"Ich schwimme gerne gegen den Strom"
Kein stromlinienförmiges Produkt aus China: Na Li hat ihr erstes Grand-Slam-Finale erreicht - und sich stets ihre Individualität bewahrt.
von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet:
27.01.2011, 19:30 Uhr

Von Jörg Allmeroth
An den ersten kleinen Moment der Rebellion erinnert sich Na Li noch ganz genau. Sie war 11 Jahre alt, in eine kleine Sport-Eliteschule abkommandiert, und ihr Trainer forderte nach stundenlangem Training von ihr: „Wir machen noch weiter.“ Li sagte: „Nein“. Der Trainer sagte: „Du machst weiter“. Und sie sagte noch einmal: „Nein.“ Am nächsten Tag stellte der Trainer sie einfach an die Grundlinie, ließ sie stehen. Und sagte, sie müsse dort stehenbleiben, bis sie sich entschuldige. Sie weigerte sich. Einen Tag lang, dann noch einen Tag. „Erst nach drei Tagen habe ich dann doch Sorry gesagt“, erinnert sich Li, „es gab noch keine Chance, aus diesem System auszubrechen.“
Gezähmt haben die grauen Funktionärskader die Widerspenstige dann aber doch nicht – und als Na Li am Donnerstag als erste Chinesin und Asiatin ein Grand-Slam-Endspiel erreicht hatte, in einem sporthistorischen Moment, da stand auf dem Centre Court nicht etwa ein stromlinienförmiges Produkt aus dem Drillprogramm des Milliardenstaates. Sondern eine eigenwillige, unkonventionelle und im Zweifelsfall aufsässige Solistin, die gerade wegen ihrer persönlichen Unabhängigkeit und wegen ihrer Selbstbestimmtheit gut und erfolgreich Tennis spielt: „Ich bin meinen eigenen Weg gegangen und gern gegen den Strom geschwommen“, sagte die überglückliche Tennisheldin, deren Popularität daheim nur von Basketball-Supermann Yao Ming und von Hürdensprinter Lu Xiang übertroffen wird.
Einen Tag nach dem tränenreichen Abgang von Rafael Nadal in der Herrenkonkurrenz besiegelte Li Na mit einer leidenschaftlichen Aufholjagd jedenfalls auch das Schicksal der anderen Nummer 1, der Dänin Caroline Wozniacki: Die Blondine hatte zwar im zweiten Satz, bei einer 5:3-Führung, einen Matchball zum Finaleinzug, doch am Ende siegte die couragierte, nie verzagende Li Na hochverdient mit 3:6, 7:5 und 6:3 – die Frau, die nach einer elf Spiele währenden Siegesserie nun auch als erste Titelfavoritin für den Pokalsieg in der Rod Laver-Arena gelten muss. Nur noch Kim Clijsters (6:3, 6:3 gegen Vera Zwonerewa), die tüchtige belgische Tennismama, könnte nun den ersten Grand-Slam-Erfolg für China verhindern – allerdings hatte die zielstrebige Flämin im Finale des Vorbereitungsturniers in Sydney gegen keine andere als Li verloren.
Sieg trotz schlafloser Nacht
Selbst eine unruhige Nacht vor dem Halbfinale konnte die Chinesin letztlich nicht davon abhalten, ihren langen, turbulenten Marsch durch die Tennis-Institutionen mit dem denkwürdigen Erfolgsmoment zu krönen: „Mein Mann hat so laut geschnarcht, dass ich ungefähr jede Stunde wach wurde“, sagte Li zum Gelächter der Centre-Court-Besucher im ersten Blitzinterview fürs lokale Fernsehen. Gefragt, warum sie sich nach dem durchwachsenen Spielstart noch zum Sieg aufgerappelt habe, gab Chinas Frontfrau kurz und knapp zu Protokoll: „Wahrscheinlich wegen des Preisgeldes.“ Da hatte die unverklemmte Chinesin die Lacher gleich noch mal auf ihrer Seite.
Li war schon immer die erste in Chinas Frauentennis. Die erste Spielerin, die ein WTA-Turnier gewann. Die erste Spielerin, die in die Top 30 der Weltrangliste stieß. Die erste Spielerin, die ein Grand-Slam-Viertelfinale erreichte. Und nun eben auch die Avantgardistin, die erstmals im ultimativen Match bei einem Major-Turnier auf den Platz marschieren durfte, passenderweise bei den Australian Open, deren Untertitel ja lautet „Grand Slam of Asia and the Pacific.“ Eine Überraschung sei Lis Coup beileibe nicht, sagte die ehemalige Weltklassespielerin Mary-Joe Fernandez: „Sie spielt gerade in der Form ihres Lebens, ist unglaublich solide und ausdauerstark. Und sie hat auch den Mut, Punkte machen zu wollen – und nicht auf Fehler zu warten.“
"Was will die blöde Kuh da unten?"
Nationaltrainer Hong Wie Jiang, der auch das olympische Golddoppel Li Ting und Sun Tiantian (2004 Athen) formte, hatte einst eine offenherzige Begründung geliefert, warum sich die Sportführung des Landes auf die Förderung des Frauentennis konzentriert habe: „Sie sind leichter zu trainieren und zu lenken.“ Doch bei Li Na waren sie stets an die Falsche geraten: In Teenagerjahren brachte sie Coaches und Verbandsobere gern zur Weißglut, mal mit Piercings in den Ohren, mal mit ausgedehnten Shoppingtouren. Und dann auch mit einer jähen zweijährigen Tennis-Auszeit, in der sie zusammen mit ihrem Mann und heutigen Coach Jiang Shan Medienwissenschaften studierte. Erst 2004 kehrte sie ins Profitennis zurück, und zwar so erfolgreich, dass man bald über die „Goldenen Blumen“ zu schwärmen begann, über Li Na und ihre Landsfrau Zie Jheng.
Mit ihrem Gatten Shan, den sie schon aus Sandkasten-Zeiten kennt, durchmaß sie alle Höhen und Tiefen dieser außergewöhnlichen Karriere – einer Karriere, die vom Freiheitswunsch im Zwangsapparat geprägt war. „Ich habe mir meine Freiheit erkämpft. Durch Leistung“, sagt Li. inzwischen wird sie wieder vom Ehemann gecoacht, der den in Richtung Maria Sharapova abwandernden Schweden Thomas Hogstedt zu Saisonstart ablöste. Dem Lebenspartner setzt Li auch gern mal heftig zu, mit Schimpftiraden und wilden Gesten. Er sei aber der einzige, „der das wirklich versteht“, so Li, „jeder andere würde doch sagen: Was will die blöde Kuh da unten.“(Foto: J. Hasenkopf)
