Jürgen Melzer im Interview: „Prime Alcaraz ist der beste Tennisspieler“
ÖTV-Sportdirektor Jürgen Melzer kümmert sich bei den Generali Open 2026 um seinen Davis-Cup-Schützling Lukas Neumayer. Im Gespräch mit tennisnet geht die österreichische Tennis-Legende aber auch auf aktuelle Entwicklungen auf der ATP-Tour ein.
von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet:
19.07.2026, 15:00 Uhr

Regen-Unterbrechungen haben auch etwas Gutes. Denn so trifft man Jürgen Melzer in der Players Lounge in Kitzbühel an einem Sonntagmittag ganz entspannt, ohne dass der mehrmalige Grand-Slam-Champion (zweimal im Doppel, jeweils einmal im Mixed und als Junior) Trainingsverpflichtungen nachkommen muss.
Tennisnet: Herr Melzer. Wenn Sie anno 2026 noch aktiver Tennisprofi auf der ATP-Tour wären - würden Sie noch gleich oft im Doppel antreten wie zu Ihrer tatsächlich aktiven Zeit?
Jürgen Melzer: Ja. Weil es mir einfach für mein Einzelspiel so viel gebracht hat und ich mir dadurch Selbstvertrauen geholt habe, die Sachen, die mein Einzelspiel auch ausgemacht haben, im Doppel sehr gut trainieren haben können. Und ich der Meinung bin, dass wenn du es mit einem klugen Schedule planst, sicher nicht jede Woche, aber ich sage jetzt so 75 Prozent, dann würde ich das wieder so machen.
Tennisnet: Stimmt der Eindruck, dass vor ein, zwei Jahrzehnten einfach mehr Einzelspieler auch im Doppel aktiv waren?
Melzer: Ich glaube, dass sich das Tennis halt ein bisschen in eine andere Richtung entwickelt hat. Wie viele Einzelspieler sind wirklich noch gut am Netz? Wir sind uns hoffentlich einig, dass wenn Carlos Alcaraz sein bestes Tennis spielt, dass er der beste Tennisspieler ist. Weil der für mich noch eine Dimension in seinem Spiel mehr hat, die andere einfach nicht haben. Und das ist das Netzspiel, das ist dieses Wissen ums Netz herum, wie man gewisse Schläge anbringt. Und ich glaube einfach, dass das verloren geht durch das wenige Doppelspielen.
Jürgen Melzer: “Ich bin da eher auf der Spielerseite”
Tennisnet: In der vergangenen Wochen hat die Diskussion um eine Reduzierung der Doppelfelder bei ATP-Turnieren wieder Fahrt aufgenommen. Wie sehen Sie die Situation?
Melzer: ich bin da eher auf der Spielerseite, muss ich sagen. Ich verstehe zwar, dass es Geld kostet, aber man muss einfach auch sagen, man sieht in den letzten Jahren relativ wenig Marketingkonzept dahinter. Und wenn eine Sache nicht promotest, glaube ich, dass es halt auch nicht den nötigen Output gibt, den man vielleicht haben könnte. Wenn die ATP-Pläne wirklich so durchgehen sollten, dann gibt es halt nur mehr verdammt wenige Doppelspieler, die davon leben können. Und wenn ich meinen Verbandshut aufsetze und nicht den Spielerhut: Es wird schon sehr viel in den Klubs noch doppelt gespielt. Es gibt viele Leute, die sich mit dem Doppelspiel auch befassen. Und das jetzt komplett auf die Seite zu räumen, würde ich sehr schade finden.
Tennisnet: Lassen Sie uns nach Kitzbühel kommen. Da wird in diesem Jahr mit einem neuen Ball gespielt. Sie haben diesen schon getestet …
Melzer: Ich finde generell das Ballthema ein riesiges im Tennissport im Moment. Und ich begrüße es sehr, dass wir so einen Ball wie den jetzt wieder haben. Weil dadurch wieder andere Spieleigenschaften von einem Tennisspieler verlangt werden. Und diesen Ball musst du wirklich kontrollieren können. Du hast mit dem Ball viel mehr Möglichkeiten. Es ist nicht nur ein einfaches Draufdreschen, unter Anführungszeichen, sondern der Ball gibt auch Spielern wie einem Struffi Möglichkeiten auf einem Sandplatz anderes Tennis zu spielen. Ich habe es früher gehasst und ich hasse jetzt eigentlich auch, dass man sagt, früher war immer alles besser. Definitiv nicht. Aber die Vielfalt und die unterschiedlichen Spielstile, die es gegeben hat, die gibt es jetzt nicht mehr. Jetzt ist es für mich ein riesengroßer Einheitsbrei und das ist definitiv geschuldet durch die Belege und die Bälle. Und das ganze Material. Wenn du früher auf einem schnellen Belag gespielt hast, dann waren andere Skills gefragt.
Tennisnet: Wo ist das aus Ihrer Sicht am auffälligsten?
Melzer: Wenn man sich den Rasen in Wimbledon anschaut, das ist ja nicht erst seit diesem Jahr so, sondern schon die letzten Jahre, wo der abgespielt ist, dann gibt dir das ein Bild, wie Tennis mittlerweile auch auf allen anderen Belägen gespielt wird. Und ich glaube, dass es für den Fan auch interessanter ist, wenn man wieder mehr Spielstile zulässt. Weil für mich hat es nichts Schöneres als Kind geben, wenn ich mal angeschaut habe, Agassi gegen Rafter. Einer, der die ganze Zeit attackiert und einer, der versucht, sich da dagegen zu wehren und mit seinen Skills halt da dagegen zu halten.
“Gänsehaut, wenn ich an das Davis-Cup-Finalturnier denke”
Tennisnet: Einer, der alle Skills mitbringt, ist Novak Djokovic. Und das seit Jahrzehnten. Woran machen Sie das fest?
Melzer: Novak beweist halt einfach, was möglich ist, wenn man mit seinem Körper gut haushält und ihn immer pflegt, Und ich glaube auch, dass es ein bisschen genetisch bedingt ist, dass das alles so gut funktioniert. Es ist natürlich extrem beeindruckend, dass der immer noch vorne mitspielt. Man merkt aber immer, gegen Ende eines Grand Slams, dass ihm ein bisschen das Gas ausgeht. Ich glaube, dass Wimbledon sein größter Shot war, dass er da noch einmal ein Major gewinnt. Ich meine, er spielt immer wieder Semi, er ist definitiv der drittbeste Spieler im Moment wahrscheinlich, wenn man jetzt Alcaraz wieder wegnimmt. Und das mit dem zarten Alter von 39 Jahren, das ist schon sehr beeindruckend.
Tennisnet: Es sind zwar noch ein paar Wochen hin, aber Mitte September wird in Wien der Davis Cup gegen Belgien gespielt. Wie würden Sie da die Kräfteverhältnisse einschätzen?
Melzer: Die Belgier haben mit Raphael Collignon, Alexander Blockx und Zizou Bergs drei Einzelspieler, die Woche für Woche ihre Leistungen bringen und sich in den ersten 50 voll festgesetzt haben. Das haben wir im Moment halt nicht.. Wir brauchen ein perfektes Wochenende, um da bestehen zu können und müssen uns natürlich auch Bedingungen schaffen, die uns mehr entgegenkommen wahrscheinlich als den Belgiern. Im Endeffekt brauchen wir das Publikum im Rücken, wir brauchen einfach ein geiles Tennisfest und natürlich von unserer Seite absolute Topform. damit wir da bestehen können. Belgien ist für mich da der ganz klare Favorit. Aber wir haben eben in der Vergangenheit schon bewiesen, dass wir einen echt guten Teamgeist haben und unsere Spieler im Davis Cup schon sehr oft über sich hinausgewachsen sind.
Tennisnet: Das Ziel ist die erneute Teilnahme beim Finalturnier in Bologna. Welche Erinnerungen haben Sie an das vergangene Jahr?
Melzer: Ich glaube, dass keiner von denen, die dabei waren, den Moment vergisst, wie 10.000 Italiener die Hymne Italiens gesungen haben. Da bekomme ich jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke.
