Nicolas Kiefer: „Alcaraz ist der mit Abstand kompletteste Spieler“
Nicolas Kiefer ist mit seiner NK-4-Tour und Trainingscamps in Robinson Clubs gut ausgelastet. Der ehemalige Top-5-Spieler verfolgt die professionelle Tennisszene aber immer noch ganz genau.
von Jens Huiber
zuletzt bearbeitet:
21.03.2026, 20:38 Uhr

Tennisnet: Herr Kiefer. Wie oft stehen Sie dieser Tage schon auf dem Court?
Nicolas Kiefer: Meine Tennissaison beginnt tatsächlich nächste Woche - es geht in die Türkei. Dort leite ich mein erstes Kindercamp im Robinson Pamfilya und im Anschluß Ende April folgt dann ein Tennis Camps im Robinson Sarigerme Park. Seinerzeit habe ich dann auch wirklich aktiv wieder zum Schläger gegriffen. Meistens Ende April, Anfang Mai, weil die Punktspiele angestanden haben. Aber da lasse ich mir jetzt dieses Jahr noch ein bisschen Zeit, - weil ich lieber aufs nächste Jahr spekuliere, wenn ich 50 werde. Aber es gibt ja auch noch die NK-4-Tour. Da steht am Wochenende in Hannover das erste Turnier an.
Tennisnet: An wen richten sich ihre Camps in den Robinson Resorts?
Kiefer: Definitiv an alle Urlauber, die in den betreffenden Zeiträumen vor Ort sind. Teilweise buchen die Gäste natürlich auch vorher und kommen nur wegen der Camps dahin. Jetzt in Pamfilya zum Beispiel veranstalten wir ein reines Kindercamp, Ende April ein reines Erwachsenencamp. Das ist natürlich auch ein super Zeitpunkt zur Saisonvorbereitung. Vormittags stehen 90 Minuten Gruppentraining auf dem Programm, am Nachmittag freies Spiel oder ein Turnier.
Tennisnet: In jüngster Vergangenheit sind eine Konkurrenz-Sportarten auf der Bildfläche erschienen. Padeltennis oder Pickleball etwa. Verliert Tennis seine Vormachtstellung?
Kiefer: Wenn, dann tendenziell eher im Erwachsenenbereich, aber im Jugendbereich ist nach wie vor Tennis am Boomen. Das Schöne ist ja: Wir haben Nadal gehabt, wir haben Federer, Djokovic gehabt, jetzt kommt ein Sinner, ein Alcaraz. Und das sind natürlich unglaubliche Vorbilder, nicht nur auf dem Platz sondern auch außerhalb. Diese Vorbilder gibt es im Padel oder Pickleball gar nicht. Deshalb funktioniert Tennis im Jugendbereich sehr, sehr gut. Im Erwachsenenbereich, ja, da kann man schon die Tendenz teilweise erkennen, dass es da Richtung Paddle geht, Ich habe bis jetzt noch keine Bindung zu dem Sport, aber ich denke schon, wenn man gut spielt, ist Padel auch ein schöner Sport.
Nicolas Kiefer - “Key Biscayne war Kult”
Tennisnet: Die Tennistour macht in diesen Tagen in Miami halt. Sie haben ja noch in Key Biscayne gespielt. Was hat das Turnier damals ausgemacht?
Kiefer: Das hat damit begonnen, dass wir in Miami Downtown gewohnt haben, dann über die Brücke gefahren sind - einfach einmalig. Das sind so Momente, da denkst du, wow, wo bin ich jetzt hier? Das ist einfach Kult gewesen. Ich kann jetzt beim Hard Rock Stadium nicht im Detail mitreden, weil ich noch nie dort war. Aber da fehlt irgendwas. Einfach so eine Tribüne reingebaut, das gefällt mir nicht.
Tennisnet: Zum aktuellen sportlichen Betrieb. Alexander Zverev versucht sich in den letzten Tagen ein bisschen offensiver. Was haben Sie bei ihm beobachtet?
Kiefer: Ich sage nach wie vor, dass Sascha unter Lendl am besten gespielt hat. Er selbst hat ja gesagt: ich muss aggressiver werden, wenn ich da oben mithalten will. Teilweise kann man es natürlich erkennen, dass er schneller spielt, aber auch das Match gegen Sinner in Indian Wells hat gezeigt: Jannik spielt einfach noch schneller und da reicht es für Sascha einfach nicht. Aber Sascha hat natürlich das Potenzial, um um Grand-Slam-Titel mitzuspielen. Er muss näher an die Grundlinie. Sein Volley ist solide, nichts Außergewöhnliches, aber vorne wird es entschieden.
“Den Volley von Agassi habe ich auch gerne gespielt”
Tennisnet: Und der Unterschied zu Sinner?
Kiefer: Warum sagt Janik Sinner nach der Saison 2025 dass er an seinem Netzspiel arbeiten muß. Ja, weil er weiß, dass er sein Netzspiele verbessern muß, um den nächsten Schritt zu gehen, muss er seinen Volley verbessern. Carlos Alcaraz ist mit Abstand der kompletteste Spieler. Carlos hat ein gutes Offensivspiel, ein gutes Defensivspiel, er schlägt gut auf, er returniert gut, hat unglaubliches Spielverständnis und ein sehr gutes Händchen - auch am Netz.
Tennisnet: Auffällig sind ja auch die unterschiedlichen Herangehensweisen: Sinner spielt praktisch nur durchgezogene Volleys, Alcaraz eher die klassische Variante. Zverev ist irgendwo mitten drin. Gibt es da eine reine Lehre?
Kiefer: Ich glaube, das kann man nur schwer vergleichen, weil bei Sinner nach dem Aufschlag meistens ein kurzer Ball zurück kommt und den kann er super aus der Luft nehmen. Und so trainiert er auch, Aufschlag und 1. Ball! Carlos Alcaraz ist halt einer, der geht weiter nach vorne durch und spielt den Volley entspannt rein. Also ein bisschen mehr mit Ballgefühl und ein Sinner ein bisschen mehr mit brachialer Gewalt. Wer sich erinnern kann: Wie oft hat Andre Agassi den Ball hoch aus dem T-Feld und aus der Luft genommen, seine Vorhand durchgezogen, die Rückhand durchgezogen. Geiler Ball. Den mochte ich auch ganz gerne. Hab ich auch gerne gespielt.
Tennisnet: Abgesehen von Alexander Zverev sieht es im deutschen Männertennis eher trübe aus. Vor allem der Übergang vom Junioren- in den Erwachsenenbereich scheint immer schwieriger zu werden …
Kiefer: Es ist nicht so einfach, wie es immer aussieht. Wenn einer 50 in der Welt steht, das ist eine unglaubliche Leistung, auch wenn einer 100 steht, da hinzukommen. Wie viele Leute versuchen es? Der Weg ist hart und steinig. Also da braucht man echt Geduld. Geduld und Ausdauer.
