"Habe keine Antworten bekommen" - Sam Querrey erklärt seine St-Petersburg-Flucht

Die Flucht von Sam Querrey aus St. Petersburg nach seinem positiven COVID-19-Test hat hohe Wellen geschlagen. Nun hat der US-Amerikaner seine Sicht der Singe erklärt.

von Florian Goosmann
zuletzt bearbeitet: 05.01.2021, 20:17 Uhr

Sam Querrey musste sich Taylor Fritz geschlagen geben
© Getty Images
Sam Querrey

Querrey war nach einem positiven Corona-Test beim Turnier in St. Petersburg heimlich mit seiner Familie abgereist und abgetaucht, gerade erst wurde er von der ATP mit einer recht milden Strafe bedacht. Die ganze Sache sei allerdings komplizierte gewesen als in der Öffentlichkeit dargestellt, erklärte Querrey nun im Gespräch mit Jon Wertheim von der Sports Illustrated. "Wenn ihr mich immer noch hasst, wenn ihr wisst, was geschah, dann ist das auch okay."/

In St. Petersburg sei er mit seiner Frau und seinem sieben Monate alten Baby angereist, erzählte Querrey, und die Bedingungen seien von den Vorturnieren her klar gewesen: Wurden Spieler positiv auf COVID-19 getestet, mussten sie 10 bis 14 Tage im Turnierhotel bleiben.

Er habe am Sonntag vor Turnierbeginn in St. Petersburg seinen zweiten Corona-Test abgegeben, dieser sei positiv ausgefallen. Zur Sicherheit wurde ein weiterer angesetzt, ebenfalls positiv. Die Ansage: Bleibt bitte im Zimmer, es meldet sich jemand bei euch. "Ich wusste um das Risiko", so Querrey", ich hatte also kein Problem damit." Von der ATP sei er dann gebeten worden: Bleibt im Zimmer, ordert Essen. "Das haben wir zwei Tage lang gemacht", erklärte Querrey weiter. Mit dem Gedanken: "Wir bleiben hier zwei Wochen lang in Quarantäne, fühlen uns sicher, wir sind im Turnierhotel - alles gut."

Querrey: "Haben uns im Turnierhotel sicher gefühlt"

Zwei Tage später, am Abend, sei ein weiterer Anruf der ATP gekommen. "Ihr seid im Hotel nicht mehr erwünscht", habe es geheißen. Zwei Ärzte sollten kommen, einer für Querrey und seine Frau, einer für das Baby. Sie sollten feststellen, ob die Querreys Symptome zeigten oder nicht, und im ersten Fall alle drei in ein Krankenhaus verweisen, wo sie zwei Wochen lang bleiben sollten. "Ich hatte das auf Lautsprecher", so Querrey, "und meine Frau bekam Panik. Ich war auch nicht glücklich darüber, wir haben uns im Turnierhotel sicher gefühlt. Jetzt sollten zwei beliebige Ärzte kommen?" Er habe versucht, Antworten zu kriegen - ohne Erfolg. Sein Sohn habe zudem gerade gezahnt und ohnehin etwas Fieber gehabt. "Würden sie ihn womöglich in ein anderes Krankenhaus bringen als uns? Diese Frage hat mir niemand beantwortet. Niemand hat uns versichert: 'Ihr bleibt sicher zusammen.'"

Es sei 22 Uhr gewesen, er habe dem Supervisor gesagt, um diese Zeit lasse er niemanden ins Zimmer, das Baby schlafe, sie hätten quasi keine Symptome. Er habe dann mit seinem Manager gesprochen, um erneut die ATP zu kontaktieren. "Wir waren glücklich im Hotel, haben uns distanziert, hatten niemand um uns herum, hatten keine Beschwerden. Er habe darum gebeten, dass die Ärzte erst am kommenden Morgen kommen würden. "Aber ich musste eine Entscheidung treffen zwischen 22 Uhr und 10 Uhr am nächsten Tag. Meine Frau war hier, mein Baby. Und ich habe gespürt: Hey, ich fühle mich nicht wohl in der Situation. Also haben wir beschlossen, einen Privatjet zu mieten und zu verschwinden."

"Getan, was sich richtig angefühlt hat"

Das sei am frühen Morgen geschehen, um nicht gesehen zu werden, so Querrey. Während des Flugs nach London hätten er und seine Frau medizinische Masken getragen, sie nicht zum Trinken oder Essen abgenommen. Nach der Landung seien sie direkt in ihr gebuchtes Airbnb und hätten sich zwei Wochen lang dort in Quarantäne begeben. "Ich habe als Vater und Ehemann die menschliche Ebene verfolgt und das getan, was sich richtig angefühlt hat. Ich wollte meine Familie dort nicht für mindestens zwei Wochen in ein Krankenhaus gehen lassen."

Als die Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt sei, habe es sich jedoch angehört wie: Er habe Corona und sei abgehauen. Ihnen sei auch kein Luxusappartement angeboten worden, wie es geheißen habe, sondern ein normales. Und das nur, wenn die Ärzte entschieden hätten, dass alle drei asymptomatisch gewesen seien.

"Aus meiner Sicht haben wir niemanden gefährdet, wir hatten unsere Masken auf, sind unter uns geblieben. Wir haben alles in unserer Macht stehende getan, um das Risiko für andere zu minimieren. Und ehrlich gesagt denke ich, dass wir das sehr gut gemacht haben." Der Flug habe 40.000 US-Dollar gekostet, dazu die zwei Wochen Miete für das Airbnb, erklärte Querrey weiter.

Mit der ATP habe er ein gutes Verhältnis, vor Ort sei die Sache jedoch so gewesen, dass alles an den lokalen Behörden gehangen habe. Er hätte sich jedoch gewünscht, dass das ATP-Statement eher in die Richtung gegangen wäre, als dass er unter den besonderen Umständen eine Entscheidung für seine Familie getroffen habe. Dass es ihm leid tue, was er habe tun müssen, aber dass man nach vorne schauen und solche Dinge künftig gemeinsam besser lösen wolle.

Querrey war von der ATP zu einer Strafe von 20.000 US-Dollar auf Bewährung verdonnert worden, die nur fällig wird, wenn er sich in den kommenden sechs Monaten etwas Ähnliches zuschulde kommen lässt. Vielen Tennis-Insidern war dies zu wenig.

Als Begründung nannte die ATP das bislang unter anderem immer tadellose Verhalten von Querrey.

Hier geht's zum gesamten Interview mit Sam Querrey

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