Mach's wie die Schildkröte

Schildkröten sind langsam, aber das wissen sie. Tennisspieler sind vieles, wissen es aber oft nicht. Zeit, das zu ändern!

von Marco Kühn / tennis-insider.de
zuletzt bearbeitet: 04.09.2017, 17:32 Uhr

Turtles mit Roger Federer, Rafael Nadal und Co.

Schildkröten sind faszinierende Tiere. Sie können Routen von mehreren tausend Kilometern hinter sich bringen, ohne dabei den Mut oder die Kraft zu verlieren. Natürlich braucht eine Schildkröte für ihren Marsch länger als fast alle anderen Lebewesen auf unserem Planeten. Der entscheidende Unterschied ist aber, dass die Schildkröte ihr festgelegtes Ziel erreicht. Dabei spielt es keine Rolle, wie lange die Schildkröte für dieses Unterfangen benötigt. Die anderen Lebewesen hingegen überstehen solch lange Routen meist nicht. Sie kommen, im Gegensatz zur Schildkröte, nie an ihrem Ziel an. Wie ist das möglich? Wie kann es sein, dass ein solch langsames Lebewesen tausende von Kilometern zurücklegt, wenn schnellere Lebewesen nie ihr Ziel zu Gesicht bekommen?

Die Antwort ist simpel: Die Schildkröte ist ein Großmeister darin sich ihre Kräfte klug einzuteilen. Sie kann im richtigen Moment ihre Pausen einlegen, um anschließend mit den verfügbaren Kräften ihre Route weiterzugehen und ihr Ziel zu erreichen. Du kannst dir von der Schildkröte genau dies für deine langen Ballwechsel abschauen. Lass uns herausfinden, wie du die Fähigkeiten der Schildkröte für dich auf dem Platz nutzen kannst.

Dein Budget

Es kann dir immer wieder passieren, dass du den Weg über die längeren Ballwechsel gehen musst. Zum Beispiel, wenn dein Gegner wie eine Ballwand jeden Ball halbhoch zurückspielt. Wenn du selbst sehr unsicher in deinen Schlägen bist und zunächst die nötige Sicherheit zurückerobern willst. Oder wenn der Sandplatz vom Regen sehr weich geworden ist und deine harten Schläge förmlich im Sand steckenbleiben. Du musst diese langen Ballwechsel also immer in deinen Matchplan aufnehmen und dein Budget an Kraft dementsprechend ausrichten. Wenn du innerhalb der ersten drei Aufschlagspiele bereits dein gesamtes Kraft- und Konditionsbudget aufgebraucht hast, führst du vielleicht mit 3:0, verlierst das Match aber mit 3.6 und 1:6.

Es ist nicht selten, dass Spieler wie die Feuerwehr starten, anschließend aber kaum noch Zugriff auf das Match bekommen. In diesen Fällen wird dann davon gesprochen, dass sie "angefangen haben nachzudenken" oder "unsicherer bei den Grundschlägen wurden". Dies ist kein Wunder, denn mit der schwindenden Kondition verschwindet auch die Konzentration. Kannst du dich nicht mehr richtig konzentrieren, flattern deine Gedanken planlos durch deinen Kopf - und deine Grundschläge ins Aus. Wenn du ruhig atmen kannst, kannst du auch deine Gedanken beruhigen. Sind deine Gedanken wie ein ruhiger See, kannst du besser Entscheidungen auf dem Platz treffen und besser spielen. Bist du aber außer Atem, wirst du auch deine Gedankenwelt kaum noch kontrollieren können. Dies ist dann so, als würde man Steine in den ruhigen See werfen. Flitzt deine Gedankenwelt wie von der Biene gestochen durch deinen Kopf, wirkt sich dies unweigerlich auf deine Performance auf dem Platz aus. Du musst also dein Budget an Kraft und Kondition richtig einteilen, um in langen Ballwechseln immer so präsent wie möglich zu sein.

Einteilen deiner Kräfte

Du kennst dich selbst am besten. Du weißt um deine Kondition und Kraft. Es wird dir also wenig bringen, wenn du dir im Fernsehen genau anschaust, wie ein Rafael Nadal sich seine Kräfte einteilt, wenn du eigentlich eher ein lauffauler Spieler bist. Du musst für dich selbst die wichtigen Fragen beantworten, um dein Budget richtig einzuteilen:

- Bin ich konditionell bereit, um regelmäßig Ballwechsel über vier Schläge zu gehen?

- Wie kann ich lange Ballwechsel vermeiden?

- Wie teile ich mir kurze und lange Ballwechsel auf das gesamte Match bezogen ein?

Du musst für dich klären, ob du überhaupt lange Ballwechsel regelmäßig in einem Match gehen kannst. Wenn dein Budget an Kraft und Kondition eher gering ist, musst du Wege finden die Ballwechsel in wichtigen Matchsituationen kürzer zu gestalten. Eine Schildkröte gönnt sich auch immer Pausen auf ihren langen Wanderungen. Auch sie könnte nicht an einem Stück mehrere tausend Kilometer hinter ihren Panzer bringen. Du kannst dir mehr Pausen in deinem Spiel gönnen, indem du etwas länger als dein Gegner beim Seitenwechsel auf der Bank sitzen bleibst, die Pausen zwischen den Ballwechseln ergiebig nutzt, Stopps einstreust oder den Weg ans Netz suchst. Ebenfalls effektiv ist es nicht jedem Ball hinterherzulaufen. Du würdest nur Budget verbrennen, welches du im weiteren Verlauf des Matches besser benötigen kannst.

So wie die Schildkröte sich ihre Kräfte für ihre langen Wanderungen einteilt, kannst auch du dir deine Kraft und Kondition für ein Match einteilen. Wichtig ist, dass du dich selbst gut einschätzen kannst. Die Schildkröte weiß auch, dass sie nicht die Schnellste ist. Doch kann sie ihre vorhandenen Fähigkeiten richtig nutzen. Sei dir vollkommen bewusst darüber, dass du nur ein ganz bestimmtes Budget zur Verfügung hast. Dann fällt es dir leichter mal einen Ball laufen zu lassen, weil du genau weißt, dass du die Kraft noch für wichtigere Matchsituationen brauchen wirst. Neben all den technischen und taktischen Aspekten ist deine Einteilung deiner Kraft- und Konditionsreserven ein Knackpunkt, um deine Ergebnisse auf der Anzeigetafel zu verbessern. Optimiere also dein Budget, setze es clever ein und du wirst Erfolge sehen. Vielleicht hilft dir die Eselsbrücke aus diesem Artikel, die Schildkröte, bei deinem nächsten Match.

von Marco Kühn / tennis-insider.de

Montag
04.09.2017, 17:32 Uhr