Juan Carlos Ferrero: „Sinner zu trainieren wäre ein Privileg“
Im Interview mit dem Corriere della Sera nahm der spanische Erfolgs-Trainer Juan Carlos Ferrero unter anderem Stellung zu den aktuellen Entwicklungen bei den French Open, den Trainingsschwerpunkten bei seinem ehemaligen Schützling Carlos Alcaraz und einer eventuellen Zusammenarbeit mit Jannik Sinner.
von Dietmar Kaspar
zuletzt bearbeitet:
04.06.2026, 13:43 Uhr

Während Carlos Alcaraz in Murcia bei der Rehabilitation seiner Handgelenksverletzung die ersten Gehversuche auf dem Court unternimmt, stellte sich Juan Carlos Ferrero knapp 100 Kilometer entfernt im seiner Akademie in Villena der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera zum ausführlichen Interview zur Verfügung.
„Das frühe Aus von Sinner in Paris war für die anderen ein Weckruf“
Gebannt verfolgt Ferrero auch die Geschehnisse bei den aktuell laufenden French Open, die er als „seltsame Dinge“ zusammenfasst: „Alcaraz ist nicht hier – und auf Sand wäre er der Favorit gewesen -, und Sinner ist gleich in der zweiten Runde ausgeschieden. Für alle anderen war dies ein Weckruf. Sie haben die Augen geöffnet und erkannt, dass dies die Chance ihres Lebens ist. Zweifellos haben Spieler wie Jodar und Fonseca das Potenzial, Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Mit Blick auf die Zukunft zeichnet sich eine interessante Verschiebung an. Dies wird für alle eine Quelle der Motivation sein – sowohl für die an der Spitze, als auch für jene, die die Verfolgung aufnehmen.“
„Die Weiterentwicklung von Alcaraz war gezielt auf Sinner ausgerichtet“
Durch die aufkommende Ausgeglichenheit sieht der ehemalige Weltranglistenerste eine Weiterentwicklung für den Tennissport: „Das ist eine Situation, die ich gut kenne. Jahrelang habe ich Carlos mit dem ausdrücklichen Ziel trainiert, Jannik zu schlagen. Wenn das allgemeine Spielniveau steigt, profitiert das Tennis als Ganzes davon. Zu meiner Zeit waren es acht oder zehn Spieler, die in der Lage waren, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen. Zwei Spieler ergeben zwar eine großartige Rivalität, doch das ist eine geringe Anzahl.“
„Sinner verträgt die Kälte besser als die Hitze“
Das Aus von Jannik Sinner bei den French Open sieht Ferrero nicht durch mentale Schwächen, sondern durch einen körperlichen Einbruch bedingt: „Der Grund liegt meiner Meinung nach in den vorangegangenen Monaten. Er hat viel gespielt – zu viel – ohne sich Zeit zur Erholung zu gönnen. Ich war mir sicher, dass er während der French Open unter Ermüdungserscheinungen leiden würde. Ich hatte jedoch erwartet, dass dies erst zu einem späteren Zeitpunkt im Turnier geschehen würde.“
Einen großen Unterschied in Punkto Hitzeverträglichkeit sieht der ehemalige French-Open-Champion in den Wurzeln der beiden Spieler: „Auch die Herkunft spielt dabei eine Rolle. Jannik hat wahrscheinlich eine größere Toleranz zur Kälte als gegenüber Hitze. Ich glaube nicht, dass er als Kind – bevor er nach Bordighera zog, um unter Piatti zu trainieren – jemals unter heißen, feuchten Bedingungen trainiert hat. Ganz im Gegensatz zu Carlos, der in Murcia im Süden Spaniens geboren wurde.“
„Carlos hat einen leichten Vorteil gegenüber Jannik“
Nach wie vor fällt es 46-Jährigen nicht leicht, über seinen ehemaligen Schützling zu sprechen, zu dem er nur noch sporadisch Kontakt hat. Dennoch sieht er ihn im Vergleich zu Sinner leicht vorne: „Es kommt auf die feinen Details an. Carlos ist dynamischer, verfügt über eine größere Schlagvielfalt und weiß, wie er Janniks Rhythmus stören kann. Jannik liebt es auf eine ganz bestimmte Art zu spielen, schnell und den Ball stets auf derselben Höhe treffend. Meiner Meinung nach hat Carlos einen leichten Vorteil, etwa 55 zu 45 Prozent.“
„Habe Carlos oft an seine Grenzen gebracht“
Große Parallelen sieht Ferrero bei der Herangehensweise zwischen ihm und Piatti: „Ich glaube die beiden Situationen sind durchaus vergleichbar. Wenn man einen fünfzehnjährigen anvertraut bekommt, muss man ihm absolut alles beibringen. Vom ersten Tag an habe ich Carlos eine Mischung aus hartem Training und strenger Disziplin vermittelt und ihn oft an seine Grenzen gebracht. Und ich habe dafür gesorgt, dass er fest auf dem Boden der Tatsachen blieb.“
„Sinner, warum nicht?“
Nach der schmerzhaften Trennung von Alcaraz sieht sich der 16-fache Tour-Titelträger inzwischen wieder bereit für große Aufgaben: „Noch vor wenigen Monaten hätte ich Nein gesagt. Die Trennung von Carlos lag noch nicht lange zurück und ich wäre noch nicht bereit gewesen. Doch heute – da ich mich gefestigter fühle – lautet meine Antwort: ‘Warum nicht?’ Sinner arbeitet unheimlich hart und ist bereit, alles zu tun, um die Nummer 1 zu bleiben. Diese Einstellung gefällt mir sehr. Es wäre ein Privileg, ihn zu trainieren.“
