"Ich hab bis vor einem Jahr kein Tennis gespielt" - Melanie Klaffner im Interview
Die 20-jährige Oberösterreicherin zeigt sich kritisch und dennoch von sich selbst überzeugt. 2015 will sie in den Top 30 stehen.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
16.10.2010, 14:50 Uhr

Melanie, wie sieht deine heurige Saisonbilanz aus?
Ich habe sehr viele Ups und Downs gehabt. Vor ziemlich genau einem Jahr bin ich zum Jürgen (Waber, Anm.) gekommen. Er hat gleich gesagt, dass er an mich glaubt, aber auch, dass wir viel Arbeit vor uns haben. Die Einzeltrainer, die ich davor hatte, sind zwar mit mir gereist, aber sie hatten keine Erfahrung. Darum bin ich froh, dass ich zum Jürgen gekommen bin. Im Training habe ich mich schon extrem verbessert. Aber im Match zittere ich noch ein wenig, da kann ich die antrainierten Schläge noch überhaupt nicht spielen.
Was habt ihr konkret umgestellt beim Training?
Wir haben einmal ein Konzept in mein Spiel gebracht und eruiert, was überhaupt mein Spielstil ist. Ich werde nie eine Serena Williams werden, die auf alles voll draufhaut. Ich habe eine gute Vorhand und einen guten Aufschlag, das muss ich halt richtig einsetzen. Und dann eben auch viele Spielzüge trainieren, stundenlang… Ich bin auch fitter geworden. Vor dem Turnier in Georgien habe ich einen Konditionsblock eingeschoben – da arbeite ich mit dem Oliver Drachta (Fußball-Bundesliga-Schiedsrichter, Anm.). Jetzt brauche ich mir über die Fitness keine Gedanken mehr machen. Ich habe wirklich sehr hart trainiert… war viel laufen… stundenlang. Es hat mir auch viel Spaß gemacht. Es ist für mich auch keine Belastung, wenn ich da stundenlang schufte.
Sondern?
Ich spiele Tennis, weil ich es gern mache und nicht, weil ich irgendjemand gefallen will. Und wenn mir jemand sagt, schau dir die Wozniacki an, die ist gleich alt wie du, mit der hast du in der Jugend gemeinsam gespielt, und die ist jetzt Nummer eins – dann sage ich, ich bin auch glücklich und spiele gerne Tennis, und das ist das Wichtigste.
Habt ihr auch mental gearbeitet beim Training?
Jetzt haben wir einmal die Fitness aufgearbeitet. Im Team vom Jürgen ist auch noch der Fritz Weilharter (Linzer Mentalcoach, Anm.), der hat schon mit Sybille gearbeitet. Wir müssen mal schauen, wie es jetzt in Zukunft weitergeht. Jetzt bin ich mal froh, dass das Tennis so halbwegs passt.
Was sind deine Ziele für 2011?
Es war jetzt das erste Jahr meiner Karriere, wo ich wirklich konstant und gut gearbeitet habe. Aber innerhalb von einem Jahr kann man nicht alles wettmachen, was man vorher falsch gemacht hat. Das dauert eben. Dieses Jahr habe ich schon zwei Turniere (25.000-Dollar-Challenger in Indonesien und Georgien, Anm.) gewonnen, was ja letztes Jahr nicht der Fall war. Ziel ist auf jeden Fall, bis Ende 2011 unter den Top 200 zu sein. Aber ich mache mir da keinen Druck – das größte Ziel für nächstes Jahr sind die Grand-Slam-Turniere.
Willst du künftig überhaupt mehr auf der WTA-Tour spielen und weniger Challenger?
Ich will auf jeden Fall nicht mehr bei den 25.000er-Turnieren herumkrebsen. Wenn ich bei höher dotieren Turnieren spiele und da auch das Ranking dazu habe, steigere ich mich auch mit den Gegnerinnen. Ich habe jetzt auch ein paar Mal mit der Sybille trainieren dürfen, das ist schon ein bisschen was Anderes.
Wo liegt jetzt der Unterschied zwischen einer Top-150-Spielerin und einer Spielerin von deinem Ranking?
Tja, das verstehen viele nicht – speziell wenn sie mich im Training spielen sehen. Da glauben dann viele, bei mir würden 60 Prozent reichen, um alle 25.000-Dollar-Turniere zu gewinnen. Aber das ist eben nicht der Fall. Weil ich im Match Blockaden habe und auch ein bisschen ängstlich bin. Im Training funktioniert es. Ich habe auch gemerkt, dass ich mit der Sybille mithalten kann. Aber die läuft eben stundenlang jedem Ball nach und macht keinen Fehler. Also der größte Unterschied liegt in der Konstanz. Und da kann ich von der Sybille noch viel lernen. Bei meinem ersten Challenger-Sieg hatte meine Finalgegnerin überhaupt keine Chance. Und dann fahre ich zum nächsten Turnier und scheide in Runde eins aus und mir haut es alles durcheinander.
Du hast heuer bisher 22 Turniere in 13 verschiedenen Ländern gespielt und dabei 23.686 Dollar an Preisgeld verdient. Deckt das die Kosten?
Nein. Turniersiege, auch Bundesliga und zum Beispiel Wimbledon, das reißt dich schon heraus. Aber sobald ein Erstrunden-Aus kommt, bin ich wieder im Minus. Meine Eltern sind meine größten Sponsoren – sonst würde es überhaupt nicht gehen.
Ich möchte aber jetzt auch noch die Matura nachholen. Weil es auch nicht schadet ein bisschen etwas für das Hirn zu tun. Deswegen spiele ich nicht weniger Turniere. Ich nehme mir die Lernsachen mit, ich will einfach für meinen Geist auch etwas tun. Und nicht nur herumliegen zwischen den Matches wie viele andere Tennisspielerinnen. Da merkt man auch den Unterschied. Die Top-Spielerinnen studieren meist irgendwas.
War es dir eigentlich früher bewusst, dass du komplett konzeptlos unterwegs warst?
Nein, eigentlich nicht. Ich bin einfach planlos von Turnier zu Turnier gefahren. Weil ich mir immer gedacht habe, das wird jetzt. Ich muss noch ein Turnier spielen und noch ein Turnier spielen. Der Jürgen hat dann gesagt, jetzt einmal zwei Monate Training, dann fährst du mit viel mehr Selbstvertrauen zu den Turnieren. Das hat mir viel geholfen. Ich habe mich dann im Training schon stark verbessert. Aber wenn mich jemand im Match gesehen hat, der muss sich gedacht haben, bei der geht überhaupt nix weiter. Ich muss jetzt nur noch die Konstanz ins Match rüberbringen.
Glaubst Du, dass du das nächstes Jahr schon schaffst?
Ich will mir keinen Druck machen. Je höher ich die Erwartungen setze, desto schlechter werde ich. Und umso niedriger die Erwartungen sind, umso besser ist es.
Wo siehst du dich in fünf Jahren?
2015 möchte ich unter den Top 30 der Welt sein!
Das Gespräch führte Mario Sacher
(Foto: Ernst Zotl)
