Phänomen Alcaraz: Der jugendliche Revoluzzer in der Tennis-Hierarchie

Carlos Alcaraz mischt die Tennisszene auf. Und meldet Ansprüche an, der Nachfolger seines Landsmannes Rafael Nadal zu werden.

von Jörg Allmeroth
zuletzt bearbeitet: 09.05.2022, 13:52 Uhr

Knabbert schon an den ganz großen Preisen: Carlos Alcaraz
© Getty Images
Knabbert schon an den ganz großen Preisen: Carlos Alcaraz

Am Ende des nächsten triumphalen Tages hatte Carlos Alcaraz (19) noch ein paar tröstende, mildtätige Worte für seinen geschlagenen Finalgegner von Madrid übrig. Alexander Zverev, so sprach Alcaraz nach seinem 6:3, 6:1-Kantersieg, werde in Zukunft sicher „ein paar Grand Slam-Titel“ gewinnen und auch „auf Platz 1 der Weltrangliste springen.“ Es könnte allerdings auch sein, dass Zverev, aber auch anderen, viele Träume versagt bleiben, weil es eben diesen neuen Himmelsstürmer im Tennis-Universum gibt – den Spiel- und Spaßverderber Alcaraz, 19 Jahre jung. Mann der Stunde, Mann der Gegenwart, Mann der Zukunft in seinem Sport.

Unwiderstehlich zieht der kraftvolle Spanier als Phänomen durch diese Saison, keiner seit Rafael Nadal vor fast zwei Jahrzehnten hat sich derart eindrucksvoll und dynamisch in der Gipfelregion für höchste Titel und Ehren angemeldet. „Er ist gerade der Beste der Welt“, sagte Zverev am Sonntag nicht nur aus höflicher Pflichterfüllung bei den Masters-Zeremonien. Denn es stimmt ja auch schon fast: Alcaraz, dieser verblüffende Nadal-Klon, rangiert hinter seinem berühmten Landsmann und 21-maligen Grand Slam-Champion, schon auf Platz zwei der ATP-Jahreswertung – kein Wunder bei vier Titeln in den ersten gut vier Monaten der Spielserie 2022. 

Alcaraz schlägt in Madrid drei Top-5-Rivalen

Eins ist besonders bemerkenswert bei Alcaraz, dem Burschen mit den dicken Muskelpaketen: Sieben Matches gegen Top-Ten-Konkurrenz gewann er zuletzt in Folge, in Madrid schlug er als erster Teenager überhaupt drei Top-5-Rivalen. Erst Nadal, dann Djokovic, dann auch noch Zverev, den Deutschen, der nach Turbulenzen im Spielplan mit mehreren Nachtansetzungen keine Kraft mehr hatte, um den bei Kollegen als „Charlie“ bekannten Alcaraz zu bändigen.

Wer gedacht hatte, dass einer aus der Mitte-Zwanzig-Generation im Tennis einmal das Kommando von den Großen Drei übernehmen würde, also Medvedev, Tsitsipas oder Zverev, könnte sich getäuscht haben. Denn Alcaraz zählt gewiss nicht zu den Spielern, die einen kurzen Hype, eine kurze Aufstiegsgeschichte und einen tiefen Fall erleben. Der 19-jährige, der vor Jahresfrist noch jenseits der Top 100 in der Bestenwertung rangierte, ist eine Ausnahmeerscheinung – ein junger Kerl, der Power, Köpfchen und vor allem die Mentalität hat, um auf Jahre eine zentrale Rolle im Wanderzirkus zu spielen. Ob er einmal auf den Spuren von Nadal, Federer oder Djokovic wandeln kann, wird sich zeigen – dafür braucht er neben Konstanz auf höchstem Niveau auch das nötige Glück, von Verletzungen verschont zu bleiben.

Nadal bekommt Nachfolger aus dem eigenen Land

Nach den jüngsten aufeinanderfolgenden Sandplatzsiegen in Barcelona und Madrid – ganz wie ehedem sein Idol Nadal – legt Alcaraz erst einmal eine schöpferische Pause ein. Das Masters-Turnier in Rom muss ohne den neuen Superstar über die Bühne gehen, für Alcaraz zählt jetzt, die entscheidenden Kräfte für die Grand Slam-Strapaze in Paris zu sammeln. Dort muss er im Zweifelsfall gegen Leute wie Nadal, Djokovic oder andere veritable Sandplatzexperten über fünf Sätze an die körperlichen Limits gehen. „Mein Ziel ist klar: Ich möchte in diesem Jahr einen Grand Slam gewinnen“, sagt Alcaraz, der bisher in 28 von 31 Saisonmatches als Sieger den Court verließ. Die schmerzlichste Niederlage ereilte ihn dabei zu Jahresbeginn, als er gegen den damaligen Weltranglisten-Siebten Matteo Berrettini (Italien) bei den Australian Open im Tiebreak des fünften Satzes verlor.

Gut drei Monate später, kurz vor dem Höhepunkt der Sandplatzsaison, ist er nun selbst im Establishment angekommen – ohne etabliert zu wirken. Alcaraz verbreitet immer noch den Charme des jugendlichen Unruhestifters, des Revoluzzers in der Tennis-Hierarchie. Es wirkt alles wie eine Zeitreise zurück, ins Jahr 2005, in dem Rafael Nadal vor und nach seinem 19. Geburtstag die Welt des Wanderzirkus auf den Kopf stellte und den ersten von seinen mittlerweile dreizehn Roland Garros-Pokalen gewann. Dass Nadal ausgerechnet ein kongenialer Nachfolger aus dem eigenen Land und nicht von irgendwo anders aus der großen, weiten Tenniswelt erwachsen würde, ist durchaus verrückt in der ohnehin schon verrückten Geschichte von Carlos Alcaraz.

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von Jörg Allmeroth

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