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Karatsev-Coach Jan de Witt: „Das geht an keinem spurlos vorbei“

Coach Jan de Witt arbeitet seit ein paar Monaten mit Aslan Karatsev zusammen. Im Interview mit tennisnet.com geht de Witt auch auf die Arbeit mit Andy Murray und die besonderen Fähigkeiten von Novak Djokovic und Carlos Alcaraz ein.

von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet: 22.05.2022, 10:18 Uhr

Aslan Karatsev wird seit Indian Wells von Jan de Witt gecoacht
© Getty Images
Aslan Karatsev wird seit Indian Wells von Jan de Witt gecoacht

tennisnet: Herr de Witt. Sie haben das Jahr als Coach von Andy Murray begonnen, nach den Australian Open haben sich die Wege getrennt. Warum?

Jan de Witt: Wir konnten uns nicht über alle Punkte der gemeinsamen Arbeit einigen. Er hatte einen Bereich, mit dem er nicht ganz einverstanden war. Wo ich aber auch nicht bereit war, Kompromisse zu machen.

tennisnet: In Sydney haben Sie mit Murray gleich das Finale erreicht.

de Witt: Wir haben nicht nur in Sydney gut angefangen. Wir haben eine sehr gute Vorbereitung gehabt, uns inhaltlich verbessert, schon in Abu Dhabi gut gespielt. Das gehört auch mit in das Bild rein. Aber so ist das manchmal in unserem Sport: Wenn man sich nicht so einigen kann, dass beide Seiten sagen, wir gehen voller Überzeugung rein, eine ganze Saison gemeinsam zu machen, dann trennt man sich. Die acht Wochen waren super, haben riesigen Spaß gemacht. Aber es war dann halt nicht das Richtige.

tennisnet: Wenn man mit einem Mann wie Andy Murray zu Turnieren kommt - welche Unterschiede gibt es da zu Spielern, die nicht diese großen Erfolge wie Murray gefeiert haben?

de Witt: Es ist anders - aber nicht meine Baustelle. Die inhaltliche Arbeit ist ohnehin bei allen Spielern unterschiedlich, weil jeder eine eigene Persönlichkeit hat, egal ob es Andy Murray, Radu Albot oder mein aktueller Schützling Aslan Karatsev ist. Was das Drumherum angeht mit den Medien, mit den Zuschauern, die bestimmte Erwartungen haben - darum muss ich mich nicht kümmern.

tennisnet: Wie hat sich die Zusammenarbeit mit Karatsev ergeben?

de Witt: Er hat mich gefragt, ob ich mir vorstellen kann, mit ihm zu arbeiten, hat mir beschrieben, in welchen Bereichen er sich weiter verbessern möchte - dann haben wir eine Testphase von vier Wochen vereinbart und schließlich entschieden, dass wir die ganze Saison gemeinsam angehen. So einfach war das.

tennisnet: Sie kannten sich schon davor?

de Witt: Er war ja schon mal bei uns in der Breakpoint Base, allerdings 2015. Da war Aslan ein komplett anderer Spieler. Und es ist ein völliger Neustart, weil ich selbst damals mit ihm nicht gearbeitet habe.

tennisnet: In Sydney hat Karatsev den Titel geholt, danach hatte er viele Punkte zu verteidigen, vor allem das Halbfinale bei den Australian Open.

de Witt: Und danach ja auch noch den Triumph in Dubai. Das sind schnell mal 1.300 Punkte, mehr als die Hälfte der Punkte, die Aslan insgesamt hatte. Das ist eine neue Situation für ihn, die nicht spurlos an Aslan vorbei geht. Wir arbeiten täglich, um besser zu werden. Und irgendwann muss er dann beginnen, Matches zu gewinnen. Das ist in allen Ergebnissportarten so.

„Karatsev kombiniert immense körperliche Fähigkeiten mit Firepower“

tennisnet: Wie sehr belasten die Umstände Ihren Spieler gerade? Etwa, dass er in Wimbledon nicht spielen darf.

de Witt: Das geht an keinem spurlos vorbei, das sind alles Menschen. Ich versuche Aslan vorzuleben und fordere das von ihm, dass er sich nur mit jenen Dingen auseinandersetzt, die er auch beeinflussen kann. Dass er sich im Training voll reinhängt, ob das jetzt was Technisches oder was Taktisches ist. Natürlich macht das was mit einem Spieler, wenn er nicht in Wimbledon spielen darf. Auf diese politischen Dinge haben wir aber keinen Einfluss. Wir müssen das akzeptieren. Auch wenn wir es Mist finden, die dass er in Wimbledon nicht spielen darf.

tennisnet: Was zeichnet Aslan Karatsev als Spieler aus?

de Witt: Seine große Stärke ist die Kombination aus seinen immensen körperlichen Fähigkeiten und der Firepower, die er hat. Vor allem Vor- und Rückhand und Return. Mein Job ist es, dass er das besser nutzt und auf die Platte bringt.

„Carlos Alcaraz wird schwer zu schlagen sein“

tennisnet: Globaler betrachtet: Hätten Sie gedacht, dass Novak Djokovic einen derart perfekten Formaufbau hinbekommt - und in Rom wieder alles in Grund und Boden spielt?

de Witt: Ich fand es bei Rafa schon faszinierend, wie schnell er zurückgekommen ist. Nach so einer langen zeit, mit so wenig Matches. Bei Nole ging es nicht ganz so schnell. Aber wir sprechen von den beiden besten Spielern aller Zeiten. Sie haben die Fähigkeit, sehr schnell wieder in den richtigen Rhythmus zu kommen. Auch wenn es bei Nole etwas länger gedauert hat. Wir haben mit ihm in Monte-Carlo trainiert. Er war sicher nicht ganz gesund, nicht optimal vorbereitet. Aber wenn er sein Handwerkszeug zusammen, dann steht er wieder ganz oben. So überraschend finde ich das nicht.

tennisnet: Wie weit sehen Sie Carlos Alcaraz schon?

de Witt: Er wird schwer zu schlagen sein. Weil ich glaube, der wird fit genug sein, hier auch Best-of-Five-Matches zu gewinnen. Wie das mit der Konzentrationsausdauer ist, werden wir sehen. Alcaraz hat Djokovic und Nadal schon geschlagen, den sollte man auf der Rechnung haben.

tennisnet: Noch schnell zum Fußball: Wann waren Sie sich sicher, dass Werder Bremen den Aufstieg in Liga eins schaffen würde:

de Witt: Am 34. Spieltag, als abgepfiffen wurde. Mit der Vorgeschichte, als wir Kiel noch in den Sand gesetzt haben … ich war supernervös.

Jan de Witt beim tennisnet-Interview in Paris
© privat/tennisnet
Jan de Witt beim tennisnet-Interview in Paris

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