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Die French-Open-Misere – Nur noch Schlusslicht in der Grand-Slam-Welt

Stotternde Ausbaupläne, frustrierte Fans: Die French Open haben die Entwicklung im Grand-Slam-Tennis verschlafen.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 31.05.2016, 08:28 Uhr

French Open 2016 Feature Tennis - French Open 2016 - Grand Slam ATP / WTA - Roland Garros - Paris - - France - 22 May 2016.

Für seine keineswegs kleinmütige Vision hatte der ehemalige Nationalspieler der Grande Nation einen interessanten Zeitpunkt gewählt. Denn ausgerechnet in einem Turnierjahr, in dem sich alle Probleme und Krisensymptome der French Open dramatisch bündeln, verkündete der neue Direktor Guy Forget zuletzt, er wolle das Pariser Grand-Slam-Event zu nichts weniger als „dem prestigeträchtigsten Major“ der Welt aufsteigen lassen. Zum Glück nannte Forget, einst auch Davis-Cup-Gewinner für sein Heimatland, keinen konkreten Zeitpunkt für das Ende seiner Überholmission - es könnte gut sein, dass er selbst und die meisten Fans, die sich in diesen regenverhangenen Tagen über die Anlage im Westen der Kapitale schleppen, das nicht mehr zu ihren Lebzeiten bestaunen dürfen.

Reiche und einflussreiche Nachbarschaft

Was einem vor zwei, drei Jahrzehnten wahrscheinlich niemand in der Tennisszene geglaubt oder abgenommen hätte, ist die bittere Realität in Paris: Das einstmals fortschrittlichste, am straffsten organisierte Grand-Slam-Turnier der Welt ist inzwischen das Schlusslicht in der Branche. Die Konkurrenz, die der in den Turbulenzen eines rauen Machtwechsels ins Amt berufene Forget so gern übertrumpfen möchte, ist weit enteilt. So weit, dass die Federation Francaise de Tennis sie besser mit einem Teleskop als mit einem gewöhnlichen Fernstecher taxieren müsste. Eher schon müssen die zurückgefallenen Franzosen befürchten, dass ihnen andere ambitionierte Regionen und Nationen den kostbaren Grand-Slam-Status abluchsen könnten, beispielsweise China oder Golfmetropolen wie Dubai oder Doha. Bevor er von seinen Dienstherren im Frühling in einer unklaren Personalrochade aus seinem Amt gejagt wurde, hatte der frühere French-Open-Boss Gilbert Ysern unmissverständlich vor einem „Ende der Grand-Slam-Tradition“ unterm Eiffelturm gewarnt: „Anderswo wartet man nur auf unser Scheitern.“

Seit Jahren schon verkünden die Grand-Slam-Verantwortlichen ja immer neue, immer spektakulärere Ausbaupläne für das renovierungsbedürftige Roland-Garros-Areal. Doch der Baufortschritt, erst recht die Genehmigungen für die Expansionsvorhaben vollziehen sich im Schleich- und Kriechtempo. Gegen die Avancen der FFT, auch angrenzende Parkanlagen in das Erweiterungsprojekt einzubeziehen, regt sich beharrlicher und einflussreicher Protest von Naturschützern und Anwohnern  – die French-Open-Nachbarschaft, das muss man wissen, ist reich und einflussreich.

Schieben, Drängeln, Ellbogenausfahren

So wetterte der deutsche Trainer, Manager und Spielerberater Dirk Hordorff schon wiederholt über die ewige PR-Offensive der French-Open-Manager und erkannte nur „Absichten, Absichten, Absichten“: „Mir wäre lieber, wenn ich ein neues Stadion sähe.“ Wie bedenklich es um die FFT und die French -Open-Struktur steht, enthüllt auch die dezente Kritik von Impresario Ion Tiriac: Man habe in Paris „ein wenig den Anschluss verpasst“, gab der einstige Manager von Boris Becker zu Protokoll – jener Mann, der einst dem Deutschen Tennis Bund empfohlen hatte, sich Nachhilfeunterricht in moderner sportlicher Unternehmensführung von den Franzosen geben zu lassen. Madrid übrigens, das Masters-Turnier von Tiriac, wäre auch so ein Übernahmekandidat für einen Grand-Slam-Platz. Zu Lasten von Paris.

Inzwischen ist das Fanerlebnis an keinem der bedeutenden Tennis-Schauplätze so schlecht und so frustrierend wie auf dem Gelände nahe des Bois de Boulogne. Im nasskalten Turnierjahr 2016 stehen die Zuschauer mal wieder buchstäblich im Regen – denn auf dem Areal, das nur halb so groß ist wie etwa das in Wimbledon, gibt es keine Ausweich- und bloß wenige Ablenkungsmöglichkeiten. Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen werden zwar von den Tennisbesuchern mit Verständnis hingenommen, angenehm ist das Prozedere aber deshalb keineswegs. Und dann erscheint die Zahl der Zuschauer, die überhaupt eingelassen wird, einfach als viel zu groß für die schwer beengten Verhältnisse. Was für viele bleibt, ist ein einziger Wettkampf des Schiebens, Drängelns und Ellbogenausfahrens, überlange Schlangen bilden sich sowieso überall, vor den Spielplätzen und den Verkaufsständen. Wer einen Blick in die Spielerlounges warf in den letzten Spieljahren, der wurde regelmäßig an einen legendären Ausspruch von Deutschlands Veteran Tommy Haas erinnert. Der, ohnehin kein Freund der French Open, hatte einmal gesagt, man fühle sich hier „wie im Zoo.“

Dach soll erst 2020 kommen

Und damit so ganz anders als in der weiten Tenniswelt, als an den anderen Grand-Slam-Stätten. Die Australian Open sind gemeinsam mit Wimbledon längst zum Maß der Dinge geworden, mit zukunftsweisender Infrastruktur und erstklassigem Service für die Tennis-Afficionados. Selbst die US Open, oft genug in der Vergangenheit durch Schlamperei und Missmanagement als Skandal-Grand-Slam in Erscheinung getreten, rüsten sinnvoll auf – nicht zuletzt mit dem Dach über dem Arthur-Ashe-Stadion, dem größten Tennisstadion der Welt. Ein Regenschirm fehlt jetzt nur noch an einem Ort – Paris. 2020 soll das Dach kommen, hat Forget, der Direktor, versprochen. Doch Worte der FFT-Spitze entpuppten sich zuletzt nur zu oft als Schall und Rauch, als dass man dem Chef diese Zeitangabe einfach so abnehmen würde.

Der Reformstau kommt die French-Open-Leute auch teuer zu stehen.Der komplett ausgefallene zweite Turnier-Montag, ein berüchtigter „Washout“,dürfte zu Millioneneinbußen führen, schließlich müssen alle Ticketbesitzer bei null Spielbetrieb an einem Spieltag voll entschädigt werden. Kein Wunder, dass mancher in der französischen Tennisszene schon bedauert, dass die Grand-Slam-Umzugspläne vor rund einem Jahrzehnt scheiterten – damals waren Areale nahe Disneyland oder Versailles im Gespräch gewesen.

von tennisnet.com

Dienstag
31.05.2016, 08:28 Uhr