Endlich der Karriere-Grand-Slam – Novak Djokovic schreibt endgültig Geschichte

Mit dem Sieg in Roland Garros holt sich der Serbe auch alle vier Grand-Slam-Titel in Folge.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 05.06.2016, 10:56 Uhr

PARIS, FRANCE - JUNE 05: Champion Novak Djokovic of Serbia kisses the trophy following his victory during the Men's Singles final match against Andy Murray of Great Britain on day fifteen of the 2016 French Open at Roland Garros on June 5, 2016 in P...

Von Jörg Allmeroth

Es waren historische French Open, und zwar ganz lange Zeit aus den ganz falschen Gründen. Ein tristes Turnier, verregnet wie keins zuvor in Paris, abgespult unter novembergrauem Himmel. Ein Grand Slam auch, bei dem Roger Federer erstmals seit der Jahrhundertwende keinen Ballwechsel spielte, vor seinem ersten Match absagte - und bei dem der zweite alte Titan, Rafael Nadal , verletzt den Heimflug ins heimatliche Mallorca antrat.

"Ein sehr spezieller, ein überwältigender Moment"

Aber auf den letzten Metern dieses quälenden "Major"-Wettbewerbs setzte der Beste der Welt dann doch noch ein leuchtendes, alles überstrahlendes Ausrufezeichen - in jenem großen und großartigen Moment, da er seine Traumkarriere mit dem lange erwünschten, heiß herbeigesehnten French-Open-Sieg krönte. Als erst achter Spieler der Tennisgeschichte schloss Novak Djokovic auf dem "Roten Hauptplatz" von Roland Garros das Rendezvous mit der Ewigkeit, holte sich mit dem 2:6,-6:1,-6:2,-6:4-Sieg über Andy Murray (Großbritannien) den letzten noch fehlenden Grand-Slam-Titel in seiner erlesenen Sammlung. "Es ist ein sehr spezieller, ein überwältigender Moment", sagte der neue Titelheld, "ich habe lange warten müssen. Jetzt bin ich umso glücklicher."

Genau um 18:16 Uhr, nach 183 Spielminuten und nach dem dritten Matchball, sank der 29-jährige glückstrunken auf den Boden, legte sich später wie einst Wuschelkopf Gustavo Kuerten in ein großes, selbstgemaltes Herz im Sand - Bilder und Szenen der grenzenlosen Erleichterung nach vielen grimmig verlorenen Anläufen und Tennisschlachten in Frankreichs Kapitale. Noch im letzten Jahr hatte er sein drittes Finale gegen Überraschungsmann Stan Wawrinka verloren, nun triumphierte er nach völlig verkorkstem Start in der Pose des zu allem entschlossenen Comebackers, des Entfesselungskünstlers. 17 Jahre nach Andre Agassis verrücktem Sieg unterm Eiffelturm komplettierte auch Djokovic, der dominierende Spieler der Jetzt-Zeit, sein Grand-Slam-Quartett in Paris - nun hat er sogar alle Chancen, als erster Spieler seit dem legendären Rod Laver (1969) das noch weitaus schwierigere Kunststück eines Kalender-Grand-Slams zu vollbringen, also den Gewinn aller vier Top-Turniere (Australian Open, French Open, Wimbledon, US Open) in einer Saison.

Becker: "Wir alle wollten diesen Pokal so sehr"

Dass er im zwölften Pariser Anlauf seinen insgesamt zwölften Grand-Slam-Titel holte, die Dämonen der Vergangenheit hinter sich ließ, war auch der bisherige Höhepunkt einer mehr als segensreichen, fruchtbaren Allianz mit seinem Chefcoach Boris Becker. Seit der deutsche Altmeister im Dezember 2013 das Kommando bei dem Perfektionisten übernommen hat, ist Djokovic zum einsamen Regenten auf dem Planeten Tennis geworden - mit einer Machtentfaltung, die oft schon erdrückend wirkte. Im letzten Jahr schon spielte Djokovic die fast perfekte Saison, der einzige Schönheitsfehler im sportlichen Prunk und Pokalrausch war die Finalniederlage gegen Wawrinka in Paris. Nun aber war die haushoch führende Nummer eins auch die Nummer eins im Stade Roland Garros - ein Ziel, das auch in diesem Jahr alles in den Schatten gestellt hatte, dem vieles in Djokovics Denken und Handeln untergeordnet war. "Wir alle wollten diesen Pokal so sehr", sagte Trainer Boris Becker. Er selbst hatte ihn als Profi nie gewinnen können, den Musketier-Pokal, jetzt immerhin grüßte er als Erfolgstrainer des Champions.

Djokovic wusste selbst, dass es immer als Karriere-Makel aufgefasst würde, wenn er diesen French-Open-Pokal nicht wenigstens ein Mal in seinen Besitz bringen könnte. Oft genug scheiterte er in den vergangenen Jahren mehr an sich selbst und seinem verzehrenden Ehrgeiz als an seinen Gegenspielern, besonders 2015 war das zu beobachten, als er zwar gegen Wawrinka den ersten Satz gewinnen konnte, danach aber nur den Vorsprung verwalten wollte. Der zaudernde und zögernde Djokovic geriet auf abschüssige Bahn, verlor schließlich. Und vergoss Tränen der Wut und Verzweiflung.

Leichtfüßig wie Muhammad Ali im Boxring

Auch an diesem Tag der vorläufigen Vollendung seines Lebenswerks lief es keineswegs glatt für den "Djoker", den Capitano der Branche. Wieder musste er eine qualvolle Reise antreten, gegen eigene Beklemmungen, gegen heftige Nervosität, gegen die Angst vorm neuerlichen Scheitern. Und gegen einen Andy Murray, der ihm im ersten Satz heftig zusetzte und ihn phasenweise an die Wand spielte. Djokovic wirkte da nur wie ein müdes Abbild seiner selbst, erstarrt, gehemmt, statisch. Das komplette Gegenbild des Mannes, der auf dem Tennisplatz durchaus so leichtfüßig und ballettartig tanzen kann, wie einst der große Muhammad Ali im Boxring.

Noch nicht am Ende seines Siegesstrebens

Als man schon glaubte, der Frustberg von Djokovic werde mit der nächsten, vielleicht bittersten Niederlage überhaupt in Paris noch massiv angehäuft, ging eine Verwandlung durch den Frontmann. Mit Beginn des zweiten Satzes fand er, der Seriensieger der letzten Monate und Jahre, blitzartig zu sich selbst, Djokovic war auf einmal Djokovic in aller Kraft und Herrlichkeit. Aggressiv, zupackend, emotional, ein Wunder an Mobilität plötzlich. Und damit zu gut für einen keineswegs enttäuschenden Murray, der dem geschichtsträchtigen Moment auf dem Centre Court nicht mehr im Weg stehen konnte. 6:1 gewann Djokovic Satz zwei, dann 6:2 den dritten Durchgang. Er war nicht mehr zu bremsen. Nicht als Produzent von Siegschlägen, noch weniger in seiner Überzeugung, dass dies sein Tag, seine Stunde, sein großer Grand-Slam-Schlusspunkt werden würde.

Donald Budge, Fred Perry, Roy Emerson, Rod Laver, Andre Agassi, Roger Federer, Rafael Nadal. Das war bisher die Galerie der Größten, jener Spieler, die bei allen vier Grand Slams siegten. Djokovic hat seinen Namen nun dazugesetzt. Der Mann, der längst noch nicht am Ende seines Siegesstrebens und seiner Kunst ist - und der zum erfolgreichsten Spieler aller Zeiten werden kann.

Hier die Ergebnisse vom Herren-Einzel bei den French Open.

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05.06.2016, 10:56 Uhr