal komplett andere Dinge zu tun. Das habe ich gebraucht für Kopf und Seele. Aber nach einem halben Jahr habe ich gemerkt, dass mir das doch fehlt. Diese Anspannung, das Kribbeln.

tennisnet.com: Es kribbelt noch nach so vielen Jahren?

Mayer: Natürlich. Manchmal vielleicht sogar zu sehr, wo ich zu angespannt bin. Aber auch Federer oder Murray sind angespannt, selbst bei einer ersten Runde.

tennisnet.com: Mit 33 Jahren liegen Sie nur knapp über dem Alters-Schnitt der Top 100. Wieso ist es so schwierig für junge Spieler, sich nach oben zu arbeiten?

Mayer: Über die Challenger nach oben zu kommen, ist brutal. Und da reicht es ja auch nicht, nur einen zu gewinnen, das müssen dann vier oder fünf im Jahr sein. Die Leistungsdichte unter den besten Spielern der Welt ist enorm hoch, auch unter den älteren Spielern.

tennisnet.com: Kommt genau Letzteres aus Ihrer Sicht in der Berichterstattung über den Tennissport in Deutschland zu kurz?

Mayer: Finde ich schon. Es wird auf jeden Fall zu wenig und zu oft zu negativ berichtet. In Deutschland ist man so erfolgsverwöhnt. Ich bin jahrelang zwischen 20 und 50 gestanden. Philipp Kohlschreiber noch ein bisschen besser, so zwischen 20 und 30. Aber ich habe nie das Gefühl, dass das gewürdigt wurde. Auch im Damentennis, wenn dann einmal keine Deutsche im Viertelfinale eines Grand Slam Turniers war, wurde gleich wieder von einer Krise gesprochen. Aber es ist so verdammt hart, in diesem Sport in der Weltspitze mitzuspielen. Und das sollte aus meiner Sicht in der Öffentlichkeit mehr honoriert werden.

tennisnet.com: Herr Mayer, wir danken für das Gespräch.

Florian Mayer im Steckbrief

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