Angelique Kerber im Interview – „Olympia ist Gänsehaut pur“

Angelique Kerber fiebert den Olympischen Spielen entgegen, sie freut sich auf das Klassenfahrt-Gefühl, träumt von Gold und spürt lange vermisste Anerkennung.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 26.07.2016, 09:40 Uhr

LONDON, ENGLAND - JULY 05: Angelique Kerber of Germany plays a backhand during the Ladies Singles Quarter Finals match against Simona Halep of Romania on day eight of the Wimbledon Lawn Tennis Championships at the All England Lawn Tennis and Croque...

FürAngelique Kerbererfüllt sich mit ihrer zweiten Olympia-Teilnahme ein weiterer Kindheitstraum. Die Australian-Open-Siegerin undPorsche-Markenbotschafterinspricht im Interview mit dem Sport-Informations-Dienst (SID) über Gold-Träume,Serena Williamsund späte Anerkennung.

SID: In anderthalb Wochen werden die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro eröffnet. Sie reisen quasi das ganze Jahr um die Welt und haben es 2015 auf 83.673 dienstliche Reisekilometer gebracht. Welchen Wert hat für Sie die Teilnahme an Sommerspielen?

Angelique Kerber (28): Olympia hat eine unglaublich große Bedeutung für mich, mit jeder Teilnahme geht ein Kindheitstraum in Erfüllung. Als ich mit der ganzen Mannschaft bei meinen ersten Spielen 2012 in London ins Stadion gelaufen bin, das war Gänsehaut pur. Es war das absolut beste Gefühl - unbeschreiblich einfach, so etwas vergisst man nie mehr. Ich habe damals auf der Stadionrunde mitgefilmt. Und die Sequenzen schaue ich mir auch heute noch immer mal wieder an.

Sie sind Australian-Open-Siegerin und Wimbledon-Finalistin. Welche Ziele habe Sie für Rio?

Ich möchte eine Medaille holen, Gold wäre natürlich ein absoluter Traum. In London hat es leider nicht geklappt, da bin ich im Viertelfinale ausgeschieden. Aber ich habe in den letzten Jahren viel Erfahrung sammeln können. Ich freue mich auch auf das Doppel mit Andrea Petkovic. Ob ich im Mixed antrete, wird erst vor Ort entschieden. Und vielleicht reicht die Zeit sogar noch, um mir andere Wettbewerbe anzuschauen. Schwimmen würde mich interessieren, aber auch Volleyball, Handball oder Hockey.

Wie schwer wird es sein, bei Ihrer Medaillen-Mission die Balance zwischen dem sportlichen Ehrgeiz und dem Genuss des olympischen Klassenfahrt-Gefühls mit all den anderen Sportlern im Dorf zu finden?

Es wird interessant sein, das herauszufinden. Dieses Mal ist es ein bisschen Neuland, weil wir bei Olympia 2012 ja in Wimbledon gespielt haben. Wir kannten die Anlage, dort war alles vertraut. Der Wettkampf hat natürlich Priorität. Aber ich hoffe, das olympische Flair in Rio auch genießen zu können. Genauso wie das Gefühl, für Deutschland zu spielen. Ich spüre auch bei meinen Einsätzen im Fed Cup immer, dass mir das eine besondere Kraft verleiht. Die Abläufe vor einem Match werden bei mir aber wie bei einem normalen Turnier sein.

Ihre Final-Niederlage in Wimbledon gegen Serena Williams ist gut zwei Wochen her. Trauern Sie der vergebenen Chance noch hinterher?

Die Reise zur Hochzeit von Ana Ivanovic und Bastian Schweinsteiger nach Venedig war nach dem verlorenen Endspiel genau die richtige Ablenkung. Spaß beiseite: Auch mit ein bisschen Abstand kann ich mir nichts vorwerfen. Natürlich wird da immer ein bisschen Enttäuschung bleiben. Ich habe gut gespielt, Serena hatte die perfekte Antwort. Ich habe diese Partie nicht verloren, sie hat sie gewonnen. Doch dieses Match hat mir die Gewissheit gegeben, dass ich endgültig angekommen bin. Ich weiß, dass ich noch weitere Finals spielen kann - auch mit einem anderen Ausgang.

Man hat gerade bei diesem Endspiel gesehen, dass die Zuschauer Sie ins Herz geschlossen haben. Sie hatten über weite Strecken mehr Unterstützung als Williams. Wie wichtig ist Ihnen diese Form der Zuneigung?

Ich habe gemerkt, dass die Fans irgendwann im Match mehr auf meiner Seite waren. Ich spüre jetzt die Anerkennung. Für mich ist das einfach ein sehr gutes und schönes Gefühl. Es hat ein bisschen gedauert, aber die Leute zeigen jetzt auch, dass sie meine Leistung respektieren und schätzen. Das habe ich mir über die Jahre erarbeitet. Und ich genieße diese Situation.

Auf den Sieger-Pokal von Melbourne mussten Sie mehrere Wochen warten. Ist die kleine Wimbledon-Schale für die Finalistin schon in Ihrem Besitz?

Ja, sie steht bei mir zu Hause genau neben der Melbourne-Trophäe. Mein Name wurde gleich nach dem Match eingraviert. Also alles gut.

Martina Hingis meinte jüngst, Sie werden die nächste Nummer eins. Spätestens nach dem Rücktritt von Branchenführerin Serena Williams (34). Wäre es ein Unterschied für Sie, ob Sie den Tennis-Thron besteigen, wenn Williams noch aktiv ist oder erst danach?

Am Ende des Tages würde es für mich keinen großen Unterschied bedeuten. Es wäre aber trotzdem das i-Tüpfelchen, wenn es mir gelingen würde, solange Serena noch aktiv ist. Das hätte dann so etwas wie einen Wow-Effekt zur Folge und wäre eine tolle Begleiterscheinung.

Apropos Karriereende. Die Olympischen Spiele 2020 finden in Tokio statt. Mit Angelique Kerber auf dem Court?

Puh, das ist noch weit weg. Aber wenn ich gesund bleibe und mich gut fühle, wer weiß. Fakt ist, Olympia ist immer eine besondere Herausforderung für mich. Vielleicht auch in vier Jahren noch einmal.

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