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Karriere auf Abwegen - Sabine Lisicki landet im Abseits

Die Wimbledonfinalistin von 2013 kassiert bei den French Open die nächste bittere Pleite.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 24.05.2016, 09:16 Uhr

PARIS,FRANCE,23.MAY.16 - TENNIS - WTA Tour, Roland Garros, French Open, Grand Slam. Image shows the disappointment of Sabine Lisicki (GER). Photo: GEPA pictures/ Matthias Hauer

Die Bilder wirken wie aus einer anderen Zeit. Die Bilder der selbstbewussten, stürmischen, siegreichenSabine Lisicki.Die Bilder einer Frau, die im Sommer 2013 mit Mumm, Mut und eiskalten Nerven ins Wimbledonfinale einzieht, die Serena Williams auf dem Centre Court des Tennis-Heiligtums niederkämpft und die Herzen der Fans nicht nur in der Heimat, sondern rund um den Globus erobert. „Bum Bum Bine” wurde Lisicki damals getauft, eine liebevolle Anspielung auf Boris Becker, den deutschen Tennis-Heros. Sie verlor zwar das Endspiel, und doch war sie auf einmal das Gesicht des neuen deutschen Fräuleinwunders im Tennis, das Seite-eins-Girl, das Neugier auch bei jenen weckte, die sonst eher im Fußball oder der Formel 1 zuhause sind.

Das alles ist kaum drei Jahre her. Wenig Zeit einerseits. Aber genug Zeit, um eine Karriere auf Talfahrt zu schicken – mit den falschen Personalien, den falschen Prioritäten und Plänen, mit der unguten Vermischung zwischen Privatem und Beruflichem. Lisicki, auf dem Sprung, ein Weltstar zu werden, eine Spielerin für große Siege auf großen Bühnen, ist zur tragischen Randfigur geworden – so wie auch in Paris, bei den Offenen Französischen Meisterschaften des Jahres 2016,bei denen sie in der ersten Runde sang- und klanglos gegen eine namenlose Qualifikantin aus Paraguay ausschied, Veronica Cepede Royg.Es war ein neuer Tiefpunkt nach ohnehin schon vielen Tiefschlägen und düsteren Saisonmomenten für Lisicki, die hinterher mit tränenerstickter Stimme sagte: „Ich habe keinen Spaß mehr auf dem Platz. Es wird nur aufwärtsgehen, wenn ich die Freude zurückfinde.“ Auf Platz 51 der Weltrangliste steht sie inzwischen, überholt selbst von Spielerinnen aus der nächsten deutschen Generation, nicht mehr nominiert auch für das deutsche Fed Cup-Team. Und wohl auch chancenlos im Kampf um einen Startplatz in Rio, bei den Olympischen Spielen.

Ein Absturz, der auf Raten begann

Wie gesagt: Lisicki hatte im Sommer 2013 alle Chancen für eine glänzende Laufbahn in ihrem Sport. Respektierte Wimbledon-Finalistin, Liebling der Medien, Hoffnungsträgerin für eine deutsche Tennis-Renaissance. Doch was folgte, war kein Sturm auf die Weltspitze, kein Kampf um einen Top-Ten-Platz, sondern interne Reibereien und Scharmützel. Erfolgstrainer Wim Fissette musste gehen, auch er, der Mann, der In Wimbledon so angenehm als Partner an der Seite Lisickis gestanden hatte. Unterschiedliche Auffassungen über die Tagesarbeit, hieß es, was im Klartext bedeutete: Fissette konnte seine anspruchsvolleren Vorstellungen über Trainingsintensität nicht durchsetzen.

Ein Absturz auf Raten begann. Und der hatte nicht nur mit den notorischen Verletzungen zu tun, die Lisicki immer wieder im Berufsalltag des Wanderzirkus begleiten. Und auch nicht nur mit der schon länger beklagten Schwankungsbreite in Lisickis Spiel, diesen ewigen Achterbahnfahrten zwischen Himmel und Hölle. Sondern auch mit der Unfähigkeit, zwischen Arbeit und Privatsphäre zu trennen, klare Grenzen zu ziehen auch im sogenannten Umfeld. Im letzten Wimbledon-Jahr war besonders eindringlich und symbolhaft zu sehen, was verkehrt lief: Lisicki hatte den Trainer-Novizen Christopher Kas verpflichtet, doch der sah sich auf den Platztribünen des All England Club – wie auch anderswo – einem permanenten Gesprächsbedarf von Lisicki-Lebensgefährte Oliver Pocher ausgesetzt. Manchmal saß auch noch Boris Beckers Ehefrau Sharlely in der Kleingruppe, und wie Kas da in all dem Gewusel noch die Konzentration auf das Wesentliche behalten sollte, den Blick für die Tennisspielerin Lisicki, war, von außen betrachtet, schlicht schleierhaft.

Es bleibt nur noch der komplette Neuanfang

Es gibt von diesem letzten Wimbledon-Jahr noch einen Eindruck, der haften blieb, ein Foto, einen Tweet von Pocher, in dem er und Lisicki mit Roger Federer und Toni Kroos zusammenstehen. Pocher nannte sich selbst damals in der Bildunterschrift „Clown“, Federer „Champion“, Kroos „Weltmeister – und Lisicki „zukünftigen Champion.“ Das Dumme daran: Das Foto mit der lächelnden Lisicki war vielleicht eine halbe Stunde nach der schmerzlichsten Wimbledon-Niederlage der letzten Jahre aufgenommen, einem Drittrunden-Desaster gegen die Schweizerin Bacsinszky. Die Crew von damals ist inzwischen Geschichte, ein Ausdruck vieler Missverständnisse. Pocher, der sogenannte Comedian, ist nicht mehr Spielerinnenmann. Und auch Kas ist nicht mehr Trainer, er musste kürzlich gehen. Lisicki rief ihm offenbar nach, ihm habe die Erfahrung gefehlt. Als ob das eine jähe Erkenntnis gewesen sei.

Für sie, für die ehemalige „Bum Bum Bine”, bleibt jetzt nur noch eins. Der komplette Neuanfang. Mit 26 Jahren noch einmal ein Start bei Null. Mit mehr Professionalität, mehr Seriosität, mehr Ausdauer in der Allianz mit einem Trainer. In der tränenreichen Nachbearbeitung des Pariser Debakels sagte Lisicki, sie habe nun offiziell einen neuen Coach, den Spanier Salvador Navarro. Der gilt als guter Mann, einer, der immerhin die Italienerin Flavia Pennetta in der Spätphase ihrer Karriere zum US Open-Triumph dirigierte. „Wir passen gut zusammen, denke ich“, sagte Lisicki. Doch passen wird das alles nur, wenn Lisicki erstmals auch wirklich die Ressourcen eines Übungsleiters voll und ganz nutzt. „Sie hat einen sehr, sehr weiten Weg vor sich“, sagt Bundestrainerin Barbara Rittner, „aber sie kann dieses Comeback schaffen.“

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24.05.2016, 09:16 Uhr