"Ich bin kein No-Name mehr"

Die deutsche Nummer eins im Interview mit tennisnet.com.

von tennisnet.com
zuletzt bearbeitet: 05.09.2010, 08:20 Uhr

Von Jörg Allmeroth

Andrea Petkovic (22) ist die Himmelsstürmerin im deutschen Tennis. Die Darmstädterin erreichte bei den US Open erstmals in ihrer Karriere ein Grand Slam-Achtelfinale, am Samstag profitierte sie dabei von der verletzungsbedingten Aufgabe ihrer Gegnerin Shuai Peng (China). Sie trifft nun auf Wimbledon-Finalistin Vera Zvonareva. Im Interview mit tennisnet.com spricht "Petko" über Intellekt, Männer und Frauen im Tenniszirkus - und über deutsche Politik.

tennisnet.com: Frau Petkovic, Sie haben lange mit sich gerungen, ob Sie Profitennis-Spielerin werden sollen. Sie hatten große Zweifel und Ängste vor dem Einstieg in die Tour. Nun scheint es, als hätten sie alles richtig gemacht.

Andrea Petkovic:Es klingt ein wenig pathetisch: Aber Tennis hat sogar einen stärkeren Menschen aus mir gemacht, mal ganz abgesehen von dem Erfolg, den ich habe. Früher war ich doch ziemlich verschüchtert, auch ein wenig labil. Aber als ich mich beispielsweise nach meinem Kreuzbandriss in Melbourne 2008 wieder zurückkämpfen musste, habe ich erst gemerkt, was in mir steckt. Ich bin nicht mehr das Weichei, für das ich mich in meinen Jammerphasen früher hielt.

Hat Ihnen das auch geholfen, knifflige Matchsituationen zu überstehen – dieses neue Selbstwertgefühl?

Ganz sicher. Ich klopfe mir nicht auf die Schulter. Nur: Ich bin schon ganz schön tough und clever geworden. Das, was die Amerikaner eine Matchplayerin nennen. Ich gehe mit größerer Sicherheit auf den Platz, auch weil ich durch tiefe Frusttäler durchmarschierte und mir schwor: Das brauchst du nicht wieder. So wie diese beschissenen vier Matchbälle, die ich in Paris gegen Kuznetsova vergeigte.

Ihr Ehrgeiz ist früher oft in eine Übermotivation umgeschlagen.

Ich wollte oft zuviel auf einmal, setzte mir zu anspruchsvolle Ziele in zu kurzer Zeit. Im Spiel stand ich mir auch im Weg, weil ich zuviel nachdachte, tausend Ideen gegeneinander abwog. Ich kann mich jetzt aber viel besser auf das Wesentliche konzentrieren. Es ist banal, aber wahr: Du musst die einfachen Dinge gut machen. Und nicht dauernd rumgrübeln und Klagetante spielen.

Sie tragen ja das Etikett der Tennis-Intellektuellen mit sich herum, als Einser-Abiturientin und Politikstudentin. Nervt das manchmal auch?

Mit dem Begriff des Intellektuellen verbinden die meisten Leute ja etwas Schweres. Jemanden, der professoral hinter einer Denkerbrille dauernd dabei ist, die Welt zu erklären. So bin ich ja überhaupt nicht. Ich komme nicht daher und sage: Oscar Wilde hat dazu gesagt… Ich bin ein positiver, lebenslustiger Typ, der auf Leute zugeht, gern Quatsch und Unsinn macht und manchmal gut Tennis spielt. Wenn meine Freundinnen das hören mit der Intellektuellen, dann lachen sie sich tot.

Zyniker behaupten, Intelligenz schade im Sport nur.

Ein Fünkchen Wahrheit ist vielleicht dran. Ich habe in meiner Karriere zunächst auch vieles verkompliziert und mich gefragt: Wie mache ich dies und jenes? Oder gibt es nicht eine Alternative. Im Spiel selbst gilt auch: Zuviel Überlegen, Grübeln ist nicht gut.

Jetzt, wo Sie langsam, aber sicher ins Revier der absoluten Weltklasse vordringen: Werden Sie da auch von den Superstars wahrgenommen?

Immer öfter, ja. In Rom kam Serena Williams sogar letztens auf mich zu, fragte mich, ob ich nicht auch Sternbild Waage sei. Woraufhin ich sagte: Nein, Jungfrau. Da guckte sie etwas verwirrt und sagte: Ich dachte das, weil wir uns so ähnlich sind als Typen, ein bisschen crazy halt. Da dachte ich: Hallo, jetzt bin ich kein No-Name mehr.

Und eine wie Sharapova geht grußlos an Ihnen vorbei?

Die wird ja immer als diese eiskalte, selbstbezogene Frau beschrieben, die mit gehöriger Arroganz durch die Welt geht. So ist die aber nicht. Für mich hat die eine klare Trennung ihrer Privat- und Arbeitswelt geschaffen. Sie macht hier ihren Job, sagt ein paar obligatorische Nettigkeiten – und dann geht sie zu ihrer Familie und ihren Kumpels. Da gibt´s nicht das Geringste dran auszusetzen. Die heuchelt wenigstens keine Freundschaften vor.

Als Videobloggerin „Petkorazzi“ erhellen Sie auf Ihrer Internetseite gern einmal die Hintergründe des Wanderzirkus. Was ist denn gerade das Klatschthema Nummer eins?

Mal abgesehen davon, dass die Mädels hier in New York gern über die Herrenspieler lästern, die alle nackt durch ihre Umkleideräume laufen, wird über das Image von Roger Federer und Rafael Nadal hitzig diskutiert. Ist Federer der wahre Gentleman? Ist Nadal der rauhbeinige, wilde Charakter? Ich sage zu Nadal: Der wird öffentlich ganz anders gesehen, als er in Wirklichkeit ist. Er ist total höflich, nett, sehr schüchtern sogar. Der würde in einem Match ohne Schiedsrichter, glaube ich, nie einen Ball Aus geben, wenn er drin war.

Ticken Männer und Frauen eigentlich gleich im Tennis?

Die Männer sind gelassener. Sie scheinen das trotz aller Konkurrenz heiterer zu sehen. Die Frauen sind viel angespannter, laufen oft mit verkniffenem Gesicht herum. Und haben auch öfters nervliche Probleme auf dem Platz. Das ist kein Klischee, das ist so. Frauen können auch das, was auf dem Platz passiert, nicht so schnell zurücklassen wie die Herren der Schöpfung.

Zurück zu Ihnen. Sie haben ja bisher keinen Manager. Warum eigentlich?

Weil ich meine Freiheit behalten will. Und mir nicht von jemandem vorschreiben lassen möchte, was ich wie zu tun habe – um eines blütenweißen Images willen. Ich habe ein gutes Image, was will ich mehr. Wenn es um Deals geht, nehme ich professionelle Hilfe in Anspruch, berate mich auch mit meinem Vater. Bisher war das allemal genug.

Wie leicht fällt es Ihnen, sich Tag für Tag wieder neu zu motivieren?

Gar nicht. Ich bin von Natur aus jemand, der immer das Beste will, der sich nicht mit 95 Prozent zufrieden gibt. Nur so kannst du etwas werden, im Tennis, aber auch sonst im Berufsleben.

Fehlt anderen deutschen Spielern nicht diese Konsequenz? Die Bilanz in Flushing Meadow war ja ansonsten miserabel.

Generell ist das kein deutsches Problem. Es ist ein Problem der Wohlstandsländer, dass die Kids dort überwiegend mit einer anderen Einstellung an den Sport herangehen. Sie haben nicht wirklich viel zu verlieren. Andere können dagegen viel gewinnen.

Fühlen Sie sich eigentlich als Deutsche oder als Serbin?

Ich bin eine Deutsche mit einem serbischen Herz. Ich habe dieses Temperament, diese Extrovertiertheit, die viele aus dem Heimatland meiner Eltern charakterisiert. Aber ich denke und fühle sehr deutsch. Und bin auch so korrekt und regelfanatisch wie die Deutschen. Ich käme nie auf die Idee, ein Steak unter einem Berg Reis an der Kasse des Spielerzentrums zu verstecken. Es gibt Leute, die das tun. Die bezahlen bloß den Reis.

Sie haben ja auch schon mal über politische Ambitionen gesprochen, hospitierten einmal in der Hessischen Staatskanzlei bei Roland Koch. Hat Sie dessen Abgang eigentlich überrascht?

Ziemlich. Ich habe Schwierigkeiten, ihm das Argument abzunehmen, er wolle noch mal was anderes machen. Bei so einem Machtpolitiker. Da muss ich ihn ziemlich falsch eingeschätzt haben. Aber meine halb ernste, halb unernste Verschwörungstheorie lautet ja: Einige in der CDU wollen Frau Merkel loswerden und rufen dann in der Not nach Koch.

Noch ein Politiker sorgt daheim für Schlagzeilen, der Bundesbanker Thilo Sarrazin. Wie bewerten Sie, ein Kind von Einwanderern, seine Thesen?

Da will ich jetzt keine schlaue Meinung zu abgeben. Nur soviel: Meine Eltern steckten mich ohne Deutschkenntnisse in den Kindergarten. Anfangs hatte ich null Freunde, weil ich noch kein Deutsch konnte. Das änderte sich, als ich die Sprache sprach. Das Billigste ist immer noch, in Bildung und nochmal Bildung zu investieren. Ohne Deutschkenntnisse hätte das Leben in Deutschland keinen Sinn für mich. Wir haben in Deutschland natürlich auch so eine Mentalität, lieb zu sein und Toleranz zu zeigen bis zum Geht-nicht-mehr. Das ist falsch. Man muss Integration erzwingen, bei Menschen, die von sich aus nicht offen sind.

Sind Sie denn mit der Politik in Deutschland ganz allgemein zufrieden?

Wenn ich sehe, was anderswo läuft, sage ich: Wir leben im Paradies. Mich stört nur, dass jeder Politiker am Anfang seiner Karriere sagt, was er alles verändern will. Und nach drei, vier Jahren hat er seine Stromlinienform angenommen, redet geschliffen daher, ohne was zu sagen. Das ärgert mich, dass die Politik die Leute so wahnsinnig verformt.
(Foto: J. Hasenkopf)

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Sonntag
05.09.2010, 08:20 Uhr