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Zeitenwechsel in Paris – Holen die alten Titanen noch einen Grand-Slam-Titel?

Das Novum, dass Roger Federer und Rafael Nadalein Turnier nicht spielen bzw. es zu Ende spielen können, wirft Fragen auf.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 29.05.2016, 08:18 Uhr

ROME, ITALY - MAY 09: Roger Federer of Switzerland speaks to Rafael Nadal of Spain ahead of a training session on Day Two of The Internazionali BNL d'Italia 2016 on May 09, 2016 in Rome, Italy. (Photo by Dennis Grombkowski/Getty Images)

Seine Kollegen begannen gerade mit der Plackerei im roten Sand von Paris, da spielteRoger Federerdaheim in der Schweiz den großen Zeremonienmeister.Weit weg vom Grand-Slam-Geschehen überreichte der „Maestro“ den Mannen seines geliebten FC Basel die fast schon obligatorisch errungene Meisterschale.Federer, der Edelfan, strahlte mit den Champions um die Wette, er, der verletzte Tennis-Supermann, der zum ersten Mal nach 65 Major-Starts nicht um einen der Toppokale mitkämpfen konnte.

Es waren Bilder mit Symbolgehalt, genau so wie jene, die 48 Stunden später um die Welt gingen. Sie zeigten einen zu Tode betrübtenRafael Nadal,der in Paris, am Schauplatz der French Open,mit Gallenbittermiene seinen vorzeitigen Rückzug wegen einer Handgelenksverletzung erklärte.Mit tief ins Gesicht geschobener Baseballkappe saß Nadal vor der Pressemeute, sprach von einem der „bittersten Momente“ seiner Karriere. Und dann war auch er weg, reif für die Insel, reif für Wiederaufbaumaßnahmen in Mallorca.

Dominic Thiem als Profiteur?

Federer und Nadal beide nicht fähig, ein Turnier zu spielen oder es zu beenden – dieses Novum deutete auch auf einen unabweisbaren Zeitenwechsel an der Spitze des Welttennis hin. Umso mehr, da einer aus der nächsten Tennisgeneration womöglich zum großen Profiteur der Nadal-Misere werden konnte: Der 22-jährige ÖsterreicherDominic Thiem,dernach seinem Vier-Satz-Sieg über Alexander Zverevam Samstag nun im Achtelfinale nicht auf den neunmaligen Paris-Triumphator Nadal, sondern auf dessen LandsmannMarcel Granollerstrifft. Nicht wenige in der Riege der Grand-Slam-Fachbeobachter hielten den energischen Wiener neben Stan Wawrinka oder Andy Murray für den dritten wesentlichen Störenfried für Nummer-eins-SpielerNovak Djokovic– bei dessen Versuch, den letzten noch fehlenden Major-Titel zu gewinnen. „Er hätte auch einem Nadal allergrößte Schwierigkeiten gemacht. Thiem, Zverev, auch der Kroate Borna Coric oder der Australier Nick Kyrgios, sie sind alle stark im Kommen“, sagt Tennislegende John McEnroe.

Der Frühling des Jahres 2016 erinnert an die Wendezeit und einen Epochendreh wie kurz nach dem Beginn des neuen Jahrhunderts – damals kündigten sich Spieler wie Federer, Lleyton Hewitt, Andy Roddick und auch der heißblütige Russe Marat Safin als Versprechen für die Zukunft an. Gleichzeitig war der Ruhestand für höchstverdiente Professionals wie Pete Sampras oder Yevgeny Kafelnikov nahe. Im Hier und Jetzt ist mehr als fraglich, ob Nadal noch einmal zu ganzer alter Pracht aufsteigen kann, erst recht bei den anstrengenden Ausdauerübungen in seinem früheren Tennis-Paradies Paris. In den letzten zwei, drei Jahren zermürbten immer neue Verletzungen den einst so unwiderstehlichen Fighter, der neueste Rückschlag bei den French Open kam, als der bullige Wettkämpfer sich soeben wieder in der Spitze etabliert hatte. Nadals Auftritt und Aussagen ließen jetzt eher auf eine neuerlich längere Auszeit als bloß ein kurzzeitiges Fehlen schließen – Wimbledon, vielleicht auch Rio könnten ohne ihn stattfinden.

Die Party unter dem Eiffelturm fällt aus

Federer hatte sich in den Nuller-Jahren schnell zur Nummer eins heraufgespielt, der erste Grand-Slam-Sieg 2003 in Wimbledon wirkte wie ein Karrierebeschleuniger, wie eine Initialzündung für majestätische Großtaten. Erst herrschte er machtvoll ganz alleine, dann musste er sich seine Regentschaft in einem faszinierenden Wechselspiel mit Nadal teilen. Es war die bestimmende Rivalität über viele Jahre und Spielzeiten. Doch nun, 2016, hat es den von Verletzungen fast komplett verschont gebliebenen „Maestro“ auch zum ersten Mal erwischt – hartnäckiger denn je zuvor. Seit der Meniskusverletzung und -operation nach den Australian Open, einem unglücklichen Unfall bei der Betreuung seiner Zwillingstöchter geschuldet, ist die Federer-Maschinerie ins Stocken geraten. Erst vier Turniere spielte der 34-Jährige in der laufenden Tourserie, zwei nur nach Melbourne. Auch bei ihm, genau wie beim rund fünf Jahre jüngeren Nadal, stellt sich die Frage: Ist noch ein großer Titel drin, in der Ära des unbarmherzigen Dominators Djokovic, in Zeiten, da die nächste Generation aufmuckt gegen das alte Establishment. Federers letzter Grand-Slam-Coup liegt knappe vier Jahre zurück, Wimbledon 2012 war das. Und Nadal gewann den letzten seiner neun Paris-Titel und damit auch den letzten seiner Grand-Slam-Pokale vor zwei Jahren, 2014.

Federer und Nadal abzuschreiben, lohnte sich nie. Doch mehr und mehr droht den beiden Superstars der Körper als Grundkapital den Dienst zu versagen, kein Wunder nach der Parforcejagd im Wanderzirkus über so viele Jahre. Der Schweizer Tennisartist entpuppte sich noch im Vorjahr, schmerz- und sorgenfrei, als plötzlich herausforderndster Rivale von Djokovic. Wie es nun um ihn steht, werden die nächsten Wochen mit den Rasenauftritten in Stuttgart, Halle und Wimbledon zeigen. Nadal feierte ritualisiert seinen Geburtstag jedes Jahr in Paris, am 3. Juni. Die Party unterm Eiffelturm, manchmal auch eine Siegerparty, fällt aus. Die Festivitäten daheim finden in eher getrübter Stimmung statt. Die Zeiten ändern sich.

von tennisnet.com

Sonntag
29.05.2016, 08:18 Uhr