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Novak Djokovic: Ausnahmeregelung als Armutszeugnis für alle Beteiligten

Novak Djokovic darf ohne Impfung gegen das Coronavirus an den Australian Open 2022 teilnehmen. Diese Entscheidung ist ein Armutszeugnis für alle Beteiligten. Ein Kommentar.

von Nikolaus Fink
zuletzt bearbeitet: 04.01.2022, 20:09 Uhr

Novak Djokovic wird nun doch in Melbourne spielen
Novak Djokovic wird nun doch in Melbourne spielen

Nun also doch: Novak Djokovic wird dank einer medizinischen Ausnahmegenehmigung bei den Australian Open 2022 an den Start gehen. Während das Feld aus sportlicher Sicht durch die Teilnahme des Weltranglistenersten zweifellos an Qualität gewinnt, so ist diese für die australische Bevölkerung ein heftiger Schlag ins Gesicht.

Erst am 22. Oktober des vergangenen Jahres wurde in Melbourne der bis dato letzte Lockdown beendet, insgesamt befand sich die Millionenmetropole 262 Tage und somit länger als jede andere Stadt der Welt im Abriegelungsmodus. Dass mit dem ungeimpften Djokovic nun ausgerechnet jener Spieler nach Melbourne zurückkommt, der in der Corona-Pandemie mit am unverantwortlichsten agierte, ist an Absurdität kaum zu überbieten.

Djokovic und die Adria Tour

Djokovic war es, der im Sommer 2020 die Adria Tour ins Leben rief, mit seinen Kollegen fernab jeglicher Realität Partynächte genoss und sämtliche Zuschauer, die dem Geschehen praktisch ohne Sicherheitsmaßnahmen beiwohnten, in potentielle Gefahr versetzte. Dass der Serbe sich selbst mit COVID-19 infizierte, stellte nur die Spitze des Eisbergs dar.

Hatte Djokovic seinen Impfstatus bis zuletzt offengelassen, so positionierte er sich am Dienstag klar und deutlich. Selbstverständlich steht es auch dem 34-Jährigen frei, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, doch angesichts der fragwürdigen Entscheidung der zwei australischen Gremien wird der Eindruck erweckt, dass es global gesehen zumindest eine Zweiklassengesellschaft gibt.

Die Reichen und Mächtigen können es sich richten, während das "normale Volk" sich rigoros an die Maßnahmen zu halten hat. Monatelang war zahlreichen Australiern die Rückkehr nachhause verwehrt, Familien waren getrennt, eine 14-tägige Quarantäne zunächst ohnehin Pflicht. Doch Djokovic erhält ohne genaue Angabe von Gründen eine medizinische Ausnahmegenehmigung? Fair ist das nicht.

Medizinische Ausnahmen seien "kein Schlupfloch für privilegierte Tennisspieler", hatte der stellvertretende Premierminister James Merlino noch vor wenigen Tagen erklärt: „Es ist eine medizinische Ausnahme unter außergewöhnlichen Umständen, wenn man eine akute Erkrankung hat." Woran Djokovic leidet, ist nicht bekannt.

Zumindest fragwürdig ist allerdings, an welcher "akuten Erkrankung" der wohl fitteste Tennisspieler der Gegenwart leidet und wie er mit dieser bei einem Grand-Slam-Turnier bestehen soll. Fragen, auf die es wohl nie eine zufriedenstellende Antwort geben wird.

Inakzeptabler Kniefall

Nun ist es selbstverständlich nicht Djokovics Schuld, eine derartige Genehmigung erhalten zu haben. Vielmehr ist diesbezüglich Kritik an der Beurteilung der unabhängigen Gremien angebracht. Natalia Vikhlyantseva durfte trotz (oder aufgrund) einer Impfung mit Sputnik V nicht nach Australien einreisen, dem indischen Juniorenspieler Jr. Aman Dahiya wurde eine Ausnahmegenehmigung verwehrt. Dabei ist dieser nur deshalb nicht geimpft, weil in Indien bis vor Kurzem noch nicht mit der Impfung für Kinder unter 18 Jahren begonnen wurde. Da hilft es auch nicht, dass die anonyme Beurteilung sämtlicher Anträge stets in den Vordergrund gestellt wurde.

Denn einen Gefallen tat man sich in Australien mit dieser Entscheidung jedenfalls nicht. Turnierdirektor Craig Tiley, die Gremien und Djokovic selbst sahen sich Stunden nach dem Statement des Branchenprimus großteils heftiger Kritik ausgesetzt. Zurecht. Denn dass Djokovic ohne Impfung nach Australien einreisen darf, ist ein inakzeptabler Kniefall vor dem Weltranglistenersten. Oder eben ein Armutszeugnis für alle Beteiligten.

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