Günter Bresnik im Interview - „Medvedev ist technisch ausgezeichnet“

Star-Coach Günter Bresnik macht sich dieser Tage traditionell auf in sein Trainingslager nach Teneriffa. Davor hat er mit tennisnet über die aktuellen Entwicklungen im Tennissport gesprochen.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 18.11.2021, 19:32 Uhr

Günter Bresnik wird in den kommenden Wochen wieder auf Teneriffa wirken
© GEPA Pictures
Günter Bresnik wird in den kommenden Wochen wieder auf Teneriffa wirken

tennisnet: Herr Bresnik. Aus Turin hört man dieser Tage zarte Beschwerden, dass der Platz zu schnell für die Vorlieben der meisten Spieler sei. Was macht das mit Ihnen?

Bresnik: Ich erinnere mich immer gerne an die Diskussion aus dem Jahr 1992, als der Ivanisevic beim Masters gegen den Becker gespielt hat. Ich glaube, es war das Halbfinale. Da ist nur serviert und meistens nicht einmal retourniert worden. Ich wurde damals schon gefragt: Wo wird der Sport hinführen, wenn es keine Ballwechsel mehr gibt? Heutzutage gibt es drei Viertel des Jahres Beschwerden, dass nur noch von der Grundlinie gespielt wird, dass es keine Aufschlag-Volley-Spieler mehr gibt, dass alles zu langsam ist. Die Entwicklung geht immer von selber. Ein Djokovic, sowieso aber auch ein durchschnittlicher Top-100-Spieler im Jahr 2021 retourniert Aufschläge mit mehr als 200 km/h ziemlich stabil. Das hat es früher nicht gegeben. Da waren diese 200 die Spitzengeschwindigkeit. Bei jemandem wie Zverev liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit des ersten Aufschlags sicherlich bei 210 km/h. Shapovalov habe ich mir in Stockholm angeschaut: 207, 209, 211. Die Leuten werden sich anpassen. Und wem das nicht gelingt, der ist für den professionellen Tennissport nicht geeignet. Für die Zuschauer sind die Partien aktuell ja durchaus gut.

tennisnet: Auch wenn es manchmal an der Variabilität mangelt?

Bresnik: Das Netzspiel ist mittlerweile fast unmöglich geworden, weil die Beläge zu langsam sind. Wenn ich nie zum Vollieren komme, wird das auch im Training stiefmütterlich behandelt. Aber wenn man sich jemanden wie Carlos Alcaraz ansieht: Da ist ein gescheiter Trainer da gewesen, der hat ihm das wahrscheinlich schon mit 13, 14 Jahren beigebracht. Alcaraz hat schon früh ein hohes Selbstverständnis entwickelt. Wer mir am meisten weh tut, ist der Shapovalov: Der ist ein exzellenter Volleyspieler, aber leider kommt der nie in gute Volleypositionen. Ich glaube aber, dass das Netzspiel in Zukunft wieder nachziehen wird.

Zverev und Thiem als logische Nachfolger von Djokovic

tennisnet: Daniil Medvedev scheint sich am Netz auch nicht wohl zu fühlen, steht aber schon wieder im Halbfinale. Trotz oder wegen seiner sehr eigenen Technik?

Bresnik: Mir gefallen die Schläge - und auch der Volley - von Medvedev optisch nicht. Aber technisch sind sie für mich brillant. Technik bedeutet für mich, dass ich den Ball kontrollieren kann. Und das kann Medvedev wie kaum ein anderer. Tennisästheten reißt das nicht vom Hocker. Aber technisch ist Medvedev ausgezeichnet.

tennisnet: Hätten Sie Medvedev diese Entwicklung zugetraut?

Bresnik: Ich habe Medvedev ganz ehrlich nie so gut gesehen, dass er ein Kandidat für die Nummer eins wäre. Und für Grand-Slam-Siege. Weil ich mich auch durch die Optik habe irritieren lassen. Wenn man sieht, wie er sich physisch immer weiter verbessert, dass er gescheit ist, dass er reif ist … und vor allem: dass er seinem ausgeprägten Willen auch Taten folgen lässt, das ist beeindruckend. Als Medvedev jung war, haben schon einige Trainer gemeint, dass sie so einen Spieler gerne hätten.

tennisnet: Wird Medvedev also der logische Nachfolger von Novak Djokovic?

Bresnik: Für mich waren es immer Zverev oder Thiem, die sich die Grand-Slam-Turniere und die Nummer eins untereinander ausmachen werden. Jetzt ist der Dominic verletzungsbedingt kurzfristig ausgefallen, der Zverev aus anderen Gründen. Der ist mittlerweile aber immer ein Kandidat für ein Halbfinale bei einem Grand Slam. Vom Spiel her ist Zverev für mich gefährlicher als Medvedev. Aber der hat eine größere Konstanz.

tennisnet: Noch steht aber wohl Novak Djokovic über allen anderen.

Bresnik: Ich sage ja gerne: Djokovic wird das Interesse am Sport verlieren, wenn die anderen beiden nicht mehr da sind. Der spielt jetzt nicht gegen Tsitsipas, Zverev, Shapovalov, sondern gegen die anderen beiden. Das ist meine Ferndiagnose. Für Djokovic ist es extrem wichtig, Federer und Nadal bei den Grand-Slam-Titeln zu überholen. Wenn er das geschafft hat, werden ihn die Matches gegen die nachkommende Generation nicht mehr so reizen.

Mit Monfils und Svitolina nach Teneriffa

tennisnet: Sie fliegen demnächst wieder nach Teneriffa, um sich mit Ihren Spielern vorzubereiten. Was macht diese Zeit so wichtig?

Bresnik: Die Vorbereitung für ein Jahr ist ja leider nur mehr zwischen vier und sechs Wochen lang. Je jünger, umso länger sollte diese Phase sein. Für mich die wichtigste Zeit im ganzen Jahr. Dort gibt es keinen Reisestress, keinen Turnieralltag, keinen selbst auferlegten Zwang, Punkte zu gewinnen - in dieser Zeit arbeitet man am besten. Man lernt die Leute von einer ganz anderen Seite kennen, sie öffnen sich mehr. Bei einem Turnier beschäftigt sich jeder nur mit sich selbst. Die besten Spieler sowieso, weil die bei den Turnieren ja nicht nur vom Sport, sondern auch von anderen Dingen vereinnahmt sind.

tennisnet: Wen haben Sie diesmal mit an Bord?

Bresnik: Gael Monfils, der mit seiner Ehefrau Elina Svitolina kommen wird. Und ich werde ein paar Jugendliche mitnehmen. Von Seiten der Coaches wird auch Richard Ruckelshausen dabei sein, der mit Gael und mir schon bei den US Open war. Und der auch wieder nach Australien fliegen wird. Ohne mich.

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